Ein Star aus Berlin: Brigitte Helm in G. W. Pabsts „Die Herrin von Atlantis“, 1932. Foto:  imago images / Prod. DB

Brigitte Helm (1906 - 1996)

Spielte die Roboterfrau im Filmklassiker „Metropolis“

Nobler als die Dietrich: Brigitte Helm war ein gefeierter Star, doch sie traute dem Ruhm nicht. Foto: dpa picture alliance/akg images

Als sie zum Symbol wurde, war Brigitte Helm 21 Jahre alt, vielleicht auch erst 19, denn über ihr Geburtsjahr sind sich die Biografen nicht einig. Ihre Doppelrolle als Maria und Maschinenmensch in Fritz Langs monumentalem Stummfilm „Metropolis“ von 1927 – es war ihre erste Rolle überhaupt – machte sie zu einem Symbol für die Unabhängigkeit der Frau vom Mann und für die Zukunft der Zivilisation.

Zehn Jahre war die Berlinerin bei der Ufa unter Vertrag. In elf Stumm- und 19 Tonfilmen spielte sie fast ausschließlich Hauptrollen. Ihr Schauspiel polarisierte: Lobeshymnen und Verrisse folgten auf jeden ihrer Filme. Befanden die deutschen Kritiker ihre Leistung für gut, musste sie sich den Ruhm unweigerlich mit einem Mann, meist dem Regisseur, teilen. Beurteilten sie ihre Darbietung schlecht, führten sie das auf ihre mangelnde schauspielerische Ausbildung zurück.

Doch das Publikum und die internationale Filmkritik sahen das anders: In Frankreich wurde sie bewundert, aus Hollywood lagen ihr Angebote vor. Auch wenn sie in vielen Filmen auf die Rolle der Femme fatale reduziert wurde, gegen ihren Willen, und von den Titelseiten der Mode-Illustrierten Glamour ausstrahlte, so war Brigitte Schittenhelm, wie sie eigentlich hieß, im Privaten eine zurückhaltende Erscheinung mit mädchenhaftem Charme. Zwischen ihren Einsätzen am Filmset ging sie Handarbeiten nach. Auf dem Höhepunkt ihres Ruhms soll sie einer Filmkritikerin gesagt haben, ihre Karriere sei ihr egal: Lieber wäre sie Hausfrau, würde Kinder großziehen und einen Mann versorgen.

Verkörperte sie in „Metropolis“ eine Heilige, die eine ganze Stadt in eine bessere Zukunft führte, sah sie für sich selbst in Deutschland keine Perspektive. Das lag am nationalsozialistischen Regime und auch an persönlichen Schwierigkeiten – sie musste nach einem Verkehrsunfall eine Haftstrafe verbüßen. Im April 1935 heiratete sie Hugo Eduard Kunheim, einen jüdischen Industriellen. Das Paar zog erst nach Italien, dann in die Schweiz; es bekam vier Kinder. Als Schauspielerin arbeitete Brigitte Helm nie wieder. Marcus Jürgen


Dorothea Bertram (1926 - 1993)

Leiterin der Sibylle-Moderedaktion

Dorothea Bertram. Foto: Nachlass Roger Melis

Es schien, als wären die Models in der Sibylle zum Leben erwacht. Verschwunden waren die steifen Posen in hochgeschlossenen Kostümen und madamigen Pumps. Plötzlich waren die Frauen rebellische Wesen, ihr Blick selbstbewusst, ihre Bewegungen lässig. Die Hände in den Taschen weiter Trenchcoats, vom Wind zerzaustes Haar – so standen sie an Straßenkreuzungen und vor rauchenden Fabrikschornsteinen. 

Für die subversive Aura dieser neuen Epoche war Dorothea Bertram verantwortlich, die ab 1961 die Moderedaktion der DDR-Frauenzeitschrift leitete. Vielen gilt sie bis heute als die einflussreichste Moderedakteurin des Ostens. Ausgangspunkt für die Karriere der gebürtigen Berlinerin war eine Abschlussarbeit im Fach Modegestaltung an der Kunsthochschule in Weißensee, in der sie die Sibylle mit westlichen Magazinen wie Elle oder Vogue verglich und zu dem Schluss kam, dass die DDR kulturell den Anschluss verloren hatte.

Sibylle-Chefredakteurin Margot Pfannstiel stellte die junge Absolventin ein, um die Zeitschrift auf internationales Niveau zu heben. Von da an verantwortete Dorothea Bertram eine stilistische Öffnung der Sibylle, während sich das Land mit dem Mauerbau schloss. Sie arbeitete mit Fotografen wie Arno Fischer, Günter Rössler und Elisabeth Menke zusammen und realisierte Modestrecken, die bis heute nichts von ihrer Anziehungskraft verloren haben – durch eine Fotografie, die das Profane als künstlerisches Sujet entdeckte, und als Dokumente einer imaginären Welt, die für die meisten Frauen in der realen DDR ein Traum blieb.

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Dorothea Bertram verließ die Redaktion 1970 nach dem Weggang ihrer Mentorin Margot Pfannstiel und einer sich anbahnenden Einengung der künstlerischen Freiheit. Im selben Jahr heiratete sie den Fotografen Roger Melis, dessen Nachnamen sie annahm. Später leitete sie die Pressearbeit beim VEB Exquisit, der Luxusmodekette der DDR, danach arbeitete sie als Dozentin, Publizistin und Kuratorin. Ihre bedeutendste Schaffensphase sollte die Zeit bei der Sibylle bleiben. Mit der Vision einer selbstbestimmten Frau, wie sie sich in den Fotostrecken zeigte, hat sie bewiesen: Zeitgeist lässt sich nicht aufhalten, auch nicht durch politische Ressentiments. Sabine Röthig


Charlotte von Mahlsdorf (1828 - 2002)

Gründerin des Gründerzeitmuseums

Charlotte von Mahlsdorf vor ihrem Haus in Berlin-Mahlsdorf. Foto: imago images/Raimund Müller

Nein, ein Coming-out habe sie nie nötig gehabt, schreibt Charlotte von Mahlsdorf in ihrer Autobiografie, die 1995 erschien. Denn: „Alles war selbstverständlich.“ Natürlich sei es immer gefährlich gewesen, „als Transvestit durch die Gegend zu laufen“. Aber „mit Beharrlichkeit und Zivilcourage lässt sich manches erreichen“. Als Lothar Berfelde wird sie geboren, am 18. März 1928, in Mahlsdorf, das im Osten Berlins liegt.

Früh fühlt sich der Junge als Mädchen. Verständnis findet er bei einem Onkel. Und eine Liebe fürs Leben: die Wohnkultur der Gründerzeit. Das Verhältnis zum Vater ist ein lebensgefährliches, der Mann ist gewalttätig. Im Frühjahr 1944 droht er seinem Sohn, er werde ihn „totschlagen wie einen räudigen Hund“, danach die Mutter und die beiden Geschwister „über den Haufen schießen“.

Der Junge schleicht sich in der Nacht ans Bett des Vaters – und erschlägt ihn. Als „Vorbeugenotwehr“ rechtfertigt Charlotte von Mahlsdorf die Tat. Zu vier Jahren Jugendgefängnis wird Lothar verurteilt, kurz vor Kriegsende wird er entlassen. Aus Lothar wird Charlotte von Mahlsdorf. Als Trödlerin verdingt sie sich. Aus ihrer Leidenschaft für Altes erwächst das Gründerzeitmuseum.

Am 1. August 1960 eröffnet sie es im Gutshaus Mahlsdorf. Im Keller platziert sie „das Prunkstück meiner Sammlung“: die Einrichtung einer legendären Kneipe aus dem Scheunenviertel, der Mulackritze. Mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1992 wird Charlotte von Mahlsdorf über Berlin hinaus bekannt. Aber seit dem Überfall von Neonazis auf ein Fest im Gutshaus ein Jahr zuvor erwägt sie, ihre Heimat zu verlassen. 1995 schließt sie ihr Gründerzeitmuseum, zwei Jahre später zieht sie nach Schweden.

Das Land Berlin kauft das Museum, ein Förderverein eröffnet es wieder. Heute präsentiert es nach eigenen Angaben die umfangreichste Sammlung von Gegenständen aus der Zeit von 1870 bis 1900 (kleines Foto). Ihr Leben lang warb Charlotte von Mahlsdorf für Güte und Gerechtigkeit, für Toleranz und Akzeptanz von Minderheiten. „Ohne mein Zutun bin ich zu einer Art Idolfigur der Schwulen und Lesben geworden“, schreibt sie in ihrer Autobiografie. „Es tut gut zu wissen, dass man etwas lebt, was anderen Menschen ein wenig Kraft gibt.“ Michael Brettin


Louise Schröder (1887 - 1957)

Politikerin, Oberbürgermeisterin von Berlin

Louise Schroeder. Foto: imago images/imagebroker

iele verantwortliche Positionen, die üblicherweise Männern vorbehalten waren, hat sie im Laufe ihres Lebens wahrgenommen. Als Reichstagsabgeordnete der SPD setzte sie sich erfolgreich für sozialpolitische Gesetzesreformen ein, so für das erste deutsche Mutterschutzgesetz, das als „Lex Schroeder“ bekannt wurde. Bis heute ist sie die einzige Frau, die an der Spitze einer Berliner Stadtregierung stand. Louise Schroeder.

Von Mai 1947 bis Dezember 1948 leitete Louise Schroeder die Geschicke der Stadt, kommissarisch. Die Wahl war auf die 60-Jährige gefallen, weil die SPD ihrem Oberbürgermeister Otto Ostrowski wegen einer nicht abgesprochenen Zusammenarbeit mit der SED das Misstrauen ausgesprochen hatte und dessen Parteikollege Ernst Reuter wegen des sowjetischen Einspruchs die Nachfolge nicht antreten durfte. Aufgedrängt hatte sie sich nicht. Es sei, gestand sie, „eine schwere Last, von der ich gar nicht weiß, ob ich sie tragen soll“.

Louise Schroeder wird 1887 als achtes Kind einer armen Familie in Hamburg-Altona geboren. Der Vater, der seine Tochter für die Sozialdemokratie begeistert, ist Bauarbeiter, der Mutter Gemüseverkäuferin. Louise besucht die Mädchen-Mittelschule, arbeitet als Stenotypistin bei einer Versicherungsgesellschaft und bildet sich in Abendkursen weiter. Als junge Frau engagiert sie sich als Sozialpolitikerin, setzt sich für Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Ab 1919 sitzt sie als Abgeordnete in der Weimarer Nationalversammlung, im selben Jahr gründet sie die Arbeiterwohlfahrt (AWO) mit. Unter den Nazis verliert sie ihr Amt als Politikern und das als Dozentin für Sozialpolitik. Als Leiterin einer kleinen Bäckerei hält sie sich über Wasser.

Die Währungsreform und die BerlinBlockade fallen in ihre Amtszeit als Oberbürgermeisterin. Unermüdlich stellt sie sich den Herausforderungen. Lucius D. Clay, 1947 bis 1949 Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone, schätzt ihre ruhige, mütterliche Art. In ihr sehen viele die Mutter Berlins. Am 2. April 1957, ihrem 70. Geburtstag, wird Louise Schroeder Ehrenbürgerin von Berlin – als erste Frau.  Anne-Kattrin Palmer


May Ayim (1960 - 1996)

Dichterin, Pädagogin, Aktivistin

May Ayim. Foto:  Orlando Verlag Berlin

Sylvia Opitz ist ein Mädchen aus Münster mit einer schwierigen Geschichte. Es sind die 1960er-Jahre, es ist eine verstockte Gesellschaft, die sie mit verschränkten Armen empfängt. Der Vater weg, die Mutter auch. Die Pflegemutter will mit strenger Erziehung ein Musterkind aus Sylvia machen. Anders, so scheint sie zu denken, kann das kleine Mädchen es nicht schaffen.

Und vielleicht hat sie sogar recht. Denn Sylvias leiblicher Vater stammt aus Ghana, sie hat dunkle Haut. Und das wird sie während ihres kurzen Lebens auch immer wieder zu hören bekommen. Ausgrenzung kann Menschen zerstören, und wenn das nicht geschieht, grenzt es an ein Wunder. Sylvia Opitz – die als junge Erwachsene den Namen May Ayim annimmt – ist ein solches Wunder.

Sie benutzt ihre Sprache, um die Stigmatisierung zu überwinden. „Afro-deutsch“ heißt einer ihrer bekanntesten Texte. Sie nimmt darin die hilflos-gutmütigen, aber eben doch rassistischen Reaktionen ihrer Mitmenschen aufs Korn. „Sie haben ja echt Glück, dass Sie hier aufgewachsen sind.“ Oder: „Wenn Se fleißig sind mit Studieren, können Se ja Ihren Leuten in Afrika helfen.“ Ayim studiert in Regensburg Pädagogik und Psychologie. „In Deutschland gibt es keinen Rassismus“, erfährt sie von ihrem Professor, als sie ihre Diplomarbeit über die Geschichte der Afro-Deutschen schreiben will. Sie weiß es besser, sie schreibt ihre Arbeit in West-Berlin – und schafft ein Standardwerk, das später als Teil des Bandes „Farbe bekennen“ veröffentlicht wird.

Für May Ayim folgen flirrende Jahre. Sie veröffentlicht ihre Gedichte, findet ein Publikum. Sie baut die afro-deutsche Bewegung auf. Sie lehrt an der Alice-Salomon-Hochschule in Hellersdorf. Sie ist ein Musterkind geworden – aber ganz anders, als ihre Pflegemutter es sich vorgestellt hatte. Rebellisch und emanzipiert, kritisch und wach. Doch erst im letzten Moment ahnt sie wohl, wie kurz ihre Zeit ist. Mit Anfang 30 bekommt May Ayim depressive Schübe. Mit Mitte 30 wird bei ihr Multiple Sklerose diagnostiziert. Im Sommer 1996 nimmt sich May Ayim das Leben, 36 Jahre alt. „was soll der letzte gedanke sein“, fragt sie in ihrem letzten Gedicht. „danke?“ Und sie gibt die Antwort: „danke.“ Frederik Bombosch“