Pankow-Gitarrist Jürgen Ehle (60) gehört zu den Gründern der Band.  Imago

Die Geschichten von Pankow, Silly oder City scheint fast jeder Fan zu kennen. Doch die ostdeutschen Rocker haben auch so manche Geheimnisse. Nun werden sie gelüftet: Im neuen Buch des Berliner Musik-Journalisten Christian Hentschel (54) „Das jetzt wirklich allerletzte Ostrock-Buch“, das gerade im Verlag Neues Leben erschien. Der KURIER darf daraus einige Geheimnisse der Ostrocker preisgeben: So wie das des Gitarristen Jürgen Ehle, der verrät, wie es BAP schaffte, die Kultband Pankow wieder zu vereinen.

Bevor es losgeht, kurz ein Wort zum Autoren: Vor fast einem Jahr enthüllte Hentschel (Mitherausgeber des Musikmagazins „Schall“) bereits mit seinem „Das vermutlich allerletzte Ostrock-Buch“ so manches Unbekannte aus dem Leben der Ostrocker. Wir erfuhren, wie der einstige Puhdys-Frontmann Dieter „Maschine“ Birr in einem Song den Rammstein-Sänger Til Lindemann wegsingen musste, was es mit dem geheimnisvollen „Verschwinden“ des Karat-Komponisten Ed Swillms auf sich hatte und dass Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel einmal schwer in Nena verliebt war.

In diesem Jahr hat nun Hentschel mit seinen Ostrockstars-Interviews weiter gemacht.  Dabei traf er auch den Pankow-Gitarristen Jürgen Ehle (65).

Das war 1980: Jürgen Ehle bei einem Auftritt mit Veronika Fischer. Im Hintergrund ist Bassist Jäcki Reznicek  (heute Silly) zu sehen. Imago/Gueffroy

Der Musiker wartet gleich mit mehreren Geheimnissen auf. Etwa, dass er  als Elf-, Zwölfjähriger zunächst Leistungssportler für Kunst- Turmspringen war, wegen einer Verletzung dann ausschied und mit 14 seine erste Band gründete. Und: Der heutige Rocker mischte einst auch im DDR-Schlagergeschäft kräftig mit. Fast hätte Ehle es schon vergessen, dass er sogar bei einer Aufnahme eines Songs die großartige Brecht-Interpretin Gisela May (starb 2016) mit seiner Gitarre im Studio begleitet hatte.

Der Pankow-Rocker mischte einst kräftig beim DDR-Schlager mit

Zu Schlager-Produktionen kam Ehle, als er in den 70er-Jahren noch bei der Band 4 PS spielte, die damals auch Veronika Fischer begleitete. „Es gab eine Phase, da passierten kaum Produktionen, an denen wir – vor allem Jäcki Reznicek (heute Silly, d. Red.) und ich – nicht beteiligt waren. Oft ging es um Schlager – von Frank Schöbel über Gaby Rückert und Hauff/Henkler bis Uwe Jensen und Dina Straat. Ich arbeitete mit Komponisten wie Thomas Natschinski, Arndt Bause, Lothar Kehr und Horst Krüger, die mich zudem als Arrangeur einsetzten“, sagt Ehle.

Vor 40 Jahren wurde die Band gegründet. Bei Pankow spielen heute Andreas „Kulle“ Dziuk, Andre Herzberg, Andre Drechsler, Jürgen Ehle und Stefan Dohanetz (v. li.).  dpa

Bereut hat er die Schlager-Arbeit nie. Es war eine wichtige Zeit für ihn. „Man hat sich als Musiker entwickelt und viele Kollegen kennengelernt. So kam es, dass ich auch mal was für Gisela May eingespielt habe. Als es dann mit Pankow durch die Decke ging, blieb jedoch keine Zeit mehr für andere Produktionen.“

Wolfgang Niedecken und seine Band BAP sollen dafür gesorgt haben, dass sich die Kultband Pankow wiedervereinigt hat. Imago

Als Veronika Fischer und Franz Bartzsch Anfang der 80er-Jahre in den Westen gingen, gründeten die verbliebenen 4-PS-Musiker Ehle, Jäcki Reznicek und Rainer Kirchmann mit Sänger  André Herzberg die Rockband Pankow. Mit „Kille kille“ und „Aufruhr in den Augen“ rockten sich die „Stones des Ostens“ in die Herzen der Fans, machten aber auch wilde Zeiten mit wechselnden Besetzungen durch, in deren Folge sich 1998 Pankow zunächst auflöste.

2004 kam es zur Wiedervereinigung. Dass es die Kultband des Ostens heute wieder gibt, dafür sollen damals Kultrocker aus dem Westen gesorgt haben: Wolfgang Niedecken mit seiner Band BAP.

„Vor allem aber Jens Streifling (spielte in der DDR-Band P16, d. Red.), den ich von früher kannte und der in dieser Zeit bei BAP spielte“, sagt Ehle. „Er rief mich an und sagte, dass Niedecken eine Tour plane anlässlich des Jubiläums der 1984 geplatzten DDR-Tournee und dass er Pankow gern dabeihätte. Ich nahm also Kontakt zu den Kollegen auf, und alle fanden die Idee gut.“ Plötzlich war bei Pankow die Lust da, wieder Konzerte zu spielen, erklärt Ehle. Und so ist es bis heute geblieben.

„Das jetzt wirklich allerletzte Ostrockbuch“ von Christian Hentschel ist im Verlag Neues Leben erschienen (320 Seiten, 22 Euro). Neues Leben