Fabien Martini wurde 2018 getötet, als ein Polizeiwagen in ihr Auto fuhr.
Berliner KURIER/Markus Wächter 

Luftballons hängen am Eingang der Gartenparzelle. Musik weht über den Zaun, Lachen ist zu hören. Zur Party, die an diesem Samstagabend in der Pankower Kleingartenanlage steigt, sind etwa 40 überwiegend junge Menschen gekommen. Sie feiern in den Geburtstag einer Freundin hinein, die selbst nicht anwesend ist, nicht dabei sein kann. Nie mehr. Denn das Geburtstagskind ist tot. Fabien Martini starb vor dreieinhalb Jahren, als ein Streifenwagen ihr Auto mit mehr als 130 Kilometern pro Stunde rammte. Die junge Frau wäre am Sonntag 25 Jahre alt geworden.

Zu der Geburtstagsparty haben die Eltern und der jüngere Bruder von Fabien eingeladen, so wie sie es seit dem Tod der Tochter und Schwester jedes Jahr gemacht haben. Doch diesmal hat die Feier noch einen Anlass. Den verrät Britta Martini, Fabiens Mutter, kurz vor 20 Uhr, als sie zusammen mit ihrem Mann Christian die Gäste begrüßt. Sie habe eine gute Nachricht, sagt sie. „Es geht weiter“, sagt Britta Martini. Das Berufungsverfahren um den Tod ihrer Tochter am Berliner Landgericht gegen einen Polizeibeamten starte am 2. September. Und sie hoffe, dass die Richter die Patientenakte von Polizeihauptkommissar Peter G. diesmal zulassen werden. Es ist die Akte, die belegen soll, dass der Beamte zum Zeitpunkt des Unfalls betrunken war.

Britta und Christian Martini im Zelt mit den Fotos ihrer Tochter. Fabien Martini wäre am Sonntag 25 Jahre alt geworden.
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Der heute 53-jährige Peter G. soll am 29. Januar 2018 als Fahrer eines Funkstreifenwagens auf der Grunerstraße in Mitte den Renault Clio von Fabien Martini mit viel zu hoher Geschwindigkeit seitlich gerammt haben. Die 21-Jährige, die den auf der äußersten linken Spur mit Blaulicht und Martinshorn herannahenden Einsatzwagen offenbar nicht wahrgenommen hatte und mit ihrem Auto gerade langsam von der mittleren Spur nach links zum Parken auf die Mittelinsel abbog, hatte keine Chance. Ihr Auto wurde bei dem Zusammenstoß bis zur Hälfte zusammengedrückt.

Fabien Martini starb noch an der Unfallstelle – kurz hinter dem Autotunnel am Alexanderplatz, aus dem der von Peter G. gesteuerte Funkwagen mit einer Geschwindigkeit von 134 Kilometern pro Stunde herausgeschossen sein soll. Bei Tempo 100 wäre der Unfall vermeidbar gewesen, stellte später ein Gutachter fest. Doch was weit schwerer wog als das hohe Tempo, war ein Verdacht: Danach wäre der Polizeihauptkommissar bei der Einsatzfahrt alkoholisiert gewesen.

Anonymer Hinweis aus dem Umkreis von Charité-Mitarbeitern

Bei dem Beamten war nach dem Unfall kein Alkoholtest gemacht worden. Erst Monate später wurde die Vermutung, er sei betrunken gewesen, laut – nach einem anonymen Hinweis aus dem Umkreis von Mitarbeitern der Charité, in der Peter G. nach dem Crash behandelt worden war. Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte daraufhin die Patientenakte des Beamten, in der der Wert von rund einem Promille dokumentiert sein soll. Doch das Gericht ließ die Akte als Beweismittel nicht zu. Die Beschlagnahme sei rechtswidrig gewesen, entschieden die Richter.

Peter G. wurde daraufhin in einem ersten Verfahren im Dezember vorigen Jahres nach acht Verhandlungstagen vom Amtsgericht Tiergarten wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten verurteilt – ausgesetzt zur Bewährung. Eine mögliche alkoholische Beeinflussung des Beamten spielte bei der Entscheidung keine Rolle. Gegen das Urteil gingen die Eltern von Fabien Martini, die in dem Prozess Nebenkläger waren, in Berufung – und erzwangen so die neue Verhandlung vor dem Landgericht.

Im Januar hatte ein Polizeiwagen in der Grunerstraße den Renault Clio gerammt. Fabien starb noch an der Unfallstelle. Morris Pudwell

„Wir haben die große Hoffnung, dass Fabi in diesem Verfahren endlich Gerechtigkeit widerfährt“, sagt Britta Martini am Sonnabend. Die 50-Jährige wirkt müde und erschöpft, als sie sich im Garten in eine ruhige Ecke zurückgezogen hat – in das Zelt, in dem die vielen Fotos ihrer Tochter mit Klammern an Leinen hängen. Es sind Bilder, die Fabiens Freunde mitbringen sollten. Britta Martini erzählt, dass sie nach dem langen Kampf um ein gerechtes Urteil keine Energie mehr habe. „Deswegen ist diese Geburtstagsfeier, zu der noch immer so viele Freunde von Fabi kommen, so wichtig. Sie gibt uns Kraft für das, was jetzt kommt.“

So schmückte die Familie den Geburtstagstisch.
Berliner KURIER/Markus Wächter

Christian Martini geht noch immer jeden Tag zum Grab der Tochter

Für die Verhandlung am Berliner Landgericht sind bisher 20 Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil könnte demnach Mitte Januar fallen. Für die Martinis ist die Länge der Verhandlung ein gutes Zeichen. Dies könne doch eigentlich nur bedeuten, dass nun sorgfältig nachgeforscht werde, was an jenem Tag, als ihre Tochter starb, wirklich geschehen sei, sagt Christian Martini, Fabiens Vater. Er trägt wie seine Frau ein T-Shirt mit dem Konterfei seiner Tochter. Noch immer geht er jeden Tag zu Fabiens Grab, um ihr nahe zu sein.

Der Gerüstbauer erzählt, dass Fabis Freunde auch sie, die Eltern, einladen würden. So werden sie im nächsten Jahr bei der Hochzeit eines Freundes dabei sein. „Es fühlt sich so falsch an“, sagt der 51-Jährige. Und die Verzweiflung ist ihm anzuhören. Denn eigentlich, so sagt Christian Martini, sollte Fabi zu der Hochzeit gehen. Und eigentlich habe er als Vater auch seine Tochter einmal zum Brautaltar führen wollen. Seine Fabi, die einmal Polizistin werden wollte.