Die Sängerin Georgette Dee tritt zurzeit in der Berliner Bar jeder Vernunft auf. Barbara Braun/Tipi am Kanzleramt

Georgette Dee im 30. Jahr der Bar jeder Vernunft, im Jubiläumsjahr, dem Jahr, wo alle großen Erfolge der „Bar“ noch einmal so richtig gefeiert und nachgefeiert werden. Vor Publikum, ist doch klar. Denn Corona – das ist Geschichte, erst mal.

Die Dee ist in Hochform, singt Balladen und Chansons: über die Liebe und das liebe Leben, das Alter und den Abschied, das Glück und das Unglück der allerersten Liebesstunden. Wow! Sie nennt den Vortrag schlicht „All of me – Lebenslieder“. Das kann man so machen, denn Georgette Dee gibt an diesem Abend in der Bar jeder Vernunft wirklich alles. Und die Menschen – sie hängen ihr an den Lippen.

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Wir hören Songs und Chansons mit Texten von ihr selbst, von Erich Kästner und Bertolt Brecht. Dazwischen immer wieder auch frivole und lasterhafte Anekdoten, Schmunzeleien über Kolleginnen wie Cora Frost und die unvergessene Hollywood-Sirene Rita Hayworth („Männer gehen mit Gilda ins Bett und wachen mit mir auf“).

Am Flügel neben Deutschlands betörendster Stand-up-Diseuse, und das ist sie wirklich noch immer, auch mit 63 Jahren: Terry Truck. Aber wie die Dee diesen Abend zwischen Liedgut und Liebelei, zwischen Labsal und Laster modelliert, ist einmalig: mit schroffen Linien und stolzer Pose wird ihr Vortrag momentweise zur Skulptur – mit Ewigkeitsanspruch. Zum Schluchzen schöne Songs wechseln sich ab mit Schnulzen ohne Sinn und Verstand, Schnulzen, die einfach nur selig-schön klingen.

Zum Schluchzen schöne Songs über die Liebe von Georgette Dee

„Die Sprache der Musik war für mich immer das Größte, das wir Menschen haben“, sagt Georgette Dee. „Musik kann sich über alle Grenzen hinwegheben, kann alles durchdringen, was undurchdringlich scheint, kann ein Verstehen erzeugen, wo vorher Unverständnis war – zu mir selbst, zu anderen. Musik gibt mir die Möglichkeit, froh oder traurig zu werden, dem Schlechten und dem Guten den Blick zuzuwenden, Luft zu holen in der Fülle oder der Leere – das hat mich und Terry Truck immer verbunden, die Magie der Musik.“

Als der Abend nach etwas mehr als zwei Stunden ausklingt, ist klar: Die Menschen lechzen nach einer Traurigkeit in diesen hypertraurigen Zeiten, die sie genießen können. Oder wie heißt es doch gleich in der Ballade „Von der Freundlichkeit der Welt“, die Bertolt Brecht geschrieben, Hanns Eisler komponiert und Georgette Dee gesungen hat: „Von der Erde voller kaltem Wind/ Geht ihr all bedeckt mit Schorf und Grind./ Fast ein jeder hat die Welt geliebt/ Wenn man ihm zwei Hände Erde gibt.“

„All of me – Lebenslieder“ mit Georgette Dee ist ein Abend voller Wehmut und zartester Hoffnung, nicht ohne Trotz. Lichte Zeit, nun komm aber auch!

Bis 12. Juni 2022. Karten ab 22,90 Euro, ermäßigt 12,50 Euro gibt es hier und unter Tel. (030) 883 15 82

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