Viele Berliner zieht es an diesem Sonntag in den Tiergarten- trotz verstärkter Kontaktbeschränkungen. Foto: Sabine Gudath

Der Spielplatz im Tiergarten ist an diesem Sonntagmittag gut besucht. Kinder laufen kreischend umher, zwei junge Männer spielen Tischtennis. Von den vier Schaukeln sind zwei besetzt. Ein Vater gibt seinen beiden Kindern, vier und sechs Jahre alt, immer wieder Schwung. Die Mutter steht mit einem Thermosbecher Kaffee daneben. Gerade kommt die Sonne ein wenig durch die grauen Wolken, die kahlen Bäume um den Platz werfen einen Hauch von Schatten.

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Die vierköpfige Familie ist aus Prenzlauer Berg in den Tiergarten gekommen. „Hier ist die Dichte der Kinder nicht so hoch und damit der Spielplatz nicht so voll wie bei uns um die Ecke“, sagt Katharina Richwien, die Mutter der schaukelnden Kinder. Obwohl es an diesem Sonntag schon ein wenig voller sei als tags zuvor. „Wir haben extra die Mittagszeit gewählt, damit wir Platz haben und Abstand halten können.“

Katharina Richwien (38) aus Prenzlauer Berg ist mit ihren Kindern auf dem Spielplatz im Tiergarten. In ihrem Kiez ist es ihr zu voll. Foto: Sabine Gudath

In Berlin sind an diesem Tag die schärferen Kontaktbeschränkungen in Kraft getreten, mit denen der Senat die Zahlen der Corona-Infizierten in der Stadt in den Griff bekommen will. Private Treffen sind nur noch mit der eigenen Familie und höchsten einem weiteren Menschen erlaubt. Im Tiergarten scheinen sich die meisten daran zu halten. Größere Gruppen sind nicht unterwegs. Auf den Wegen flanieren überwiegend Pärchen ziellos in alle Himmelsrichtungen, Hundebesitzer gehen Gassi, viele Jogger laufen ihre Runden. Je mehr die Sonne herauskommt, desto voller wird es. Nur die Bänke sind verwaist, die Wiesen zu dieser Jahreszeit sowieso.

„Ich habe den Eindruck, dass ganz Berlin gerade den Spaziergang entdeckt“, sagt Inga Landgrebe aus Moabit mit Blick auf die vielen Menschen, die vor ihr schlendern oder ihr entgegenkommen. Und ein wenig meint auch sie sich damit. „Wir machen an den Wochenenden eigentlich viele Ausflüge, aber nun, wo es nicht mehr geht, sind wir öfter im Tiergarten.“ Oder sie laufen am Bundesratsufer entlang. Warm eingemummelt, hat sich die 31-Jährige bei ihrem Freund Friedrich Landenberger untergehakt.

Hinter ihnen leuchtet die Fassade von Schloß Bellevue durch das Sonnenlicht in gleißendem Weiß. Eine Stunde Spazierengehen haben sie sich für diesen Sonntag vorgenommen, um ein wenig rauszukommen, wie sie sagen. Man könne sich ja nicht immer nur in den eigenen vier Wänden aufhalten. Spazierengehen sehen sie als triftigen Grund an, die Wohnung zu verlassen. „Als es Corona noch nicht gab, da waren nicht annähernd so viele Menschen unterwegs. Eigentlich ist es ganz schön so“, erzählt der 30-Jährige Freund.

Inga Landgrebe (31) und Friedrich Landenberger (30) aus Moabit gehen oft im Tiergarten spazieren. Foto: Sabine Gudath

Kaum einer der Spaziergänger trägt auf seinem mittäglichen Gang durch die Parkanlage eine Maske. Riadh S. ist einer der wenigen, der sich den Mund-Nasenschutz sofort über die Nase zieht, wenn Spaziergänger, aber vor allem Jogger ihm zu nahe kommen. Der 69-Jährige, der mit seiner Frau Tina durch den Park walkt, gehört zur Risikogruppe. Für das Paar ist der Tiergarten ihr „Hauspark“, wie beide sagen. Im Sommer seien sie jeden zweiten Tag hier.

Nun, in den kalten Monaten, kämen sie einmal in der Woche. Nicht weit von ihnen entfernt machen sich Manuel Lehmann, David Rentzsch und Jack-Russel-Dame Paula, 38, 32 und sieben Jahre alt, zum Joggen fertig. „Wir haben schon in den letzten Wochen unsere sozialen Kontakte total heruntergefahren“, erzählt David Rentzsch. Und auch mit den schärferen Kontaktbeschränkungen könnten sie gut leben. Zwei bis dreimal in der Woche verschlage es sie in den Park. In den letzten Wochen sei der Tiergarten voller geworden, sagt Manuel Lehmann.

Jack-Russel-Dame Paula macht sich bereit, um mit ihrem Herrchen im Tiergarten zu joggen. Foto: Sabine Gudath

Langsam wechselt die Farbe des Himmels von grau mit etwas blau, in blau mit etwas grau. Der Nachmittag mit seinem vorhergesagten Sonnenschein rückt näher und damit wird der Strom der Passanten größer. Jochen Wüst hat sich nach dem Mittagessen auf sein Fahrrad geschwungen, er ist aus Schöneberg in den Tiergarten geradelt, um - wie jeden Sonntag - einen Freund zu treffen. Einen Bekannten zu sehen, sei schließlich noch erlaubt, sagt der 37-Jährige.

Wüst hat einen Rucksack dabei, den er vom Gepäckträger nimmt, als er sein Fahrrad an einem Laternenpfahl anschließt. „Da ist nur Kaffee drin, damit man ein bisschen warm bleibt“, erklärt er. Um dann zu versichern, dass man den Kaffee im Gehen trinken werde. „Schade ist es schon, früher haben wir uns sonntags immer zu viert oder fünft zum Frühstücken und Quatschen in einem Café getroffen.“ Nun müsse man schauen, was überhaupt noch gehe. Immerhin gebe es noch keine Ausgangssperre.

Kurz vor 14 Uhr ist auf der Straße des 17. Juni, anders als zwei Stunden zuvor, kein Parkplatz mehr zu bekommen. In dem weitläufigen Park flanieren die Menschen - wie an einem warmen Sommertag.