Überall im Center hängen und kleben Schilder, die ankündigen: „Wir schließen – alles muss raus“. Auf anderen wird mit 50-Prozent-Rabatten geworben Foto: BK/Gerd Engelsmann

Es war eine traurige Visite. Als Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst vor einigen Tagen die vom Aus bedrohte Galeria-Filiale im Linden-Center am Prerower Platz in Hohenschönhausen besuchte, traf er auf eine niedergeschlagene Belegschaft. Überall im Center hängen und kleben Schilder, die ankündigen: „Wir schließen – alles muss raus“. Auf anderen wird mit 50-Prozent-Rabatten geworben. Es sieht alles danach auch, als stehe das erste Opfer des großen Karstadt-Sterbens in der Stadt fest.

Tatsächlich schält sich langsam immer stärker heraus, was die angekündigte Schließungswelle beim insolventen Karstadt/Kaufhof-Konzern konkret für Berlin bedeutet. Zur Debatte stehen neben Galeria im Linden-Center auch noch die Zukunft einer Filiale in der Gropius-Passage in Neukölln sowie die der drei Karstadt-Filialen am Tempelhofer Damm, am Leopoldplatz und an der Wilmersdorfer Straße. Hinzu kommt die Karstadt-Sport-Filiale im denkmalgeschützten früheren Bilka-Haus an der Joachimsthaler Straße. Gar keine Rolle mehr spielt offenbar eine ursprünglich geplante neue Galeria-Filiale an der Gorkistraße in Tegel.

6 Kaufhäuser in Berlin von Karstadt/Kaufhof-Insolvenz betroffen

„Die Mitarbeiter waren schon alle stark gedrückt“, sagt der Linke-Politiker im Gespräch mit dem KURIER. Weil aber Grunst von sich sagt, er sei ein „optimistischer Mensch“, will er zusammen mit der Belegschaft weiter um den Standort am Prerower Platz kämpfen. Kommunalpolitiker hielten dann auch schon einmal optisch-propagandistisch gegen das Untergangsszenario und brachten Aufkleber mit der Aufschrift „Galeria muss bleiben“ an.

Nun können Politiker aufkleben oder auch sagen, was sie wollen – Manager von Unternehmen treffen ihre Entscheidungen oft völlig unbeeindruckt davon. Diese Erfahrung machte die Berliner Politik erst vor wenigen Wochen, als sie von der Rettung der Galeria-Filiale im Ring-Center – ebenfalls in Lichtenberg – völlig überrascht wurde.

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Seit Anfang Juni ist bekannt, dass Karstadt/Kaufhof wegen Insolvenz rund 60 Warenhäuser in ganz Deutschland schließen will oder muss, sechs davon befinden sich in Berlin. Am 1. Juli wurde das Insolvenzverfahren des Warenhauskonzerns aus Essen offiziell eröffnet – seit diesem Tag sitzen der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) immer wieder in Telefonkonferenzen. Mal möchten sie hören, unter welchen Bedingungen sich Karstadt beziehungsweise die Mutter-Holding Signa ein weiteres Engagement in der Hauptstadt vorstellen könne. Mal werden die Besitzer der einzelnen Immobilien bearbeitet, die Mieten für die Verkaufsflächen zu senken. Gleichzeitig überbieten sich die Bezirksbürgermeister darin, die nähere und auch weitere Umgebung jedes einzelnen bedrohten Standorts anzupreisen.

Angst vor Dominoeffekt und Verödung macht die Runde

Als gemeinsames Ziel wurde immer genannt, man wolle alle zur Disposition stehenden Häuser in Berlin retten. Viele sind wichtige Anker in Einkaufsstraßen, Schließungen könnten ungeahnte Folgen haben: Auch andere wegen der steigenden Online-Verkäufe unter Druck geratene stationäre Händler in der Umgebung wären gefährdet. Die Angst vor einem Dominoeffekt und einer Verödung macht die Runde.

Insgeheim aber ging nicht nur Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes der Region, davon aus, dass die drei traditionsreichen Solo-Standorte die besseren Chancen haben würden. „Bei den drei Center-Standorten scheint man sich aus konzeptionellen Gründen verändern zu wollen“, sagte Busch-Petersen zu Beginn des Insolvenzverfahrens in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung – nur um kurze Zeit später zu erfahren, dass es im Ring-Center an der Frankfurter Allee eben doch weitergeht. Dort haben sich Karstadt/Kaufhof und der Hamburger Centerbetreiber ECE auf eine geringere Miete geeinigt – und schon gab es dort eine Zukunft.

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Die Miete ist auch Hauptthema in den Telefonkonferenzen der Politiker mit den Immobilieneigentümern. Diese profitieren noch immer von der folgenschweren Entscheidung des damaligen Karstadt- (später Arcandor) Vorstandschefs Thomas Middelhoff Mitte der Nuller Jahre, die Immobilien zu verkaufen, um blendende Bilanzen vorlegen zu können. Daran, dass man stattdessen im unregulierten Gewerbeimmobilienmarkt teils sehr hohe Mieten bezahlen musste (und muss), hat der Kaufhauskonzern bis heute zu beißen. Das A und O seien „faire, ortsübliche Mieten“, sagen in ungewohnter Einigkeit der Einzelhandelsverband und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.

Vermieter zeigen sich verhandlungsbereit

Dabei zeigen sich die Vermieter in den aktuellen Verhandlungen offenbar im Einzelfall verhandlungsbereit. So heißt es aus der Senatskanzlei, dass die Eigentümer in manchen Fällen schon von 25 Euro Monatsmiete pro Quadratmeter auf teilweise 8 Euro heruntergegangen seien – und jetzt wolle Karstadt nur noch 4 Euro bezahlen.

Wie groß der Spielraum für die Vermieter ist, zu denen beispielsweise auch Pensionskassen wie die Bayerische Versicherungskammer gehören, muss jetzt ausgelotet werden. Genauso, wie man weiter versucht, Berlin als Gesamtstandort hübschzureden.

Eine Rolle dabei spielt sicherlich die Filiale am Hermannplatz. Die Signa will dort groß umbauen und einen Rückgriff auf die 20er-Jahre nehmen, die zumindest für Warenhäuser tatsächlich golden waren. Seit geraumer Zeit jedoch blockiert das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg diese Pläne. Es befürchtet eine Aufwertung des Kiezes und damit eine Verdrängung der bisherigen Einzelhändlerstrukturen. Sollte sich der Bezirk weiter querstellen, will der Senat das Thema an sich ziehen, um Signa am Hermannplatz größeren Handlungsspielraum zu eröffnen.

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Als unwahrscheinlich gilt dagegen, dem Konzern doch noch grünes Licht für den Bau von Hochhäusern am Standort Kurfürstendamm zu geben. Mit einem ersten Anlauf war die Signa um ihren Eigentümer, den österreichischen Milliardär René Benko, vor zwei Jahren gescheitert. Noch am selben Tag, als die Österreicher ihre Pläne für zwei bis drei bis zu 150 Meter hohe Häuser vorlegten, lehnte das Baukollegium ab. Das Beratungsgremium von Baustaatssekretärin Regula Löscher hielt die Pläne für inakzeptabel.

Jedenfalls gehen immer mehr Beteiligte davon aus, dass von der Streichliste jetzt tatsächlich nur noch die Solo-Standorte im Westen der Stadt eine Chance haben werden.

Perspektive für 52 Mitarbeiter in städtischer Verwaltung?

Für das Linden-Center in Hohenschönhausen heißt das, dass man jetzt nicht in erster Linie den Optimisten Michael Grunst braucht, sondern den Pragmatiker, der Grunst als Bürgermeister eines wachsenden Hauptstadtbezirks zweifellos auch ist. Wenn es nicht möglich sei, die Filiale zu retten, müsse es darum gehen, eine Perspektive für die betroffenen 52 Mitarbeiter der Filiale zu erarbeiten, sagt Grunst.

Der Kommunalpolitiker setzt dabei große Hoffnung in den Senat, insbesondere in die Finanzverwaltung. „Man könnte die Verkäuferinnen in der öffentlichen Verwaltung unterbringen“, sagt Grunst. Gerade die älteren von ihnen, die seit Jahrzehnten mit Kunden zu tun haben, könne er sich gut etwa in Bürgerämtern vorstellen. Ein Vorbild dafür gibt es schon: Als vor drei Jahren Air Berlin pleite ging, wechselten etliche Air-Berliner in die städtische Verwaltung.