Falsch geparkt: ein Enuu-Mobil auf einem Berliner Gehweg. FUSS/Roland Stimpel

Nachdem es Streit um zugeparkte Gehwege gab, schränkt das Sharing-Unternehmen Enuu sein Angebot in Berlin erheblich ein. Inzwischen stehen die Elektrofahrzeuge nicht mehr auf öffentlichem Straßenland für eine Kurzzeitmiete zur Verfügung, teilte das Schweizer Start-up mit. Das Angebot „pausiert“, bestätigte Mitgründer Luca Placi auf Anfrage dem Berliner KURIER. Die vierrädrigen Vehikel wurden bereits von den Straßen abgezogen und sind nun im Depot am Mariendorfer Damm abgestellt. Dort können sie für eine monatliche Miete abgeholt werden.

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Mit den Sharing-Fahrzeugen, die an Kabinenroller oder Mini-Autos erinnern, wollte Enuu auch in Berlin eine Lücke schließen. Die fahrbaren Kapseln für jeweils eine Person seien nicht nur für junge Leute, sondern auch für Ältere und Menschen mit Behinderungen eine Alternative, so das Unternehmen. Sie schaffen knapp Tempo 30, verfügen über Blinker, Spiegel sowie Sicherheitsgurte und dürfen mit einem Moped-Führerschein der Kategorie M oder AM gefahren werden.

Ende Mai stationierte Enuu die ersten Fahrzeuge in den Bezirken Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg. Zuletzt waren es bis zu 80, so Placi. In diesem Sommer sollte sich die Zahl mehr als verdoppeln. Im kommenden Jahr wollte Enuu in Berlin sogar 220 Vehikel anbieten, auch in anderen Bezirken.

Fußgängerlobby ist erleichtert: „Ein Gehweg-Räuber weniger!“

Doch nun wurde das Engagement in Berlin erst einmal zurückgefahren – wie auch in Zürich und anderen Städten in der Schweiz, wo es ebenfalls Ärger gegeben hatte. Auch in Berlin gab es von Anfang an Beschwerden darüber, dass die Enuu-Fahrzeuge von ihren Nutzern falsch geparkt wurden. So standen die Kabinenroller auf Bürgersteigen, die bereits mit E-Scootern und Mieträdern zugestellt sind, Fußgängern im Weg. Es gab Gespräche mit der Berliner Verwaltung, doch die führten bislang zu keinem Ergebnis, mit dem auch Enuu zufrieden wäre, hieß es.

In einem Newsletter erfuhren die Berliner Kunden nun: „Das Thema Parken stand im Mittelpunkt unserer Diskussionen mit den lokalen Behörden. Bis heute ist es uns nicht gelungen, eine Vereinbarung zu treffen, die es unseren Nutzern ermöglichen würde, die Fahrzeuge auf bequeme Weise zu parken.“ Deshalb habe sich das Unternehmen dazu entschieden, mit dem Angebot in Berlin zu „pausieren“, bis eine akzeptable Lösung gefunden worden sei.

Die Fußgängerlobby kommentierte die Entscheidung von Enuu mit gemischten Gefühlen. „Einerseits sind wir erleichtert: ein Gehweg-Räuber weniger. Enuu hatte sein Geschäftsmodell auf illegalem Gehwegparken aufbauen wollen“, sagte Roland Stimpel, Sprecher des Fachverbands Fußverkehr (FUSS), am Mittwoch. „Andererseits bedauern wir das Scheitern der Firma: Kleine Autos sind viel besser für die Stadt als große. Sie können Menschen von großen Autos weglocken – Menschen, die sich auf Fahrrad, Scooter oder Moped ungeschützt fühlen.“

Das Unternehmen informiert die Nutzer auf mehreren Wegen über die Regularien zum Parken und Fahren, erklärte Luca Placi von Enuu. So gebe es auf der App, mit deren Hilfe die Fahrzeuge gebucht werden konnten, einen „Onboarding Guide“. Auf der Internetseite wird bei Fragen und Antworten auf die Regeln hingewiesen. Das gelte auch für die allgemeinen Geschäftsbedingungen. Nicht zuletzt seien die Kunden per E-Mail informiert worden.

Senat will Sharing-Branche regulieren

Die Enuus gehören der Fahrzeugkategorie L6e-BP an, so Placi. Sie gelten als vierrädrige Leichtkraftfahrzeuge, die auf der Straße fahren dürfen und auf Autoparkplätzen abgestellt werden sollten. Weil die Vehikel von der Nutzung und ihren Dimensionen her Mopeds ähneln, sollten sie „auch im gleichen Rahmen geduldet werden“, hieß es. Berichten zufolge wurden sie in Berlin aber nicht nur auf Gehwegen, sondern auch auf Radverkehrsanlagen angetroffen.

Für Roland Stimpel von FUSS zeige das Scheitern von Enuu erneut, wohin die Reise gehen muss. „Wir brauchen viele feste Stationen für kleine Leihfahrzeuge – Scooter, Mopeds, Autos bis zur Smart-Größe. Diese Stationen gehören auf die Fahrbahn. Wo bisher ein relativ selten benutztes Privatauto parkt, finden drei bis zehn häufig gefahrene Fahrzeuge Platz. Der beste Ort sind Parkplätze direkt neben den Kreuzungen. Sie sind bestens erreichbar und bringen auch Sicherheit: Wer zu Fuß über die Fahrbahn geht, bekommt besseren Sichtkontakt mit denen, die dort rollen.“

Inzwischen fordere sogar der erste Vermieter von E-Scootern feste Stationen, so Stimpel. Für die in Berlin noch nicht vertretene Firma Spin propagiere Deutschland-Chef Hendrik Büchner: „Für ein geordnetes und sicheres Stadtbild sollten Kunden E-Scooter ausschließlich auf ausgewiesenen Parkflächen abstellen und mieten können.“ Das sei auch der richtige Weg für Mini-Autos wie die von Enuu, sagte der FUSS-Sprecher.

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Wie berichtet setzt sich die Senatsverkehrsverwaltung dafür ein, dass das Berliner Straßengesetz novelliert wird. Ziel ist es, die Sharingbranche in Berlin zu regulieren. So soll das Abstellen von Mietfahrzeugen auf öffentlichen Straßen und Plätzen künftig als Sondernutzung gelten, für die eine Genehmigung erforderlich ist. Darin soll die Verwaltung auch vorschreiben können, wo die Sharing-Fahrzeuge abzustellen sind.

Die meisten Unternehmen der Branche lehnen die geplante Gesetzesänderung ab, Gutachter halten sie für verfassungswidrig. Am 12. August wird es im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses eine Anhörung geben.