Kann so der neue Arbeitsplatz an einer Lichtenberger Schule aussehen?
Markus Wächter 

Während es an Berliner Schulen an diesem Morgen zur ersten Hofpause klingelt, sammelt sich eine kleine Menschentraube vor dem Rathaus Lichtenberg. Am Ende werden es 80 Interessenten sein, die sich zu einer besonderen Fahrt, die hier startet, angemeldet haben. Der Bezirk Lichtenberg geht kreative Wege, um an Personal für seine derzeit über 50 Schulen zu gelangen und hat Lehrerinnen, Erzieher, Quereinsteiger und Interessierte zu einer Werbefahrt an zehn Schulen im Bezirk eingeladen.

Lehrinnen und Lehrer sind in der ganzen Stadt heiß begehrt

Mit ein bisschen Fantasie geht es hier zu wie bei einer Kaffeefahrt. Die einen wollen mal schauen, was so im Angebot ist an Schulen im Bezirk, der sich als erster als „familienfreundlich“ zertifizieren ließ – oder an offenen Stellen. Mittags gibt es einen Snack. Die anderen, Rathauschef Grunst, der Schulstadtrat Martin Schaefer und Martina Roth von der Senatsbildungsverwaltung, die die Tour initiierten, sind auf der Suche nach Menschen, die in Berlin Mangelware sind: pädagogisches Personal und solche, die es werden wollen.

Reiseleiter ist in diesem Fall Bezirksbürgermeister Michael Grunst, der die Begrüßungsansprache im Rathaus-Hof hält. Im Rund vor ihm stehen Menschen mit unterschiedlichsten Motivationen und Hintergründen: Da ist die junge Lehrerin, die Englisch und WAT in Brandenburg unterrichtet, aber in Lichtenberg wohnt. Sie würde gerne einen kürzeren Arbeitsweg haben. Da ist die Journalistin, die über einen Quereinstieg nachdenkt, und die Vorstandsassistentin, die ebenfalls erwägt, den Beruf zu wechseln. Daneben hört eine Sozialarbeiterin, die nach der Elternzeit an einer Schule arbeiten möchte, zu, wie der Schulstadtrat berichtet, dass allein in den vergangenen Jahren sieben Grundschulen im Bezirk öffneten, fünf Schulen im Bau und zwölf weitere in der Planung seien.

Auf drei Routen werden insgesamt zehn Schulen im Bezirk angefahren. Lehrerinnen erhalten so viele Einblicke in verschiedene Schulen.
Markus Wächter 

Keine Lust auf Brennpunktschule – endlich wieder Unterricht machen

Mehr als genug Perspektive für die gestandene Lehrerin aus einer Brennpunktschule in Mitte. Sie will die Schule wechseln, „endlich wieder Unterricht machen“, sagt sie. Die Zulage in Mitte hin oder her.

Eine Gruppe von Lehrerinnen aus Syrien und dem Irak will hier in Berlin-Lichtenberg den ersten Schritt zurück in den geliebten Beruf schaffen. Nach einer Weiterbildung schauen sich die Frauen, die in ihrer Heimat einen akademischen Abschluss gemacht, und teilweise viele Jahre lang als Lehrerinnen gearbeitet haben, nach Chancen um, etwa als Schulassistentinnen wieder in den Lehrberuf einzusteigen. In sieben Monaten haben sie einen Crashkurs in Sachen deutsches Schulsystem absolviert, ihre Deutschkenntnisse sind gut, ihre Expertise für eine wachsende Schülerschaft mit arabischen Hintergrund wird dringend benötigt.

Lehrerinnen aus Syrien und dem Irak wollen in Deutschland wieder zurück in ihren Beruf.
Markus Wächter 

Viel Bedarf an Lehrern in Naturwissenschaften und in den Grundschulen

Derzeit arbeiten in Lichtenberg 2655 Lehrkräfte sowie weiteren 806 Dienstkräfte als pädagogisches Personal an 55 Schulen. Demnächst werden es 70 Schulen sein. Besonders hoch ist der Bedarf in naturwissenschaftlichen Fächern, in Musik und in den Grundschulen, insbesondere in der Schulanfangsphase. „Wir eröffnen seit mehreren Jahren in jedem neuen Schuljahr mindestens eine neue Schule“, berichtet Bürgermeister Grunst. „Diese Schulen, aber auch jene, die bereits seit vielen Jahren erfolgreich arbeiten, benötigen in jedem Jahr zahlreiche neue Dienstkräfte. Deshalb werben wir nun langfristig um engagierte Lehrkräfte.“

Die drei Busse fahren am Vormittag drei Routen ab. Ein Ziel: die Grundschule am Faulen See. Hier präsentiert Konrektorin Ines Mörer zusammen mit den Schülersprechern Magdalena und Thilo das Haus und den Schulhof. Mörer wirbt mit dem nahen Naturschutzgebiet am Faulen See und dem tollen Erzieher-Team. Als eine der Interessentinnen nachfragt, wer denn an der Schule gebraucht werde, lacht Mörer und sagt: „Alle“. Viele Kollegen, die heute in den Klassen eins bis drei unterrichteten, gingen demnächst in Rente.

Konrektorin Ines Mörer und die Schülersprecher Magdalena und Thilo zeigen den Neuen den Sportplatz.
Markus Wächter

Michael Bauer * macht sich Notizen. Er ist Erzieher in einer Kita und kann sich den Wechsel in die Schule näher an seinem Wohnort in Lichtenberg gut vorstellen. Seine Blicke gleiten über die bunten Gemälde der Schüler, die den Flur schmücken, neugierig inspiziert er einen Klassenraum. Seine Bewerbungsunterlagen hat er schon dabei.

Karriere in der Schule: Lichtenberg sucht jedes Jahr Hunderte Lehrer und Erzieher

„Der Bedarf an Personal für die Schulen im Bezirk liegt jedes Jahr im dreistelligen Bereich“, sagt Martina Roth. Viele Bewerber aber wollen lieber in der Innenstadt oder im Westen arbeiten. „Daher ist es unser Ziel, darzustellen, dass Lichtenberg ein attraktiver Arbeitsort mit tollen Schulen ist“, so Michael Grunst.

„Das hier in Lichtenberg ist die aufregendste Schullandschaft Berlins, so divers ist es anderswo kaum“, hatte Martina Roth von der Schulaufsicht in Lichtenberg zu Beginn der Fahrt gesagt. Es könnte gut sein, dass einige der Teilnehmer hier demnächst wirklich ihre neue berufliche Heimat finden.

*Name geändert