Jule Michel mit ihrer Ärztin Dr. Yu-Mi Ryang. Dank ihr kann sie wieder ein fast normales Leben führen. Foto: Thomas Oberländer/Helios-Klinikum Berlin-Buch

Kann man zur falschen Zeit am falschen Ort sein? Jule Michel (14) würde diese Frage wohl eindeutig mit ja beantworten. Ausgerechnet an ihrem Geburtstag, vor gut einem Jahr, als sie in Bernau eine Straße überqueren wollte, fiel eine mobile Fußgängerampel um und begrub den Teenager unter sich. Ihre tragische Geschichte eines schicksalhaften Tages und ihr persönliches medizinisches Wunder erzählt sie im KURIER.

Sie könne sich noch daran erinnern, dass ihre Mutter ihr geraten habe, lieber die Sonnenbrille aufzusetzen, weil ihnen von der Baustelle so viel Sand entgegen wirbelte. Es sei sehr windig gewesen an jenem Tag, als sie die Breitscheidstraße direkt gegenüber der S-Bahn Station Bernau überqueren wollten.

Doch das was kurz danach kam, kennt Jule nur aus Erzählungen. „Ich habe nach vorn geschaut, ob die Ampel schon grün ist, schaue danach wieder zu meiner Tochter. Plötzlich lag sie bewusstlos auf dem Boden mit der Ampel auf sich drauf“, berichtet ihre Mutter, Judith Michel. Sie sei völlig geschockt gewesen in diesem Moment. Zum Glück hätten andere Fußgänger sofort den Notarzt gerufen und geholfen, die rund 100 Kilo schwere Ampel hochzuheben und ihre Tochter darunter zu befreien.

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Verdacht auf Querschnittslähmung

Als Jule wieder zu sich kam, habe sie vor Schmerzen gewimmert und „Mama, Mama, das tut so weh“, gerufen. Ein Rettungswagen habe sie ins nächst gelegene Helios Klinikum Berlin-Buch gebracht. „Das Allerschlimmste war, dass ich plötzlich kein Gefühl mehr in meinen Beinen hatte“, erinnert sich Jule. In der Notaufnahme äußerte der behandelnde Arzt einen schlimmen Verdacht: Jule könne querschnittsgelähmt sein. „Das war so schrecklich niederschmetternd“, so die Mutter.

Doch die Tochter bekam Hilfe in der Not. Die Chefärztin der Neurochirurgie, Dr. Yu-Mi Ryang, die in solchen Fällen spezialisiert ist, kam von einem privaten Abendessen sofort in die Klinik. „Durch den schweren Unfall war die Lunge kollabiert und der Brustkorb mit Blut gefüllt. Aber noch viel schlimmer war, dass Jule ihre Beine nicht mehr bewegen konnte und sie kaum noch spürte. Da wusste ich sofort, wir müssen handeln“, so die Medizinerin. Das Mädchen habe einen fast kompletten Querschnitt aufgrund einer schwerwiegenden Verletzung des Rückenmarks, verursacht durch einen Bruch des vierten, fünften und sechsten Brustwirbels gehabt. Noch am gleichen Abend musste Jule not operiert werden und es folgten noch zwei weitere Eingriffe hinterher.

Not-Operation, weitere Eingriff und eine Reha wirkten Wunder

„Die ersten Tage auf der Kinderintensivstation waren extrem hart. Wenn man sein Kind an lauter Schläuchen angeschlossen liegen sieht, ist das schwer zu ertragen“ sagt die Mutter. Sie habe sich große Sorgen gemacht und sich gefragt, ob sie den Unfall habe verhindern können, wenn sie am Tag des Unfalls vielleicht einen anderen Weg gegangen wären oder ein anderes Ziel gehabt hätten. Sie habe auch plötzlich Angst gehabt, ihren Job aufgeben zu müssen und dann ihre Familie nicht mehr versorgen zu können, wenn sie ein querschnittsgelähmtes Kind zu Hause pflegen müsse.

Doch dann gab es neue Hoffnung: Nach mehreren Wochen Aufenthalt im Klinikum kam Jule zur Weiterbehandlung in eine Reha nach Bayreuth. Dort zeigten sich die ersten Erfolge ihrer Operationen ab. „Das Gefühl in meinen Beinen kam allmählich zurück. Zunächst verspürte ich nur ein Kribbeln in den Zehen, dann konnte ich sie wieder bewegen“, erzählt Jule. In „einer Laufkatze“, einer Laufhilfe, die auch bei Schlaganfallpatienten eingesetzt wird, lernte sie nach und nach wieder zu gehen. „Es ist wie ein Wunder. Sie hatten einen kompletten Querschnitt und kann jetzt wieder laufen“, sagt Dr. Ryang dem KURIER.

Jule mit ihren Hunden. Heute kann sie trotz der Folgeschäden wieder fast normal leben. Foto: privat/BK

Heute, 13 Monate nach dem dramatischen Unfall, kann Jule wieder ein fast normales Leben führen. Nur fast, weil sie noch immer mit Folgeschäden zu kämpfen hat. „Mein Blase ist gelähmt und funktioniert nicht mehr wie vorher“, sagt sie. Aber sie hofft, dass die Ärzte auch das eines Tages wieder in Ordnung bringen. Manchmal hat Jule auch noch Angst, ihr Haus zu verlassen, aus Sorge, ihr könnte noch einmal ein ähnliches Schicksal wieder ereilen.

Besonders traurig mache sie, dass sich in ihren Augen niemand für ihren Schaden richtig verantwortlich zeige, so sagt sie. Deshalb prüfen Anwälte, die Jules Mutter beauftragt hat, auch rechtliche Schritte gegen den Verursacher einzulegen. Aus ihrer Sicht sei die Ampel nicht richtig befestig gewesen. „Wenn irgendwo im Wald ein Baum umfällt, ist das Pech, aber wenn eine Ampel einfach so umfällt, hat ein Mensch fachlich versagt“, findet Judith Michel.