Sollte niemand vergessen: Den Schlüssel an der Autotür. Foto: Jens Blankennagel

Vergesslichkeit ist für Berliner wirklich eine ganz wichtige Sache, denn sie zeigt, wie gestresst der Großstädter in seinem Alltag doch so ist. Berlin und Stress gehören nun mal zusammen wie Ostsee und Entschleunigung.

Der Klassiker bei uns zu Hause: Wir vergessen, wo wir unser Auto abgestellt haben. Das ist ein alltäglicher Fluch für viele, die keinen eigenen Stellplatz haben. Ein Parkhausbetreiber hat ermittelt, dass Großstädter im Schnitt zehn Minuten am Tag auf Parkplatzsuche sind und dabei beachtliche 4,5 Kilometer durch die Stadt rollen. Manche Leute, die jeden Tag fahren, haben natürlich eine App auf dem Handy, die den aktuellen Parkplatz anzeigt.

Wir aber fahren nicht so oft, haben deshalb keine App, und unser Auto geht öfter mal verloren. Dann schauen wir meist vom Balkon und suchen die Straße ab. Im Sommer bringt das nicht viel, weil das Laub der vielen Bäume alles überdeckt. Und wenn doch mal ein Auto zu sehen ist, dann ist es garantiert nicht das unsrige.

Es gibt Tage, da hilft es auch nicht, dass uns einfällt, wann und wohin wir das letzte Mal gefahren sind. Das ist sonst immer eine ganz gute Erinnerungshilfe. Es hilft nur, dass ich mich aufs Fahrrad setze, eine Runde durch den Kiez drehe und suche.

Nun ist mal wieder der Ernstfall eingetreten. Wir hatten es eilig, doch das Auto war weg. Jedenfalls die Erinnerung. Weil kaum noch Blätter an den Bäumen sind, standen wir auf dem Balkon und suchten. Wir fanden nichts. Doch – da! Hinter dem Baum mit den vielen gelben Blättern, das sieht doch so aus, als ob …

Wir hatten es so eilig, dass wir hoffen mussten, dass wir richtig liegen. Meine Frau rannte schon mal mit dem Kind die Treppe runter, dann rief sie zu mir hoch: „Ich hab den Autoschlüssel vergessen!“

„Wo ist er denn?“

„Weiß ich doch nicht. Der mit dem grünen Band.“

Ich fand keinen Schlüssel mit grünem Band. Aber immerhin fand ich noch rechtzeitig meinen Autoschlüssel. Also rannte ich hinterher.

Auf dem Weg zum Auto grübelte meine Frau, wo sie ihren Schlüssel wohl haben könnte. Das Auto stand tatsächlich dort, wo wir gehofft hatte. Glücklicherweise. Unter dem Scheibenwischer klemmte ein Zettel: „Sie haben Ihren Autoschlüssel an der Tür stecken lassen. Wir haben abgeschlossen. Schlüssel unterm Scheibenwischer.“

Tatsächlich: Am Fuße des anderen Scheibenwischers, ein wenig unter der Motorhaube versteckt, lugte das grüne Schlüsselband hervor.

Wir staunten. Der Schlüssel hatte bestimmt ein paar Tage dort gehangen, und danach war das grüne Ding auch nicht wirklich zu übersehen. Aber niemand hatte unser Auto gestohlen.

Im Auto hörten wir Peter Fox, wie so oft. Und beim Lied „Schwarz zu Blau“, dem besten Berlin-Song seit vielen, vielen Jahren, sahen wir uns bei einer ganz bestimmten Textzeile an und nickten: „Diese Stadt ist eben doch gar nicht so hart, wie du denkst.“