Michail Gorbatschow und seine Frau Raissa am 2. März 1998 im Kienberg-Viertel von Hellersdorf: Er zeigt KURIER-Reporter Norbert Koch-Klaucke (re.) sein Geburtstagsgeschenk - eine Krawatte. 
Foto: Thomas Uhlemann

„Ja pozdrawlaju tebja s dnom roschdenija! Ich gratuliere dir zum Geburtstag!“ So beglückwünsche ich heute Michail Gorbatschow zum 90. Geburtstag. Genauso wie auf dem Tag genau vor 23 Jahren, als ich mit diesem Satz aus meiner Schulrussisch-Zeit Gorbi in Hellersdorf überraschte. Dort besuchte er am 2. März 1998, als er 67 Jahre alt wurde, das Kienberg-Viertel. Bei dem Sparziergang durch den Kiez war ich als KURIER-Reporter (damals 31) an der Seite des Geburtstagkindes dabei und so aufgeregt, dass ich beim Gratulieren den einstigen sowjetischen Staatsmann auch noch wie einen guten, alten Bekannten duzte – was sich ja nicht gehört.

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Gorbatschow nahm mir diese Vertrautheit gar nicht übel. Im Gegenteil: Wir unterhielten uns, dank einer Dolmetscherin, sogar wie gute Freunde. Das Geburtstagskind zeigte mir stolz seine Krawatte, die ihm seine Frau Raissa geschenkt hatte, die beim Hellersdorf-Besuch mit dabei war. „Sie passt gut zu dem Schal, den ich gerade trage“, sagte Gorbatschow. Er erzählte mir von Moskau, wie er da mit seiner Frau in einer Neubauwohnung mit drei Zimmern lebt. Dann schrieb Gorbatschow sein Autogramm auf meinen Reporter-Block.

Vor 23 Jahren in Hellersdorf:  Michail Gorbatschow schreibt sein Autogramm in den Notizblock von KURIER-Reporter Norbert Koch-Klaucke.  Foto: Uhlemann

Das Foto, das diesen Augenblick zeigt, habe ich vor wenigen Tagen erst wieder aus meinen Unterlagen geholt. Dabei lag auch der Zettel aus dem Notizblock mit der Unterschrift von Gorbatschow. Für mich sind sie Erinnerungen an einem großen und herzlichen Mann, der vor allem für die Deutschen bis heute ein guter Freund geblieben ist.

Einfach „Gorbi“, so liebevoll wie ihn viele Menschen auf der ganzen Welt nennen, die ihm in den 80er-Jahren das Ende des „Eisernen Vorhanges“ und des „Kalten Krieges“ mit verdanken. Sein politisches Streben nach „Perestroika“ (Umgestaltung) und „Glasnost“ (Offenheit) führte schließlich zum Fall der Berliner Mauer. Dass am 9. November 1989 Gorbatschow als sowjetischer Machthaber die Öffnung der DDR-Grenzen zum Westen zuließ, war der erste Schritt für die spätere Wiedervereinigung Deutschlands.

Gefühl der Dankbarkeit

Ein Gefühl von großer Dankbarkeit dafür schwebte auch bei meiner Begegnung mit Gorbatschow vor 23 Jahren in Hellersdorf mit. Er und seine Frau waren damals in das Kienberg-Viertel gekommen, um zu sehen, wie man in dem Kiez über 2000 einst graue Plattenbauten in moderne Häuser umgewandelt hatte.

Eine Schar von Vertretern des Bezirks und der Wohnungsbaugesellschaft WoGeHe begleiteten das Paar, die berichteten, wie die Hochhäuser moderne Heizungssysteme und Solaranlagen bekamen. Gorbi staunte, als er die farbige Außenfassaden und die neu begrünten Innenhöfe sah. „In Moskau reißen wir gerade die über 30 Jahre alten Neubau-Viertel ab, statt sie zu erhalten“, erzählte er.

Norbert Koch-Klaucke mit dem Autogramm, das er vor 23 Jahren von Gorbatschow in Hellersdorf bekam. Foto: Koch-Klaucke

Überrascht war ich, wie locker Gorbi, gekleidet mit Mantel und Mütze, bei dem doch recht offiziellen Rundgang durch das Kienberg-Viertel auftrat. Auch wenn zwei Bodyguards in seiner Nähe waren, zeigte er nie die Allüren eines ehemaligen Staatschefs. Tauchten am Straßenrand Passanten auf, die mit ihm paar Worte wechseln wollte, ging Gorbatschow auf sie zu, ließ sich nicht von den Personenschützern abschirmen.

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Das damalige Treffen mit Gorbi zählt zu den aufregendsten in meinem Leben als KURIER-Reporter. Dazu war es noch eines der außergewöhnlichsten. Denn Gorbatschow sorgte in Hellersdorf noch für einen nicht vorhersehbaren Blitzbesuch.

Mit schnellem Schritt rauschte der Staatsmann damals in „Dirks Fahrschule“. Er wollte keine Fahrstunde nehmen, sondern auf Toilette. Als Dank schrieb Gorbi sein Autogramm auf die Bürowand der Fahrschule. Schade, dass es das Gebäude heute nicht mehr gibt, und damit kein Zeugnis mehr im Kienberg-Viertel existiert, das an Gorbis Geburtstags-Besuch in Hellersdorf erinnert.