Die angeklagten Brüder sitzen zu Prozessbeginn am Mittwoch im Saal des Berliner Landgerichts und schweigen. Pressefoto Wagner

Sie wollte frei und nach westlichen Werten leben. Der Wunsch aber soll Maryam H. (34) zum Verhängnis geworden sein.

Zwei ihrer Brüder stehen nun vor Gericht. Sie sollen Maryam H. getötet, ihre Leiche in einem Koffer per Bahn quer durch Deutschland gefahren, sie dann verscharrt haben.

Ein Schwestermord im Namen der „Ehre“? Die Staatsanwältin geht davon aus: „Sie wurde getötet, weil die Angeklagten nicht damit einverstanden waren, dass sie entgegen den Moralvorstellungen der beiden Männer eine teilweise modernere Lebensführung verfolgte.“

Ein Fall, der erschütterte. Der eine Debatte um den Begriff „Ehrenmord“ auslöste und auch um gescheiterte Integration von Flüchtlingen. Denn die beiden Brüder waren als Jugendliche nach Deutschland eingereist. Doch sie kamen wohl nie an, hielten fest an archaisch-patriarchischen Strukturen ihrer erzkonservativen Familie aus Afghanistan, in der Frauen nichts zu sagen haben.

Die Schwester war als 16-Jährige in Afghanistan zwangsverheiratet worden

Maryam H. lebte zuletzt mit ihren beiden Kindern (14, 10) in einem Flüchtlingsheim in Alt-Hohenschönhausen. Dort wollte sie die Fesseln der Vergangenheit abschütteln.

Sie war als 16-Jährige in Afghanistan zwangsverheiratet worden. Der Mann soll sie auch geschlagen haben. Erst in Kabul, dann in Berlin. 2018 trennte sie sich von ihm, beantragte die Scheidung auch nach islamischem Recht. Und sie verliebte sich in einen anderen Mann.

Lesen Sie auch: Endstation Zuflucht! Ukrainische Flüchtlinge am Hauptbahnhof Berlin: Die Zahlen steigen sprunghaft>>

Ihre Brüder sollen ihr den Kontakt zu dem neuen Mann verboten haben. Sie hätten ihre große Schwester kontrolliert, ihr Vorschriften gemacht. Ihre Scheidung hätten sie als Ehrverlust für die Familie angesehen.

Sie hätten sie gedrosselt, gewürgt, ihr mit einem wuchtigen Schnitt die Halsschlagader durchtrennt

Yousuf H. soll Anfang Juli 2021 im Internet nach einem bestimmten Reisegepäck gesucht haben: Koffer, bis 70 Kg, Berlin. Dann hätten sie ihre Schwester vermessen – bei einem scheinbar harmlosen Spiel mit ihren Kindern: „Wir wollen mal sehen, wie groß und schwer ihr seid.“

Lesen Sie auch: Die ersten Schritte in Berlin: Das müssen Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine bei der Ankunft in Berlin wissen – Важлива інформація для біженців з України при прибутті в Берлін>>

Dann der 13. Juli vorigen Jahres. Maryam H. verließ das Haus – ihre Brüder sollen sie in eine Falle gelockt haben. Die Anklage geht davon aus: „Vor 16.30 Uhr wirkten die Angeklagten gemeinschaftlich auf sie ein.“ Sie hätten sie gedrosselt, gewürgt, ihr mit einem wuchtigen Schnitt die Halsschlagader durchtrennt. Mit Klebeband sollen sie die getötete Schwester verschnürt, sie dann in einen großen schwarzen Rollkoffer gestopft haben.

Die Angeklagten verfolgten alles schweigend

Ihr Freund konnte sie nicht auf dem Handy erreichen. Er ging zur Polizei. Es kam zu Vernehmungen. Schnell gerieten die Brüder unter Verdacht. Videoaufnahmen belegen: Sie waren mit einem großen Koffer unterwegs, trugen ihn am Bahnhof Südkreuz durch die Bahnhofshalle. Bei der Polizei sollen die Brüder erklärt haben, sie hätten schwere Kleidung transportiert.

Sie 3. August sitzen sie in U-Haft. Ihre Anwälte sprechen von Vorverurteilung. Eine „lang andauernde und möglicherweise auch konfliktreiche“ Verhandlung wurde angekündigt.

Mehrere Anträge der Verteidiger zu Prozessbeginn – gegen einen Dolmetscher, gegen den Nebenklage-Anwalt, der die beiden Kinder vertritt, gegen die Verwertung von Angaben des jüngeren Bruders bei der Polizei. Die Angeklagten verfolgten alles schweigend. Fortsetzung: Freitag.