Norbert (68) aus Pankow. Sabine Gudath

Deutschland soll unabhängig von russischem Erdgas werden, und zwar schon bald. Damit dies schon im laufenden Jahr gelingt, müssten aber viel Energie eingespart und die Gaslieferungen aus anderen Ländern ausgeweitet werden. Immerhin lieferte Russland zuletzt rund 55 Prozent des Erdgases für Deutschland. Jetzt hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ausgerechnet, wie eine Unabhängigkeit funktionieren könnte.

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Mehr Flüssiggas aus Norwegen und den Niederlanden müsste her, auch über Terminals der Nachbarländer.  Außerdem könnten schwimmende Terminals für Flüssigerdgas an der deutschen Küste genutzt werden. Deutschland könne über virtuellen Handel auch mit Terminals in Südeuropa verbunden werden. Doch damit ist es nicht getan: Das DIW hält große Einsparungen für notwendig, 18 bis 26 Prozent weniger Erdgasverbrauch seien möglich.

Weniger heizen, weniger warmes Wasser verbrauchen

Privathaushalte sollten etwa weniger stark heizen als gewohnt und weniger Warmwasser verbrauchen, die Industrie Wärme mit Strom, Kohle oder Biomasse erzeugen. Die Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass die Industrie ihren Erdgasverbrauch um bis zu einem Drittel senken kann. Dabei würde die Produktion allerdings vorübergehend deutlich sinken. Für stark betroffene Unternehmen und einkommensschwache Haushalte müsse es finanzielle Hilfen geben, hieß es.

Hohe Kosten kommen mit Verzögerung

Die gestiegenen Energiekosten werden nach Einschätzung von Verbraucherschützern bei vielen Mietern erst mit der Nebenkostenabrechnung verzögert ankommen. „Der Preishammer kommt im nächsten Jahr auf die Verbraucher zu“, sagte Energieexperte Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW. Die große Preiswende bei Strom und Gas habe es erst zum Jahreswechsel gegeben. Auch Vermieter, die ihren Öltank in diesem Jahr gefüllt hätten, gäben die Mehrkosten erst mit der Abrechnung im kommenden Jahr weiter.

Auch die Verteuerung von Rohstoffen wird sich auch in Zukunft noch stärker in den Portemonnaies bemerkbar machen: „In den kommenden Monaten werden viele wichtige Elemente unseres täglichen Lebens tendenziell teurer – von Brot und Kaffee über Computer und Autos bis hin zu Baumaterialien, Häusern und der Art und Weise, wie wir unsere Haushalte mit Strom versorgen“, sagte der Chef des luxemburgischen Rohstoffkonzerns Eurasian Resources Group Benedikt Sobotka.

Verbrauchen passen ihr Nutzungsverhalten an

Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der dpa zeigt, dass viele Verbraucher ihr Nutzungsverhalten bereits angepasst haben. Jeder zehnte hat seit Beginn des Ukraine-Kriegs damit begonnen, seinen Energieverbrauch zu reduzieren. Sogar fast jeder fünfte (19 Prozent) spart seit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine im Februar mehr Energie als vorher. Die Umfrage wurde zwischen dem 1. und 4. April unter mehr als 2000 Menschen in Deutschland durchgeführt.

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Einsparungen machen besonders viele Befragte beim Heizen und beim Verbrauch von Warmwasser und Strom (jeweils 68 Prozent). Darüber hinaus wirken sich die selbst auferlegten Sparmaßnahmen auch auf die Mobilität der Menschen aus. Zwölf Prozent gaben an, gar kein Auto mehr zu fahren. 44 Prozent fahren weniger Auto und 33 Prozent fahren langsamer.

So sparen die Berliner  Strom, Gas, Benzin und beim Einkauf

Wie die Berliner den steigenden Energiepreisen und hohen Kosten bei Lebensmitteln begegnen, fragten wir sie auf dem Alexanderplatz.

„Man weiß ja gar nicht, wo man anfangen soll, zu sparen“, sagt Norbert aus Pankow. Der 68-Jährige arbeitet als Sanitär-Installateur, zu seinen Kunden muss er mit dem Transporter fahren, da tun die derzeit hohen Benzinpreise schon weh. „Aber es hilft ja nichts, fahren muss ich.“ Also tankt Norbert abends, wenn es etwas günstiger ist, und dreht zu Hause die Heizung runter. „In meinem Alter friert man  schneller“, schmunzelt er. „Aber wenn's hilft.“

Mit dem Fahrrad fahren und das Auto öfter stehen lassen

Sabine Gudath
Daniela (36) aus Wiesbaden.

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Nicht nur in Berlin sind die Menschen gerade darauf bedacht, Kosten zu reduzieren. Daniela aus Wiesbaden etwa fährt mit dem Rad zum Sport statt mit dem Auto. „Generell sollte man sich ja mit dem Thema einmal genau auseinandersetzen“, sagt sie. Und hätte damit auch Daniel aus Wuppertal auf ihrer Seite. Auch der 44-Jährige setzt sich aufs Rad, wenn er zur Arbeit fährt, und spart so Spritkosten.

Sabine Gudath
Daniel (44) aus Wuppertal.

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Essen unterwegs vermeiden – lieber Stullen schmieren

Dass sich Lutz unterwegs mal einen Kaffee im Pappbecher mitnimmt, kommt zur Zeit eher selten vor. Coffee to go? „Zu teuer.“ Der Monteur aus Lichtenberg ist viel unterwegs in der Stadt, er weiß, dass an den Wurstbuden und beim Kaffee-Stand mehr verlangt wird als noch vor ein paar Wochen. Seit selbst der Discounter Aldi die Preise für bestimmte Waren deutlich erhöht hat, schauen die Menschen, wo sie jetzt sparen können.

Sabine Gudath
Lutz (55) aus Lichtenberg.

„Jeder spart, wo er kann und wo er mag“, sagt das Ehepaar, das zügig über den Alexanderplatz eilt. Gerade haben die beiden im Saturn nach einem kleinen Grillöfchen geschaut, „damit man nicht immer gleich den großen Herd anmachen muss, wenn man mal zwei Brötchen aufbacken will.“ Andere, wie Lutz aus Lichtenberg backen auch lieber eigene Brötchen: Statt unterwegs beim Imbiss Mittag zu machen, nimmt der 55-Jährige sich sein Essen von zu Hause mit. „Bei den Lebensmitteln spürt man die Teuerung am deutlichsten“, sagt er, mit dem Auto sei er ohnehin selten unterwegs.

Große Einschränkungen spüren wir nicht

Christa und Brigitte kennen sich nicht, als sie auf dem Alex aneinander vorbei gehen. Und doch haben die beiden älteren Damen eins gemeinsam: Von den steigenden Preisen für Energie und Lebensmittel lassen sie sich nicht verrückt machen. „Wenn ich mal ein gutes Angebot sehe, nehme ich es natürlich mit“, sagt Christa. Doch schmerzhaft einschränken muss die 85-Jährige sich nicht. Wie auch Brigitte (87) aus Mitte hat sie lange Jahre für ihre Rente gearbeitet. Beide wissen, dass es die Gesundheit ist, die zählt, nicht Reichtümer.

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Christa (85) aus Prenzlauer Berg.

„Ich rege mich auch nicht auf“, sagt Brigitte. Anders sähe es natürlich für viele Menschen aus, die von einer kleinen Rente leben müssten.

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Brigitte (87)  aus Mitte.

Projekt LED-Lampen wird gestartet

Die Entspanntheit des Alters, welches schon durch Höhen und Tiefen gegangen ist, fehlt Cornelia gerade ein wenig. Die 54-Jährige aus Moabit hat jüngst eine Strompreiserhöhung im Briefkasten gehabt. Zehn Euro mehr will der Anbieter haben. Dabei hat Christa es bisher jedes Jahr geschafft, bei der Betriebskostenabrechnung etwas retour zu bekommen. Damit das auch in diesem Jahr klappt, hat sie das Projekt „Umstellung auf LED“ in Angriff genommen. Alle Lampen werden umgerüstet.

Einmal im Monat zum Einkauf nach Polen

Und auch bei den steigenden Preisen im Supermarkt hört der Spaß auf. „Die Jagdwurst bei Aldi statt 3,99 nun für 7,99 Euro lasse ich im Kühlregal liegen“, sagt Cornelia. Stattdessen fährt sie einmal im Monat über Hohenwutzen nach Polen. Dort macht sie den Tank für 1,68 Euro pro Liter Super voll. Auch ein Großeinkauf an Lebensmitteln dort lohnt sich.

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Cornelia (54) aus Moabit.

Heizen mit dem alten Kachelofen

Ein bisschen neidisch schaut Cornelia auf ihren Kollegen Bernd, der auf dem Land in Brandenburg bei der Partnerin mit einem alten Ofen ordentlich Heizkosten spart. „Wir heizen am Wochenende mit Briketts und Holz“, sagt Bernd. Gerade habe er einen umgestürzten Baum klein gehackt, sagt der 63-Jährige. In seiner Wohnung in Spandau hält Bernd es mit einer Decke auf der Couch gut aus, auch wenn er die Heizung ein paar Grad runterdreht. Dass Bernd in der Stadt nur mit dem Fahrrad unterwegs ist, hilft ebenso, Fahrtkosten zu sparen.

Sabine Gudath
Bernd (63)  aus Spandau.