Mit Decke und Tee lässt sich eine geringere Raumtemperatur ertragen.
Mit Decke und Tee lässt sich eine geringere Raumtemperatur ertragen. Imago / Paul von Stroheim

In diesem Winter könnte es zu Hause ungemütlicher werden als in den Jahren zuvor. Angesichts der Gaskrise sollen Bürgerinnen und Bürger ihren Verbrauch senken und die Heizung runter drehen. Nun tobt eine Debatte, ob die Politik manche dazu zwingen sollte.

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Durch die Energiepreise wird auch das Heizen teurer - in Berlin und Brandenburg könnten die Kosten laut Wohnungswirtschaft sogar um mehr als 50 Prozent steigen. „Das ist ein enormer Preissprung, den auch die steuerpflichtige Einmalzahlung des Bundes in Höhe von 300 Euro nicht auffängt“, sagte Maren Kern, Vorstandsmitglied des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen.

Für einen Durchschnittshaushalt in einer 60-Quadratmeter-Wohnung bedeute dies zusätzliche Kosten von mindestens 360 Euro in diesem Jahr. Vor diesem Hintergrund hätten bereits rund 60 Prozent der Berliner BBU-Mitgliedsunternehmen ihren Mietern empfohlen, ihre Vorauszahlungen für Heizung und Warmwasser freiwillig zu erhöhen. Weitere 28 Prozent planten mit Stand Ende Juni, mit einer solchen Empfehlung auf ihre Mieter zuzugehen. Im Moment lägen die Zustimmungsquoten der Mieter aber nur bei 20 Prozent, so Kern.

Wer sich auf hohe Zahlungen vorbereiten will, ist gut beraten, selber etwas beiseite zu legen.

Im Homeoffice könnte es in diesem Winter kühl werden. Im Büro aber auch.
Ute Grabowsky/ imago stock&people
Im Homeoffice könnte es in diesem Winter kühl werden. Im Büro aber auch.

Angesichts der Gaskrise sind sich viele Fachleute mit der Politik einig: Damit im kommenden Winter kein Engpass beim Gas droht, müssen alle weniger verbrauchen - auch die Bürgerinnen und Bürger. Einzelne Wohnungsgesellschaften haben bereits angekündigt, die Heiztemperaturen für die eigenen Mieter zumindest zu bestimmten Zeiten drosseln zu wollen. Allen voran die Vonovia, die in Berlin tausende Wohnungen vermietet. Diskutiert wird nun, ob die Politik weitere Maßnahmen ergreifen sollte - und wie kalt es in den eigenen vier Wänden werden darf. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Kann die Regierung Bürgerinnen und Bürger zum Energiesparen zwingen?

Die Bundesregierung könnte in der Tat Maßnahmen zum Energiesparen verordnen. Diese Möglichkeit gibt ihr das Energiesicherungsgesetz - und zwar bereits, bevor der Krisenfall eintritt, also die Notfallstufe im Notfallplan Gas. Denkbar ist etwa, dass Vorgaben zu Mindesttemperaturen fürs Heizen etwa in Büros und Werkshallen abgesenkt werden. In der Debatte ist etwa auch eine Temperatur von 19 Grad in öffentlichen Gebäuden.

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Wie weit können Vermieter schon jetzt die Temperatur senken?

Derzeit gibt es für Raumtemperaturen in Mietwohnungen und -häusern keine Vorgaben des Gesetzgebers. Was es gibt, sind zahlreiche Urteile von Amts- und Landgerichten, die sich mit dieser Frage befasst haben. Im Laufe der Jahre haben sich aus dieser Rechtsprechung bestimmte Mindestwerte für die vom Vermieter zu gewährleistende Raumtemperatur ergeben. Tagsüber sind das 20 bis 22 Grad und in der Nacht 17 bis 18 Grad.

In diesem Rahmen bewegt sich etwa auch der Wohnungskonzern Vonovia. Das Bochumer Unternehmen hatte vor rund einer Woche angekündigt, die Leistung werde zwischen 23.00 und 6.00 Uhr auf 17 Grad Raumtemperatur zu reduzieren. Niedrigere Temperaturen könnten von Gerichten hingegen als Grund für eine Mietminderung angesehen werden. Außerdem droht bei niedrigeren Temperaturen auch Schimmelbefall.

Kamin- und Holzöfen sind im Zuge des Ukraine-Kriegs bundesweit Mangelware geworden. Glücklich der, der einen hat.
Silas Stein/dpa
Kamin- und Holzöfen sind im Zuge des Ukraine-Kriegs bundesweit Mangelware geworden. Glücklich der, der einen hat.

Reicht dieser Rahmen aus?

Die Wohnungswirtschaft fordert von der Politik, für den schlimmsten Fall eine Mindesttemperatur von 16 bis 18 Grad zu verordnen. „Weiter nicht, dann wird es schädlich für die Menschen, die dort leben“, sagt etwa Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) und betont: „Das ist eine Regelung für den Worst Case.“

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Mit jedem Grad Raumtemperatur weniger könnten rund sechs Prozent Gas und damit auch Geld eingespart werden, rechnet Lion Hirth, Wissenschaftler für Energiepolitik an der Hertie School in Berlin.

Mit einer gesetzlichen Verordnung von 16 bis 18 Grad könnte sich die durchschnittliche Raumtemperatur laut GdW um etwa drei Grad reduzieren. Einsparungen von bis zu 18 Prozent seien drin, schätzt Gedaschko. „Wenn die Menschen auch noch anfangen würden, die Fenster nicht auf Kipp stehen zu lassen und einen Sparduschkopf zu verwenden, sind weitere zehn Prozent Einsparungen möglich.“ Die Gasrechnung wäre bei diesen Annahmen also fast um ein Drittel günstiger.

Wie gerecht wären Vorgaben für das Herunterregeln der Temperaturen in Wohnungen?

„Gesetzlich verordnetes Frieren der Mieterinnen und Mieter ist weder gerecht noch sozial“, kritisiert der Deutsche Mieterbund eine mögliche Absenkung der bislang durch die Rechtsprechung festgelegten Mindesttemperaturen. Zu heterogen sei der Wohnungsbestand und zu unterschiedlich das Temperaturempfinden der Menschen. „Denn natürlich macht es einen Unterschied, ob beispielsweise ein älterer oder kranker Mensch den ganzen Tag zu Hause sitzt oder ein junger vitaler Mensch sich nur zeitweise zu Hause aufhält.“

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Während zudem Mieterinnen und Mieter keinen Einfluss auf die Temperaturabsenkung haben, können Eigentümerinnen und Eigentümer nach eigenem Ermessen weiter selbst bestimmen, wie warm oder kalt es sein soll. „Da ist sicher eine Ungerechtigkeit, das möchte ich gar nicht abstreiten“, sagt auch Wissenschaftler Hirth von der Hertie School. „Das Problem ist, wir haben einfach zu wenig Gas.“ Deshalb müssten auch Maßnahmen ergriffen werden, die „im Einzelfall“ unbequem oder auch ungerecht seien.

Wie soll eine mögliche Verordnung überhaupt kontrolliert werden?

„Es will niemand einen Gestapo-Staat, wo die Polizei rumläuft und Heizkörpereinstellungen kontrolliert, das ist natürlich völliger Unfug“, sagt Hirth. „Der wichtigste Hebel ist aus meiner Sicht Information.“ Politik und Wissenschaft müssten transparent machen, was auf die Menschen zukomme. „Heizkosten für Gasheizungen werden um 300 Prozent steigen im nächsten Winter.“

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Besser voraus zahlen oder selber sparen?

Angesichts steigender Heizkosten sind hohe Nachzahlungsforderungen absehbar. Der Deutsche Mieterbund (DMB) in Berlin rät in der „Mieterzeitung“ (3/2022) deshalb dazu, sich mit Rücklagen auf finanzielle Engpässe vorzubereiten, die mit der nächsten Heizkostenabrechnung voraussichtlich eintreten.

Empfehlenswert sei die Variante „Geld ansparen“: Der Vorteil liege darin, dass Mieter das Geld jederzeit in der eigenen Hand haben und ausstehende Beträge dennoch sofort begleichen können.

Zwar könnten sich Mieterinnen und Mieter mit ihren Vermietern jederzeit auf höhere Vorauszahlungen verständigen. Doch ergibt die Abrechnung durch die erhöhten Abschläge später doch einmal ein Guthaben, müssen Mieter im Zweifel auf Herausgabe des Guthabens klagen. Streitigkeiten um die Rückzahlung von Nebenkostenguthaben seien nicht unüblich.

Weil Nebenkostenabrechnungen oft falsch gestellt würden, empfiehlt der Mieterbund zudem, diese stets zu prüfen – auch auf ihre Wirtschaftlichkeit. Vermieter müssten darauf achten, möglichst preisgünstig einzukaufen.

Gasag schließt weitere Preiserhöhungen nicht aus

Am Dienstag hatte bereits der Chef des Berliner Grundversorgers Gasag weitere Preiserhöhungen nicht ausgeschlossen. Georg Friedrichs sprach in der „Berliner Zeitung“ von einer „sehr ernsten Lage“. Aus seiner Sicht müssen sich vor allem das Gewerbe und die Industrie in Berlin Sorgen machen, ob für diese im kommenden Winter genug Energie zur Verfügung stehe.

Friedrichs bat die Kundinnen und Kunden in Berlin und Brandenburg, von Herbst an die Raumtemperatur in den Wohnungen so weit zu reduzieren, wie es gehe. Jeder solle schauen, wo seine „Schmerzgrenze“ liege. „Schon ein Grad Raumtemperatur weniger spart bis zu sieben Prozent am Energieverbrauch. Die einzige Bitte, die wir haben: Bitte unbedingt sofort starten, nicht auf den Winter warten - und es unbedingt ernst nehmen“, so Friedrichs gegenüber der Berliner Zeitung.