Sieglinde Tausend mit den Feldpostbriefen von Hans vor 76 Jahren FOTOPRESS THOMAS SEHR

Sieglinde Tausend hat endlich eine Spur zu ihrem damaligen Brieffreund Hans gefunden. Vor fünf Monaten wandte sich die 86-jährige an den KURIER, weil sie wissen wollte, was mit dem ehemaligen Soldaten aus Berlin, mit dem sie sich vor 76 Jahren schrieb, geschehen ist. Nun hat sie Gewissheit, auch wenn sie traurig ist: Denn Hans ist bereits gestorben.

„Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie mir geholfen haben. Ohne Ihre Hilfe wäre ich keinen Schritt weitergekommen“, sagt Sieglinde Tausend erfreut. Bereits zuvor hatte sie selbst versucht, nach ihrem Brieffreund zu recherchieren und kam leider nicht weiter. Sogar an ihre Heimatzeitung im bayrischen Murnau hatte sie sich gewandt. Nach der Berichterstattung im KURIER hat das Berliner Landeserachiv geholfen, Hans Zürner ausfindig zu machen.

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Der ehemalige deutsche Soldat Hans vor den Trümmern im Zweiten Weltkrieg

Jetzt kam die traurige Nachricht: Er verstarb bereits 1984 mit 76 Jahren  in einer Klinik in Zehlendorf.  „Das ist zwar sehr schade, dass ich ihm nicht mehr persönlich begegnen kann, aber jetzt weiß ich wenigstens, dass er noch ein langes Leben hatte“, sagt sie. Die Rentnerin befürchtete nämlich, dass ihr Brieffreund im Krieg gefallen sein könnte.

Nach seinen letzten Zeilen von der Front am 1. Oktober 1944 hatte sie nämlich nichts mehr von ihm gehört. Brieffreundschaften zwischen Kindern und Soldaten waren zu Kriegszeiten nicht ungewöhnlich und wurden damals von den Nationalsozialisten gefördert.

Das Landesarchiv fand außerdem heraus, dass Hans verheiratet war und als Drogist arbeitete. Er wurde in Pankow geboren und später in Neukölln. Er war außerdem Mitglied der NSDAP, sei jedoch politisch nicht in Erscheinung getreten. Er sei von den Mietern des Hauses in Neukölln als zuvorkommender und hilfsbereiter Mensch eingestuft worden.

Ob er aufgrund seiner inneren Überzeugung Mitglied der Partei geworden sei, sei nicht zu ermitteln gewesen, da er sich nach Aussagen von Mietern politisch nie geäußert habe, heißt es in dem Schriftstück, das dem KURIER vorliegt. Hans hatte gegen einen ablehnenden Entscheid der Entnazifizierungs-Kommission Berufung eingelegt. Wie über seinen Berufungsantrag entschieden wurde, geht aus den Unterlagen allerdings nicht hervor.

Sabine Gudath
Das Haus an der Selchower-Straße in Neukölln: Hier hat Sieglindes Brieffreund Hans viele Jahre gelebt.

Seine Briefe hatte Sieglinde Tausend auch nach seinem plötzlichen Kontaktabbruch viele Jahre danach noch wie einen Schatz gehütet. Der schriftliche Austausch mit dem Soldaten hatte ihr etwas bedeutet. Hans sei damals so etwas wie ein Ersatzvater für sie gewesen, weil ihr Vater früh an Tuberkulose verstorben war.

Besonders sein letzter Brief, in dem er ihr schrieb, dass er ihr zu ihrem nächsten Geburtstag gratulieren will, hatte sie sehr gerührt. Darauf wartete Sieglinde Tausend bis heute vergeblich. Nun weiß sie, dass sie auch nie wieder etwas von ihrem Hans hören wird. Sie sagt: „Möge er in Frieden ruhen. Er war ein besonderer Mensch.“ Seine liebevollen Zeilen an sie, wird sie wohl nie vergessen.