Glauben wir der Kreidelithografie (1858), war es so: Slawenfürst Jacza glückt 1157 die Flucht vor Albrecht dem Bären durch die Havel und er bekennt sich aus Dankbarkeit zum Christentum. Eine schöne, aber keine wahre Geschichte. dpa/akg-images

Warum wurde Brandenburg und damit Berlin deutsch, statt slawisch zu bleiben und im polnischen Kulturkreis aufzugehen? Diese Frage entschied sich zugunsten deutscher Vorherrschaft, weil sich das mächtige Römische Reich Deutscher Nation (den Titel „Heilig“ trug es von 1157 an) den letzten heidnischen Winkel zwischen Elbe und Oder einverleiben wollte. Dabei spielte ein betrogener Erbe, der nicht skrupellos genug war, um seine rechtmäßige Besitzforderung entschlossen durchzusetzen, eine schicksalhafte Rolle: Jacza von Köpenick, ein slawischer Fürst, dessen familiäre wie wirtschaftliche Bindungen tief ins Polnische hineinreichten. Und ein echter Köpenicker.

Berliner Verlag
Raus in die Geschichte!

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Wie schon sein Vater herrschte Jacza (eine Kurzform von Jaczemir, Jaczewoj; sie beruht auf dem Wortstamm „jak“, stark, mächtig) von der Burg Copnic aus über weites Land. Der strategisch bedeutende Platz am Zusammenfluss von Dahme und Spree war seit Jahrhunderten Sitz slawischer Burgherren. Der Name Copnik geht auf das slawische Wort „kopa“, Hügel, und das Suffix „-nik“ zurück, zusammen also: Ort auf einem Hügel.

Jacza war der Gegenspieler Albrechts des Bären, Gründer der Mark Brandenburg, dessen christliche Eroberergeschichte in der gängigen Version als nahezu glatter Durchmarsch erzählt wird. Doch besteht diese von den Siegern geschriebene Geschichte wie üblich aus vielen Mythen. So fantasiert die Schildhornsage, Jacza, der Heide, sei auf der Flucht vor Albrecht beim Durchschwimmen der Havel bei Spandau vor dem Ertrinken errettet worden, weil er sich im Wasser zum Christen wandelte.

Heute steht an der Stelle des vermeintlichen Ereignisses ein Denkmal, das Friedrich August Stüler nach Bleistiftskizzen Friedrich Wilhelms IV. von Preußen 1845 erstellt hat: eine Sandsteinsäule, die einen Baum mit Aststümpfen andeutet – auf halber Höhe hängt der mythische Schild, der Jacza im Wasser nach oben zog.

Die Landzunge im Landschaftsschutzgebiet Grunewald, auf der das Denkmal steht, heißt Schildhorn. Ein zauberhafter Ausflugsort, eine unterhaltsame Sage – historisch aber Quark.

Jacza von Köpenick, Kreuzfahrer und Pilger

Der wahre Jacza ist ja so viel bedeutsamer. Schließlich steht seine Geschichte für das Schicksal unserer Region zwischen West und Ost in der Mitte des 12. Jahrhunderts. Zwar gab es Berlin noch nicht, wohl aber verlief dort, wo die Stadt an einem Spreeübergang bald erblühen sollte, eine Grenze: die zwischen dem deutschen Einflussgebiet und Jaczas Köpenicker Herrschaft.

Als dessen direktes Gegenüber saß auf der Brandenburg der zum Christentum konvertierte Slawenfürst Pribislaw, der den Namen Heinrich angenommen und pragmatisch Frieden mit dem mächtigen Christenreich gesucht hatte. Kinderlos geblieben, hatte Pribislaw den Askanier Albrecht als Erbe seines Territoriums eingesetzt und damit seinen Neffen Jacza enterbt. Der saß in seinem unabhängigen Fürstentum und wird nur schwer verstanden haben, warum sich sein Onkel in die Abhängigkeit und das Erbe der Familie in fremde Hände begeben hatte.

Wer also war Jacza, der erste namentlich bekannte Köpenicker?

Wie Pribislaw gehörte er zu den Wilzen, einem westslawischen Stammesverband. Geboren wurde er vermutlich kurz vor 1130. Infolge seiner Heirat mit Agatha, verwandt mit der polnischen Herrscherdynastie der Piasten, 1145 und durch seine familiären Bindungen zu den Kiewer Großfürsten gewann er an Status. Köpenick wurde westlicher Posten eines enormen slawischen Hinterlandes. Wie seine angeheiratete Familie praktizierte Jacza – anders als die Sage erzählt – schon längst vor seiner Auseinandersetzung mit Albrecht das Christentum. Die Inschrift auf seinem Grab berichtet von zwei Jerusalemfahrten als Kreuzfahrer und Pilger.

Auf einer Lichtung im Grunewald steht das Schildhorn-Denkmal. Es wurde 1845 aufgestellt, hundert Jahre später, im Zweiten Weltkrieg, zerstört und 1954 wiederaufgebaut. Gregor Hohenberg

Der Versuch Jaczas, Brandenburg für die slawisch-polnische Seite zu sichern, schlug fehl. Mit Pribislaw/Heinrichs Tod 1150 übernahm Albrecht der Bär die Herrschaft. Jacza beobachtete zunächst die langwierigen Verhandlungen um die großräumige Machtverteilung im Reich und glaubte, abwarten zu können. Als er 1157 dann doch mit seinen Rittern die Brandenburg einnahm – die Tore wurden ihm von Anhängern im Innern aufgetan – war es zu spät. Mit einem entschlossenen Angriff holte sich Albrecht Burg und Land umgehend zurück.

Damit war die Entscheidung über den künftigen Charakter der Region gefallen: Sie wurde deutsch statt polnisch. Doch für die erste Zeit nach dem Entscheidungsjahr 1157 galt noch eine Übereinkunft: Jacza blieb bis zu seinem Tod 1176 unbehelligt in Köpenick sitzen. Weil er Münzen mit seinem Antlitz prägen ließ, in der rechten Hand ein Schwert und in der linken einen Palmzweig haltend, wissen wir heute sicher: Das war nicht irgendwer, sondern ein Fürst und ein Christ.

Nach einem Krieg um die Vorherrschaft auf dem Teltow und dem Barnim (1239 bis 1245) nahmen die gemeinsam regierenden askanischen Markgrafen Johann I. und Otto III., auch als Gründer von Berlin/Cölln bekannt, die Region für ihr Haus in Besitz. Die bis heute geltenden Verhältnisse waren geschaffen. Doch schon in den Jahrzehnten zuvor hatte die Region einen Umbruch erlebt: Einwanderer aus dem Westen des Reiches besiedelten das Land. Berlin und Cölln stiegen als Handelsstädte auf.

Jaczas Geschichte erinnert auch daran: Berlin liegt deutlich näher an Warschau (518 Kilometer) als an Paris (879).


Info:

  • Adresse: Schildhorn-Denkmal, Straße am Schildhorn 7, 14193 Berlin
  • Anfahrt: Bus 218 bis Schildhorn
  • Buchtipp: Michael Lindner: Jacza von Köpenick. Ein Slawenfürst des 12. Jahrhunderts zwischen dem Reich und Polen, viademica.verlag, Berlin 2012