Berlin: Die Rasenflächen leiden in den vollen Innenstadtparks Jahr für Jahr immer mehr unter den Menschenmassen. Der Görlitzer Park gehört dazu. dpa/Monika Skolimowska

Sommer, Sonne, Rasenalarm. Irgendwo müssen sie ja hin, die Menschenmassen in Berlin. Bei schönem Wetter zieht es viele in die Parks – zum Grillen, Bier-Trinken, Spielen oder einfach nur zum Abhängen mit Freunden und Familie. Den Wiesen in Berlin bekommt das gar nicht gut. Viele werden dabei so platt getrampelt, dass sie sich nicht mehr davon erholen.

Samstagnachmittag: Die Stimmung ist bestens im Berliner Volkspark Friedrichshain. Es ist Anfang Mai, die Sonne scheint, es ist warm. Hunderte Menschen sind unterwegs. Volleyballer spielen im Sand, Jogger und Skater ziehen ihre Runden. Die meisten Menschen sitzen oder liegen aber auf den großen Wiesen und Rasenflächen. Viele haben Decken, Essen und Getränke mitgebracht. So weit, so schön!

Einige Gruppen haben Campingtische, die Grills qualmen, Männer und Frauen sitzen auf Stühlen, Kinder spielen. Unter Bäumen hängen Girlanden, drei junge Männer schleppen zwei Kästen Bier an, Sektkorken knallen. In einer anderen Ecke des Parks stehen Sonnenschutz-Zelte und Bierbänke.

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Der fröhliche Trubel in Grünanlagen hat Schattenseiten

Eine Band spielt spanische Songs, den Strom liefert ein Generator. Frauen kochen und verkaufen südamerikanisches Essen, ein Mann trägt eine Mikrowelle herbei, die Menschen tanzen auf der Wiese. Und hier fangen die Probleme an. Der Rasen ist bei all der Freude der Leidtragende.

So sieht es im Sommerhalbjahr in den meisten Parks der Berliner Innenstadt aus. Der fröhliche Trubel hat Schattenseiten. Zwar ist das Müllproblem durch viele Millionen Euro Steuergeld für die Stadtreinigung BSR und deren zusätzliche Einsätze besser geworden. Dafür leiden die Rasenflächen der vollen Innenstadtparks Jahr für Jahr immer mehr unter dem Andrang.

Auch der lädierte Rasen vor dem Reichstag in Berlin musste schon gesperrt werden. dpa/Maurizio Gambarini

Auf den ersten Blick wirkt das Grün oft noch relativ intakt, aus der Nähe sind die Schäden nicht zu übersehen. Das Gras wird von Jahr zu Jahr dünner, die braunen Stellen zwischen den Büscheln immer größer. Teilweise sieht man mehr Boden als Gras. Dazu kommen in vielen Parks ausgetretene Pfade von Joggern, Hundebesitzern und Radfahrern.

In Berlin ist es wärmer und trockener als früher. Ihre Freizeit verbringen immer mehr Menschen draußen. Die Stadt hat 350.000 Einwohner mehr, dazu kommen Millionen Touristen pro Jahr. Ab April zieht es vor allem jüngere Menschen in die Parks.

Selbst kleine Grünanlagen werden kaputt getrampelt

Bei Sonnenschein sind Mauerpark, Volkspark Friedrichshain, Görlitzer Park, Treptower Park, Hasenheide, Gleisdreieck-Park oder Weinmeister-Park voll. Selbst so kleine Rasenflächen wie der Annemirl-Bauer-Platz oder der Wühlischplatz (beide in Friedrichshain) sind rappelvoll.

Die zuständigen Bezirke kennen das Problem, überall heißt es, „die Zustände werden sich vermutlich zunehmend verschlechtern“. „In unserem Bezirk sind fast alle Grünflächen übernutzt“, teilt das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg mit. „Die Trockenheit der letzten Jahre erschwert die Situation. Entsprechend ist auch der Zustand der Rasenflächen nicht besonders gut.“

Neukölln spricht von einem „hohen Nutzungsdruck“, der zu verdichteten Böden, dem Rückgang des Grases und Trampelpfaden führe. „Selbst die Picknickdecke wird auf Dauer zu einem Problem für den Rasen.“

Pankow sieht „immer größere Schäden an den Grünanlagen und Parks (...). Vor allem die Rasenflächen sind stark betroffen.“ Der Zustand werde sich „bei anhaltendem oder steigendem Nutzungsdruck“ durch „übermäßigem Betritt, sportlichen Betätigungen, legalen und illegalen Veranstaltungen, Radverkehr“ weiter verschlechtern.

Menschen in Grünanlagen sind sich keiner Schuld bewusst

Auch in Steglitz-Zehlendorf sei die Belastung „kontinuierlich gewachsen“, heißt es. Der Trend, Kultur, Events und Sportveranstaltungen in Parks zu verlagern, erschwert die Lage zusätzlich. Rasenflächen seien nur „begrenzt belastbar“.

Die sich sonnenden, trinkenden und spielenden Menschen auf den Wiesen sind sich keiner Schuld bewusst. „Wir liegen doch hier nur rum“, sagen manche. „Voll ist es überall, das lässt sich nicht ändern“, meint ein junger Mann an einem Grill und lacht. „Es ist hier schöner als an den Straßen und das Bier ist auch billiger.“ Dass nur an wenigen gekennzeichneten Stellen gegrillt werden darf, wissen viele Parkbesucher nicht oder ignorieren es.

Die meisten Bezirke erklären, mit sehr viel Pflege, auch Düngung und Bewässerung könnten Rasenflächen gerettet werden. Neukölln betont: „Ein Erhalt der Qualität kann eigentlich nur mit massiven und langfristigen Investitionen in den Umbau Grünflächen und in mehr Personal erreicht werden.“ Doch dafür ist kein Geld da.

Auch mehr Kontrollen gegen illegales Grillen, Hundebesitzer, Partys und Hunderte sogenannte Wildpinkler könnten helfen, doch dafür haben alle Ordnungsämter zu wenig Leute, besonders an den Wochenenden – wenn es eigentlich nötig wäre.

Erste Grünanlagen wurden dichtgemacht

Nur punktuell wehren sich einige der Innenstadt-Bezirke gegen Zerstörungen. So sind kommerzielle Sportangebote in den Parks eigentlich verboten, finden aber trotzdem statt. Friedrichshain-Kreuzberg will dafür jetzt Gebühren erheben und zugleich Obergrenzen einführen. Auch erste Sperrrungen gab es bereits, und es könnte der Auftakt für eine ganze Serie sein: In Charlottenburg wurden auf dem Savignyplatz die Rasen- und Staudenflächen dichtgemacht, um den Pflanzen Zeit zur Erholung zu geben.

Über zeitweilige Sperrungen wurde auch in Kreuzberg schon nachgedacht. „Das würde auf jeden Fall zur Stärkung der Grasnarbe beitragen.“ Allerdings macht man sich im Rathaus keine Illusionen. „Leider scheitert das häufig am Vandalismus, da eine temporäre Sperrung in Teilen der Bevölkerung schwer vermittelbar ist.“

In anderen Großstädten gibt es verschiedene Strategien. In Paris werden viele Parks am Abend geschlossen. Auf manchen Grünflächen in Italien und Spanien sind Picknicks verboten. Auch Alkoholtrinken ist in einigen Städten in Grünanlagen nicht erlaubt.

Auch dürfte das Angebot von Kiosken mit Getränken rund um Parks sonst selten so groß sein wie in Berlin. Im Süden Europas gibt es in Parks auch Sprinkleranlagen zur Bewässerung, am Abend schießen Fontänen hoch.

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Auf dem Boxhagener Platz in Friedrichshain hat es der Bezirk vor Jahren mit neu ausgesätem Rasen probiert. Dafür musste die Fläche einen Sommer lang gesperrt werden. Der neue Rasen war nach wenigen Jahren wieder zerstört. Es folgte der teure Rollrasen – mit ähnlich kurzer Haltbarkeit. Eine Lösung für die großen Parks ist das nicht.