Die Befehlsstelle in der Keithstraße in Tiergarten: Hier wurde der Einsatz von zehn Beamten koordiniert.

Foto: Markus Wächter

Um 6 Uhr früh rückten sie aus...

Mit einer großen Razzia ist die Berliner Polizei gegen Konsumenten und Verbreiter von Kinderpornografie vorgegangen. Seit dem frühen Mittwochmorgen durchsuchten Fahnder des Landeskriminalamtes (LKA)  43 Wohnungen und andere Räume von 42 Verdächtigen. Es gehe um den Verdacht der Verwendung und Verbreitung kinderpornografischer Abbildungen, also Abbildungen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Filme und Fotos seien unter anderem über Facebook, WhatsApp oder Instagram getauscht worden.

42 verdächtige Männer

Die  Verdächtigen seien alles Männer, sagte Kriminaldirektorin Norma Schürmann, Leiterin des für Sexualdelikte zuständigen Dezernats 13 im LKA. Sie seien zwischen 17 und 84 Jahre alt. Zwei Drittel der Männer seien polizeibekannt, und von diesen die Hälfte im Zusammenhang mit Sexualstraftaten. Tatsächlich begegneten ihre Beamten immer wieder „alten Bekannten“, sagte Schürmann.

250 Polizisten waren im Einsatz. Es ging bei den Durchsuchungen nicht um zusammenhängende Fälle, sondern um lauter Einzelermittlungen. Ziel sei das Beschlagnahmen von Computern, Handys und anderen Datenträgern. Festnahmen gab es zunächst nicht.

dpa/Paul Zinken
Norma Schürmann, Kriminaldirektorin und Dezernatsleiterin Sexualdelikte beim LKA. 

Das Risiko sei für die Täter beim Thema Kinderpornografie in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, hieß es beim LKA. Das liegt unter anderem an Zulieferungen zehntausender Daten aus den USA. Dort müssen die Internet-Provider dem halbstaatlichen „National Center for Missing & Exploited Children“ (NCMEC) Verdachtsfälle liefern. NCMEC durchkämmt außerdem das Internet und leitet seine Erkenntnisse an andere Staaten weiter. Seit Januar 2021 geht das leichter, weil die Daten, darunter die IP-Adressen der Computer von Verdächtigen, direkt an das Bundeskriminalamt (BKA) und von dort an die LKA der Bundesländer übermittelt werden, ohne Zwischenschaltung von Staatsanwaltschaften.

Ende des Jahres soll in Deutschland im Rahmen des „Netzwerkdurchsetzungsgesetzes“ eine dem NCMEC ähnliche zentrale Meldestelle für Internetkriminalität eingerichtet werden. Dann erwarten die Berliner Ermittler einen weiteren Anstieg von Fällen.

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Die Berliner Polizei sucht nicht selbst aktiv im Internet nach Kinderpornografie, das wird beim BKA und in einigen LKA wie in Hessen und Niedersachsen auch für die anderen Bundesländer erledigt. Allerdings ist die Zahl der Kommissariate im LKA 13, die sich um dieses Deliktfeld kümmern, im April von einem auf drei und von rund 30 auf über 50 Beamte erhöht worden. Insgesamt hat das LKA 13 sieben Kommissariate mit über hundert Mitarbeitern.

Judith Dobbrow in der Befehlsstelle am Telefon. Ihre eigenen Kinder hat sie immer zur Vorsicht im Umgang mit dem Internet gewarnt.

Foto: Markus Wächter

Neben den Informationen des NCMEC liefern Anzeigen Hinweise auf mutmaßliche Täter. Häufig kämen sie von  Eltern oder Lehrern, die zufällig beispielsweise in WhatsApp-Chatgruppen von Schülern entsprechende Filme oder Fotos finden, die „unbedarft“ geteilt würden. Norma Schürmann warnt eindringlich davor, sich an solchen Chats zu beteiligen: „Jedes verschickte Bild ist ein Missbrauchsfall“, und in Kürze werde das nicht mehr als Vergehen, sondern als Verbrechen behandelt - mit Haftstrafe von mindestens einem Jahr, wenn das entsprechende Gesetz in Kraft tritt, und Untersuchungshaft davor.  

Bloß keine Nacktfotos von sich machen lassen!

Kinder und Jugendliche bräuchten mehr Medienkompetenz, deshalb gingen die Präventionsbeauftragten der Polizeiabschnitte auch in die Schulen. Dort warnen sie auch davor, dass Jugendliche im pubertären Überschwang Nacktbilder von sich, vom Freund oder der Freundin machen lassen. Gehe die Beziehung  in die Brüche und verbreite einer der beiden die Bilder, könne man sie nie wieder „einfangen“. 

Rund 300 Durchsuchungen führen die Bekämpfer der Kinderpornografie in Berlin jährlich durch. Wie viele der Verdächtigen nicht nur Bilder und Filme beschafft oder geteilt, sondern selbst angefertigt haben und dafür Kinder eigenhändig missbrauchten, wussten die Verantwortlichen nicht zu sagen, es seien aber etliche. 

Insgesamt sei ein Viertel der Opfer aller 5011 Sexualstraftaten, die die Berliner Kripo 2020 bearbeitete, Kinder. Allein beim Delikt „Besitz oder sich Verschaffen von Kinderpornografie“ stieg die Zahl von 2019 auf 2020 um 143 Fälle oder 61,4 Prozent auf auf 376.

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Judith Dobbrow, die als 1. Kriminalhauptkommissarin seit über 20 Jahren mit derlei Untaten zu tun hat: „Kindesmissbrauch ist ein gemeines Delikt, weil es in der Regel nicht mit körperlicher Gewalt einhergeht.“ Und meistens nicht von Fremden begangen  wird, sondern von nahen Verwandten, Nachbarn, Lehrern, Trainern oder Erziehern. „Das Kind liebt seinen Papa, und wenn der sagt, rede nicht darüber, was ich mit dir mache, sonst muss ich ins Gefängnis, dann schweigt es.“ Nachbarn könnten sich mit Geschenken das Vertrauen eines Kindes erschleichen oder dadurch, dass sie ihm die Aufmerksamkeit geben, die es in der Familie nicht hat.

Auf einem großen Bildschirm an der Wand der Befehlsstelle waren die Einsatzorte abgebildet.

Foto: Markus Wächter

Perplex sei sie trotz langer Erfahrung noch heute, sagt Dobbrow, wenn sie Fälle auf den Tisch bekommt, bei denen ein Kind über Jahre hinweg vom Vater missbraucht wird, ehe die Mutter etwas merkt. Die Opfer seien jeweils etwa zur Hälfte Jungen und Mädchen.

Die jetzt beschlagnahmten Datenträger gehen zunächst an externe Gutachter, die Filme und Fotos überprüfen, ob sie strafrechtlich relevant sind. Wenn die Gutachter dieser Meinung sind, sieht sich der Sachbearbeiter im LKA 13 die Beweise noch einmal an, ehe die Angelegenheit zur Staatsanwaltschaft und vor Gericht geht. Die Gerichte verlangten detaillierte Informationen, wer beispielsweise bei einem kinderpornografischen Video was tut und sagt, erklärte Schürmann.

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Dobbrow rechnet damit, dass die Aufarbeitung der Razzia-Ergebnisse ein Jahr dauern wird, weil noch alte Vorgänge ermittelt werden und immer neue dazukommen: „Wir haben sechs Asservatenkeller voll mit Datenträgern aus Fällen, die noch nicht erledigt sind oder bei Gericht liegen.“

Die Beute der Polizei: Kisten mit bei der Razzia sichergestellten Beweismitteln, darunter Computer und Handy, stehen  beim Landeskriminalamt.  Foto: dpa/Paul Zinken

Wert legen die Ermittlerinnen darauf, dass sie auch nach entlastenden Fakten suchen. Das Foto eines nackten Kleinkinds, von der Oma am Strand fotografiert, werde sicher nicht zu einem Strafverfahren führen.

Täter kommen aus allen sozialen Schichten

Erst Anfang Mai hatte die bayerische Polizei bei einer Kinderpornografie-Razzia 49 Objekte durchsucht, gegen 51 Verdächtige wurde ermittelt. Die Täter kommen aus „allen Altersgruppen, allen Berufsgruppen, allen sozialen Schichten und allen Regionen“, hieß es dort, was die Berliner Kollegen bestätigen.

Kurz zuvor hatte das BKA mitgeteilt, dass eine der weltweit größten Kinderpornografie-Plattformen im Internet zerschlagen wurde. Mehrere Männer wurden als mutmaßliche Betreiber in Deutschland festgenommen. Die Darknetplattform soll mehr als 400.000 Mitglieder in vielen Ländern gehabt haben. Unter den geteilten Bild- und Videoaufnahmen hätten sich auch Aufnahmen von schwerstem sexuellen Missbrauch von Kleinkindern befunden.