Sieglinde Tausend hält einen vergilbten Brief in ihren Händen. Es ist der letzte von Vieren, den sie am 1. Oktober 1944 erhielt. Der Absender war Hans Zürner, ein deutscher Soldat. Inzwischen sind fast 76 Jahre vergangen. Trotzdem kann die 86-jährige aus Murnau bei Garmisch-Patenkirchen (Bayern) nicht aufhören, an ihren damaligen Brieffreund zu denken und sucht nach einer Spur. Und die führt nach Berlin, weil der Adressat dort damals lebte. 

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Sieglinde Tausend sucht ihren Brieffreund.

Die ältere Dame lässt vor allem eine Frage nicht los. „Ich möchte wissen, ob Hans den Zweiten Weltkrieg überlebte. Das hätte ich ihm so sehr gewünscht“, sagt sie. Deshalb hat sie sich nicht nur an den Berliner KURIER, sondern auch schon an ihre Heimatzeitung, den Münchner Merkur gewandt. Doch bislang verlief ihre Suche ergebnislos. Sieglinde Tausend vermutet, dass ihr Brieffreund inzwischen schon verstorben sein könnte. Doch auch über Kontakt zu seinen Nachfahren, die ihr etwas zu seinem Verbleib erzählen könnten, würde sie sich sehr freuen. 

Sie schrieb schon in der Schule gern Gedichte

Ihre Brieffreundschaft begann mitten im Zweiten Weltkrieg. Sieglinde Tausend war gerade erst neun Jahre alt, als das Nazi-Regime die Bürger aufforderte, die Soldaten an der Front mit persönlicher Post aufzuheitern. „Ich schrieb schon in der Schule gern Gedichte und meine Pflegemutter bat mich, ein paar Zeilen zu schreiben. Sie selbst hatte für die Männer warme Pullover, Handschuhe und Stirnbänder gestrickt.“

Nachdem sie das Paket versendet hatten, erhielt das damals neunjährige Mädchen per Feldpost eine Antwort des Empfängers. „Liebe kleine Sieglinde“, schrieb ihr Hans Zürner am 27. Februar 1944. „Dein nettes Briefchen an einen unbekannten Soldaten geriet in meine Hände und ich habe mich gefreut, von einem so kleinen Mädchen mit einem romantischen Namen Grüße zu bekommen.“ Er bedankte sich auch für eine Enzian-Blüte, die Sieglinde in ihren Brief hineingelegt hatte. So etwas gebe es bei ihnen in Berlin nicht und „auf der Krim erst recht nicht“, äußerte sich der Obergefreite. 

Er befände sich in einer „ganz öden Steppengegend“. Dort sagten sich die ‚Füchse gute Nacht‘. Bei ihr sei es natürlich schöner und romantischer – im Gebirge, das er auch aus dem Urlaub kenne. Hans Zürner fügte ihr sogar Luftpostmarken bei, damit sie ihm wieder antworten konnte. 

Seine warmherzigen Briefe hätten ihr viel Kraft gegeben

„Seine Briefe haben mich so sehr berührt. Weil ich zwischen den Zeilen spürte, dass er mich mochte“, erinnert sich Sieglinde Tausend. Sie hatte sich „so sehr nach Aufmerksamkeit und Liebe gesehnt, weil sie bei Pflegeeltern aufwuchs, die ihr nicht so viel davon gegeben hatten.“ Ihr Hans sei wie ein Ersatzvater für sie gewesen, da ihr leiblicher Vater damals an Tuberkulose starb. Die Eltern hätten sie an eine Pflegefamilie vermittelt, da ihr Vater in den „Hitler-Zeiten“ politisch sehr aktiv gewesen sei und sie ihr Kind in der eigenen Familie nicht mehr gut aufgehoben gesehen hätten. 

„Meine Pflegemutter war gut zu mir, aber sehr streng und hat kaum Gefühle gezeigt“, sagt Sieglinde Tausend. Deshalb hätten ihr die warmherzigen Briefe von Hans Zürner viel Kraft und Geborgenheit gegeben. Doch mit dem letzten Brief am 1. Oktober 1944 riss der Kontakt plötzlich ab. „Dabei versprach mir Hans darin noch, mir zu meinem nächsten Geburtstag im Sommer zu gratulieren“, so die 86-jährige. Auf seine Glückwünsche wartete sie vergeblich. 

„Solche Brieffreundschaften zwischen Kindern und Soldaten existierten früher sehr häufig“, weiß Dr. Christian Packheiser vom Institut für Zeitgeschichte in München. Zu Kriegszeiten seien solche Kontakte zwischen Front und Heimat von den Nationalsozialisten gezielt gefördert worden, um die Verbundenheit zwischen Soldaten und Bevölkerung zu stärken. Am bekanntesten sei die Aktion ‚Briefe an einen unbekannten Soldaten‘, bei der vor allem junge Frauen aus dem Bund Deutscher Mädels animiert worden seien, an die Front zu schreiben. Allerdings hält es Packheiser für sehr schwierig, den Brieffreund von Sieglinde Tausend ausfindig zu machen. Zwar gebe es soziale Einrichtungen, wie beispielsweise das Deutsche Rote Kreuz, die bei der Suche nach vermissten Soldaten unterstützen, aber dieses Angebot richtet sich eher an Angehörige.

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Die vergilbten Feldpost-Briefe von 1944.

Sie nahm seine Briefe sogar mit in die USA

Seine Briefe von der Front hatten Sieglinde Tausend in den harten Kriegsjahren so viel bedeutet, dass sie sie sogar später mit in die USA nahm. Denn dorthin folgte sie mit 18 Jahren einem amerikanischen Soldaten und heiratete ihn. Aus ihrer Beziehung sind sechs Kinder hervorgegangen. Doch die Ehe hielt nicht und mit 56 Jahren traf sie völlig unerwartet doch noch die große Liebe bei einem Klassentreffen in Deutschland, wie sie verrät. Er war ihr ehemaliger Schulkamerad und hieß auch noch Hans. Wie ihr Brieffreund. Doch ihr zweiter Ehemann starb an einer Krebserkrankung und seitdem ist Sieglinde Tausend wieder allein.

Privat
Der Soldat Hans Zürner aus Berlin schrieb Sieglinde Tausend im Zweiten Weltkrieg von der Front Briefe. Auf diesem Foto aus den 40er Jahren, das er seiner Brieffreundin mit in die Feldpost legte, steht er vor zertrümmerten Gebäuden. 

Den Namen Hans verbindet sie mit großem Glück, sagt sie. Sie hofft, dass ein Familienmitglied von ihrem Brieffreund den Artikel liest und sich bei ihr meldet. Sieglinde Tausend möchte endlich wissen, was mit Hans geschehen ist und wie sein Leben verlaufen ist. „Sonst finde ich keine Ruhe“, sagt sie traurig.