Rodelfreuden im Volkspark Friedrichshain mitten in Berlin.  Foto: dpa/Christoph Soeder

Oben, auf dem Gipfel, weht wirklich ein scharfer Wind. Eiskalt und unangenehm. Das Thermometer zeigt fast sieben Grad unter Null, aber niemanden scheint das so richtig zu stören. Denn endlich – nach einer halben Ewigkeit – ist er da: dicker Schnee, der tatsächlich liegen bleibt. Nicht matschig und weich, sondern knirschend fest. Es scheint kein bisschen Sonne, trotzdem sind die Straßen ungewöhnlich voll. Überall in Berlin werden die Familien magisch angezogen von den Hügeln dieser Stadt. Es ist eine Völkerwanderung des Glücks. Die Leute strahlen vor Vorfreude. Der echte Winter ist da.

So auch in Lichtenberg. Dort zieht es die Leute in die Parkaue. Der Gipfel, auf dem der Wind so unangenehm peitscht, ist gerade mal fünf Meter hoch. Aber es ist der wohl steilste Hügel im Bezirk, entsprechend voll ist es. Und überall lachende Gesichter. Die Windböen wehen teilweise so stark, dass die Schneeflocken fast waagerecht über den Boden geblasen werden. Doch die Stimmung ist bestens.

Unermüdlich stapfen die Kinder mit ihren Schlitten den Hügel hoch, immer und immer wieder. Nichts kann sie bremsen. Nicht der kleine Sturz vom Schlitten, nicht die klappernden Zähne, nicht die durchgeweichten Handschuhe, nicht die blauen Flecken am Schienbein.

Viele Berliner sind in Sachen Schnee recht ungeübt. Foto: dpa/Christoph Soeder

Eigentlich sind es ganz normale Wintertage. Doch es gibt gleich zwei Besonderheiten für Berlin: der Schnee und diese ganz besondere Form der Ruhe. Schnee ist schon ein ganz besonderer Stoff. Wenn er nicht gerade Autofahrer zur Unachtsamkeit verleitet und für Unfälle sorgt, verwandelt er ganze Landschaften in weiße Kitschbilder. Und auch in den Städten sorgt er für eine besondere Stimmung. Jedenfalls am Anfang. Die weiße Pracht taucht selbst Großstädte wie Berlin eine Weile in völlige Ruhe. Es sind kaum Autos unterwegs, und der einzige Lärm sind jauchzende Kinder, die sich Schnee von den Autodächern holen und Schneeballschlachten veranstalten.

Die besten Rodelpisten von Berlin

  • 1.   Als schnellste Rodel-Abfahrt gilt der Teufelsberg, der mit 120 Metern höchste Berg der Stadt.
  • 2.       Ein Geheimtipp ist schon lange nicht mehr die Oderbruchkippe im Volkspark Prenzlauer Berg.
  • 3.       Als Klassiker gilt der Insulaner, der schon fast ein Skipass ist und sogar Snowboarder anlockt.
  • 4.     Am Rodelberg Humboldthöhe gibt es steile Abfahrten, aber auch kleinere Hügel.
  • 5.     Sehr beliebt ist auch der Rodelhügel im Preußenpark in Wilmersdorf an der zentralen Picknickwiese.
  • 6.     Zentral gelegen und deshalb viel besucht von Rodlern ist der Viktoriapark in Kreuzberg.
  • 7.       Die Hasenheide bietet eine gute Abfahrt unter der Statue von Turnvater Jahn und auch sonst breite Rodelfläche besonders für kleine Kinder.
  • 8.       Im überlaufenen Volkspark Friedrichshain haben die Bunkerberge gleich mehrere Abfahrten, besonders beliebt ist der „Mont Klamott“.
  • 9.       Schön in der Natur gelegen ist die Strecke in der Nähe der S-Bahn-Station Onkel Toms Hütte, von dort geht es 300 Meter in den Wald.
  • 10.   Die Müggelberge bieten gleich zwei Berge mit 115 und 88 Metern Höhe.

Wegen Corona wurde die sonst recht lebendige Stadt Berlin schon vor Wochen in eine Zwangspause geschickt. Viele Leute sind davon langsam genervt. Doch jetzt – mit dem Schnee und der großen Ruhe über der Stadt – sieht der Stillstand endlich auch richtig schön aus.

Schnee ist nun mal eine echte Rarität, jedenfalls in Berlin. Es gibt siebenjährige Kinder, die sich gerade noch so dran erinnern können, dass sie vor vier Jahren mal von den Eltern mit dem Schlitten zur Kita gebracht wurden. Schnee ist für sie vor allem aus dem Fernsehen kennen. Manche auch aus dem Ski-Urlaub in den Bergen.

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Die Berliner sollen derzeit nur vor die Tür, wenn es unbedingt notwendig ist. Wer Kinder hat und auch einen Schlitten, muss natürlich raus. Endlich mal ein Tag, an dem die Kinder sich genügend bewegen. Am Rodelhügel binden drei Jungs die Schlitten zusammen zu einem Schneezug, der immer wieder umfällt. Viele Familien sind mit ganz neuen Schlitten unterwegs, quasi auf Erstfahrt. Die Eltern stehen oft unten und filmen. Dort zeigt sich die soziale Kompetenz: Die einen stehen vorbildlich am Rand, die anderen mitten auf der Piste und meckern auch dann noch, wenn sie von einem Vierjährigen fast umgefahren werden.

Ansonsten regiert das Lachen. Es gibt Kinder, die sich liebend gern am Ende der Piste vom Schlitten fallen lassen und im Schnee kugeln. Andere machen lieber Schneeballschlachten. Es gibt auch Eltern, die frieren und nach Hause wollen, und es gibt Kinder, denen egal ist, dass sie frieren und dass ihre Eltern nach Hause wollen. Im Schnee sind alle wie aus der Zeit gefallen. Und selbst als eine Frau doch von Corona spricht, erzählt sie, dass ihre 99-jährige Oma gerade drei Mal positiv getestet wurde. „Aber sie hatte keinerlei Symptome.“ Eine Frau kommt mit ihrem Sohn vom Hügel und bringt es auf den Punkt: „Es sind zwei Sachen zusammengekommen, die in Berlin selten gibt: Schnee und Glück“, sagt sie und verschwindet im Schneegestöber.