April 1945: Der totale Krieg hat Berlin erreicht. Hitler steht in den Trümmern der Reichskanzlei, sein Chefadjutant Julius Schaub redet auf ihn ein. Es ist eines der letzten Fotos vom „Führer“. Foto: imago stock & people

Hier also liegt dieses bleierne Kapitel deutscher Geschichte begraben: unter einem Parkplatz. Auf dem teilgepflasterten Grundstück, einst ein Garten, verlieren sich Bäume und Autos. Durch die vorfrühlingshafte Luft schwingt Vogelgezwitscher, aus einem offenen Fenster eines Wohnhauses dröhnt ein Handwerksgerät.

Eine Schautafel steht vor dem Parkplatz, genau dort, wo die Straße In den Ministergärten auf die Gertrud-Kolmar-Straße trifft. Auf Initiative des Vereins „Berliner Unterwelten“ steht die Tafel da, um „geschichtsinteressierten Besuchern aus aller Welt die Möglichkeit geben, diesen bedeutenden, wenngleich auch mit einer negativen Historie belasteten Ort auffinden zu können“. Zudem gehe es darum, „einer Mythenbildung und einer nostalgischen Verklärung“ entgegenzuwirken.

Zweisprachig, deutsch und englisch, ist die Tafel betextet. Eine Chronik ist zu lesen, eine Grafik und ein Lageplan sind zu sehen. Demnach müsste unter den beiden Kleintransportern, die an diesem Mittwochvormittag im März rechtsseitig parken, der Wohn- und Arbeitsraum gelegen haben, in dem sich der Mann, der Millionen Menschen in den Tod trieb, aus dem Leben stahl.

Hier fand Hitler sein Ende.

Quelle: YouTube / Panorama-b Sightseeing Berlin

Hier also, gut acht Meter unter der Erde, umgeben von dickem Beton, verlebte Adolf Hitler mit seinen Getreuesten die letzten Wochen des von ihm entfesselten Weltkriegs; hier inszenierte er den Untergang, seinen und den so vieler Menschen.

Die Schautafel trägt den Titel „Mythos und Geschichtszeugnis ,Führerbunker‘“. Von dem Bau, der aus einem Vor- und einem Hauptbunker bestand, sind nach mehreren Sprengungen in den Jahren 1947, 1959 und 1988 nur die Bodenplatte und die Außenwände des Hauptbunkers geblieben. Der Hohlraum wurde mit Sand, Kies und Schutt verfüllt.

Berlin, Anfang 1945. Die Westalliierten und die Sowjetunion bereiten sich auf den Endkampf gegen Deutschland vor. An der deutschen Westfront stehen drei anglo-amerikanische Heeresgruppen unter dem Kommando von General Dwight D. Eisenhower, an der Ostfront drei sowjetische Fronten unter dem Kommando der Marschälle Georgij K. Schukow, Iwan S. Konew und Konstantin K. Rokossowskij.

Wir könnten untergehen. Aber wir werden eine Welt mitnehmen.

Adolf Hitler

Dass der Krieg verloren ist, weiß Hitler. Schon im November 1941 – die deutsche Offensive auf Moskau war steckengeblieben – ahnte er es. Doch bei seinem Machtantritt und später immer wieder erklärte er, niemals zu kapitulieren. Anfang 1945 versicherte er seinem Luftwaffenadjutanten Nicolaus von Below: „Wir können untergehen. Aber wir werden eine Welt mitnehmen.“

Was trieb ihn?

Weltferner Vernichtungswille und opernhaftes Pathos, schreibt Hitler-Biograf Joachim Fest. „Alles ist noch einmal verdichtet und gesteigert zusammen: sein Hass auf die Welt, die Erstarrung in früh gewonnen Denkmustern, die Neigung zum Unausdenkbaren, die ihm so lange von Erfolg zu Erfolg verholfen hatte, ehe jetzt alles endete.“

Das Ende kommt schneller als erwartet, es kommt besonders schnell von Osten her. Die Rote Armee eröffnet am 12. Januar 1945 mit der Weichsel-Oder-Operation ihre Winteroffensive. Dem Großangriff hat die Wehrmacht nichts entgegenzusetzen.

Die Rote Armee überquert die Oder

Millionen Deutsche aus den Ostgebieten sind derweil auf der Flucht Richtung Westen. Der Tod ist ihr Begleiter. Bei der Torpedierung des Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“ durch ein sowjetisches U-Boot vor der pommerschen Küste am 30. Januar kommen Tausende Menschen um. Die Angaben über die Zahl der Opfer schwanken zwischen 4000 und mehr als 9000.

Am selben Tag wird in zwei Kinos in Berlin und in der umkämpften Atlantikfestung La Rochelle in Frankreich der Film „Kolberg“ uraufgeführt, der die Verteidigung der „Feste Kolberg“ gegen napoleonische Truppen 1807 heroisiert – ein Propagandafilm, der zum Widerstand gegen einen übermächtigen Feind aufruft.

Hitler hält an jenem Tag eine Rundfunkansprache, es wird seine letzte: „Ich erwarte von jedem Deutschen, dass er seine Pflicht bis zum Äußersten erfüllt, dass er jedes Opfer, das von ihm gefordert wird und gefordert werden muss, auf sich nimmt.“

In den Morgenstunden des letzten Januartages überqueren sowjetische Soldaten die noch zugefrorene Oder bei Kienitz. Sie errichten einen Brückenkopf. Bis Berlin sind es 70 Kilometer (Luftlinie).

Die Luftangriffe auf die deutsche Hauptstadt und ihre Region nehmen Anfang 1945 zu. Dieser amerikanische Bomber wird am 10. April über Oranienburg abgeschossen.  Foto: imago / Leemage

Hans-Joachim Loll, damals sieben Jahre alt, erinnert sich, dass der Geschützlärm bis Berlin drang: „Das war ein ständiges Grollen.“ Er wohnte in einer Großsiedlung in Reinickendorf, in der Weißen Stadt, an der Genfer Straße, mit seinem Vater, einem Tischler, dem der Erste Weltkrieg ein Bein genommen hatte, und mit seiner Mutter, einer Hauswartsfrau.

Zu den frühesten Erinnerungen des 82-Jährigen gehört der ab 1943 immer öfter im Radioapparat, dem Volksempfänger, zu hörende Satz: Schwere feindliche Bomberverbände befinden sich im Raum Hannover-Braunschweig. „Dann wussten wir“, sagt er, „ihr Ziel ist Berlin.“ Und dann gingen alle Hausbewohner, sechs Familien, in den Keller.

„Wir haben ziemlich eng beieinander gesessen. Es war dunkel, es war stickig, es war nicht schön“, erzählt Loll. „Die Fenster waren zugemauert, die Luftlöcher mit Zeitungspapier zugestopft, das Papier flog bei Detonationen oft raus.“

Den Berlinern stehen Anfang Februar 1945 die schwersten Luftangriffe noch bevor.

Hitler glaubt an ein Ablenkungsmanöver

Die Reichshauptstadt erklärt sich am 1. Februar zur Festung. Joseph Goebbels, der als Gauleiter auch das Amt eines Reichsverteidigungskommissars innehat, übernimmt die Verantwortung für die Verteidigung. Der Befehl, die Stadt zu befestigen, wird erst gut einen Monat später gegeben.

Um Berlin verteidigen zu können, fordert Kampfkommandant Generalleutnant Hellmuth Reymann 200.000 kampferprobte Soldaten, mindestens. Noch nicht mal über die Hälfte verfügt er, über Soldaten hauptsächlich zusammengewürfelter Einheiten und Angehörige des schlecht ausgerüsteten „Volkssturms“, zu denen „waffenfähige Männer“ bis 60 Jahren und Hitlerjungen ab 16 Jahren gehören. Die SS- und Polizeieinheiten unterstehen nicht seinem Kommando.

Alle Forderungen nach Verstärkung weist Hitler zurück: Sollte es zu einer Schlacht um Berlin kommen, stünden hinreichend Soldaten zur Verfügung. Der „Führer“ hält den Aufmarsch sowjetischer Truppen an der Oder für ein Ablenkungsmanöver: Nicht Berlin sei Ziel der Roten Armee, sondern Prag. So lässt er aus der Heeresgruppe Weichsel unter dem Kommando von Generaloberst Gotthard Heinrici vier Panzereinheiten abziehen, die zur Verteidigung der Reichshauptstadt vorgesehen waren.

3. Februar 1945: 939 amerikanische B-17 kommen über Berlin, sie lassen bis zu 2000 Tonnen Spreng- und 250 Tonnen Brandbomben auf die Stadt regnen. Foto: imago / Leemage

Eva-Maria Großmann ist sieben Jahre alt, als sich Anfang Februar 1945 im Himmel über Berlin das Tor zur Hölle öffnet. In Kreuzberg lebt sie, an der Feilnerstraße, in einer Dienstwohnung im Fernsprechamt 17, mit ihrem Vater, einem Reichspostbeamten, ihrer Mutter, ihrer siebzehnjährigen Schwester und ihrem sechsjährigen Bruder. Die Familie lebt, wie alle Berliner, in ständiger Angst vor Luftangriffen. Tags kommen amerikanische, nachts britische Bomber.

„Alle in unserer Familie hatten einen Koffer neben dem Bett stehen. Wenn die Sirenen ertönten, musste man den Koffer greifen und in den Keller laufen“, erzählt die 83-Jährige, die seit ihrer Heirat den Nachnamen Korte trägt. Sie macht eine kleine Pause. „Und dann kam der 3. Februar 1945: Es war ein sehr schöner Vorfrühlingstag, da rief uns unsere Mutter plötzlich ins Haus. Fliegeralarm! An jenem Tag wurde die Innenstadt total zerstört.“

Es regnet Spreng- und Brandbomben

Der Luftangriff unter dem Codenamen „Thunderclap“ (Donnerschlag) erfolgt in zwei Angriffswellen mit 939 Bombern; die erste Welle schwappt von 11.02 bis 11.18 Uhr über die Stadt, die zweite von 11.24 bis 11.52 Uhr. Die Flugzeuge des Typs B-17 Flying Fortress (Fliegende Festung) lassen bis zu 2000 Tonnen Spreng- und bis zu 250 Tonnen Brandbomben auf die Stadt regnen.

Insgesamt 2296 Gebäude und 22.519 Wohnungen werden total zerstört, der Potsdamer und der Anhalter Bahnhof größtenteils; das Stadtschloss brennt weitgehend aus, die Staatsoper Unter den Linden ebenfalls; die Alte Reichskanzlei, in der Hitler wohnt, wird beschädigt.

Wie viele Menschen den Bomben zum Opfer fallen, ist nicht eindeutig zu beantworten. Die Wehrmacht spricht von 2894, das US-Militär von bis zu 25.000. Unter den Toten befindet sich auch Roland Freisler, Präsident des Volksgerichtshofs.

Berliner Bürger bahnen sich einen Weg durch die beim Luftangriff am 3. Februar 1945 zerstörte Oranienstraße. Foto: dpa picture alliance / ZB

Drei Tage nach dem Luftangriff darf Eva-Maria wieder auf die Straße. „Immer noch rauchte und qualmte es überall. Aber wie durch ein Wunder war unsere Wohnung stehengeblieben.“ Wenig später erfährt sie, dass viele Kinder aus ihrer Erstkommunionsgruppe tot sind – mit ihr haben fünf überlebt, von vierzig.

Die Alliierten verplanen derweil die Nachkriegszeit. Bei der Konferenz von Jalta (4. bis 11. Februar 1945) beschließen „Die Großen Drei“ – US-Präsident Franklin D. Roosevelt, Großbritanniens Premierminister Winston Churchill und Sowjetdiktator Josef W. Stalin – die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen (auf Drängen Churchills bekommt auch Frankreich eine Zone) sowie die Teilung Europas und der Welt in Machtblöcke.

In den Wochen davor und danach wütet das NS-Regime einmal mehr in all seiner Grausamkeit: Konzentrationslager werden geräumt, Gefangene auf Gewaltmärsche geschickt, Zehntausende kommen um, sie sterben an Erschöpfung, an Hunger, sie werden erschlagen, erschossen. Todesurteile gegen Widerstandskämpfer werden noch vollstreckt, im Januar gegen Julius Leber und Helmuth James Graf von Moltke, im Februar gegen Carl Friedrich Goerdeler, alle in Plötzensee. Und überall kommen Soldaten und Zivilisten zuhauf um.

Hingerichtet auf Befehl des „Führers“

Der „totale Krieg“, auf den Goebbels seine Zuhörer im Berliner Sportpalast im Februar 1943 eingeschworen hatte, wird nun, zwei Jahre später, in Deutschland geführt. Wer sich ihm verweigert, muss um sein Leben fürchten. Der Reichsminister der Justiz verordnet am 15. Februar „auf Befehl des Führers“ die Einrichtung von Standgerichten, „für alle Straftaten zuständig, durch die die deutsche Kampfkraft oder Kampfentschlossenheit gefährdet wird“.

Wo immer auch nur der kleinste Verdacht auf Wehrkraftzersetzung oder gar Desertation aufkommt, machen sich Sondergerichte ans Henkerwerk. Ab Mitte März hängen in Berlin Dutzende von Hingerichteten an Bäumen und Laternenmasten.

„Die Reichshauptstadt wird bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone verteidigt“ – das ist die zentrale Aussage des Papiers „Grundsätzlicher Befehl für die Vorbereitungen zur Verteidigung der Reichshauptstadt“, erlassen von Kampfkommandant Reymann am 9. März, im Einvernehmen mit dem Führerhauptquartier.

Die Bildung eines „Fliegenden Standgerichts“ erfolgt am selben Tag. Und Martin Bormann, der Leiter der Parteizentrale, erteilt den Befehl, versprengte deutsche Soldaten wie Verbrecher zu behandeln.

Eine Straße in Berlin im April 1945: Überlebende ziehen durch eine Ruinenlandschaft.  Foto: dpa picture alliance / Keystone

„Eine verzweifelte Energie“ sei in jenen Tagen am Werk gewesen, schreibt Hitler-Biograf Joachim Fest, „die erkennbar darauf aus war, die Niederlage zur Katastrophe auszuweiten“.

Diese Energie fließt auch in den „Führerbefehl“ („Nero-Befehl“) vom 19. März: „Alle militärischen Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes (...) sind zu zerstören.“ Das geschieht nur deshalb nicht, weil es Albert Speer in seiner Funktion als Reichsminister für Bewaffnung und Munition gelingt, den Befehl abzuschwächen und zu unterlaufen.

Mitte März haust Hitler bereits im „Führerbunker“, den er in Erweiterung des Luftschutzkellers unter der Alten Reichskanzlei bauen ließ, der damit zum Vorbunker wurde; bislang nutzte er der Hauptbunker nur zum Schlafen und während der Luftangriffe. An seiner Seite sind seine Geliebte Eva Braun und ein Stab engster Mitarbeitern. In der zweiten Aprilhälfte zieht auch die Familie Goebbels unter die Erde.

Blick in die Bunkeranlage, die Hitler in den letzten Wochen seines Regimes als Zuflucht diente. Das Bauwerk bestand aus dem Hauptbunker, dem, wenn man so will, eigentlichen „Führerbunker“ unter dem Garten der Reichskanzlei, und dem Vorbunker, dem Luftschutzkeller unter dem Festsaal der Kanzlei. Grafik: BK / Galanty

An der Gertrud-Kolmar-Straße ist vom „Führerbunker“ nichts mehr zu sehen, an der Schöneberger Straße hingegen, gut eineinhalb Kilometer entfernt, sehr viel. Im dortigen Anhalter Hochbunker zeigt das Berlin Story Museum unter anderem die Dauerausstellung „Dokumentation Führerbunker“.

Bunkerraum 208 zieht besonders viel Aufmerksamkeit auf sich, auch unter den Mädchen und Jungen einer Schulklasse, die an diesem Vormittag das Museum besuchen. In seiner Mitte, umgeben von vier Glasscheiben, angestrahlt vom Schummerlicht einer Deckenlampe, steht der Hauptbunker, ein Modell im Maßstab 1:25, das aussieht wie ein dachloses Mausoleum mit vielen kleinen Grabkammern.

Die Enge im Bunker veranschaulicht der – von manchen als Effekthascherei kritisierte – Nachbau des Wohn- und Arbeitszimmers Hitlers. In dem Zimmer mit drei Türen drängen sich ein Schreibtisch, darüber ein Porträt von Friedrich dem Großen, davor ein Stuhl, ferner ein Sofa und zwei Sessel um einen Tisch, in einer Ecke eine Wanduhr, neben dem Sofa eine Sauerstoffflasche.

Ob das Wohn- und Arbeitszimmer tatsächlich so aussah? Keine Frage ist: Dort, auf einem Sofa, starben Hitler und Eva Braun.

Berlin ist jetzt kein militärisches Ziel mehr.

Dwight D. Eisenhower

Es scheint noch Mitte März 1945, als lieferten sich die Alliierten einen Wettlauf um Berlin, den „Hauptpreis“ (Eisenhower). Die Briten sind ganz erpicht darauf. Premier Churchill will „den Russen möglichst weit im Osten die Hand schütteln“, Feldmarschall Bernard Montgomery will schlicht seinen Ruhm mehren.

Ende März richtet Eisenhower die westalliierte Strategie neu aus, mit Rückendeckung aus Washington: „Berlin ist jetzt kein militärisches Ziel mehr.“ Einen Vorstoß auf die deutsche Hauptstadt hält er für ein zu hohes und auch unnötiges Risiko mit möglichen Verlusten von 100.000 Mann. Die Angriffsachsen Richtung Nord- und Süddeutschland wären geschwächt; Hitler wäre in der Lage, den Krieg länger fortzuführen.

Meldungen über einen Rückzug des NS-Regimes und der Wehrmacht in eine „Alpenfestung“ bestärken Eisenhower in seinem Entschluss; er lässt die 3. und die 7. US-Armee nach Süden schwenken. Die „Alpenfestung“ wird sich als Hirngespinst erweisen.

Berliner Volkssturm-Männer errichten Panzersperren. Foto: dpa picture alliance / ZB

Kein Hirngespinst ist das Misstrauen zwischen den Alliierten hinsichtlich der Nachkriegsordnung in Europa, insbesondere zwischen Großbritannien und der Sowjetunion. Stalin fürchtet um die Früchte des nahen, unter schwersten Verlusten erkämpften Sieges. 

Der Widerstand der Wehrmacht gegen die Westalliierten nimmt ab, der gegen die Rote Armee zu; es gibt Meldungen, dass sich die Deutschen im Westen um Friedensgespräche bemühen.

Jetzt geht es Stalin darum, schnellstmöglich Tatsachen zu schaffen. Er telegrafiert seinen Verbündeten, „Berlin hat seine strategische Bedeutung verloren“, das sowjetische Oberkommando plane, „zweitrangige Kräfte nach Berlin zu entsenden“, die Offensive erfolge „ungefähr in der zweiten Maihälfte“. Aber er befiehlt am 1. April seinen Marschällen Schukow und Konew, innerhalb von 48 Stunden Pläne zur Eroberung Berlins auszuarbeiten.

Berlin ist im Ausnahmezustand. Und die Stadt hungert. „Normalversorgungsberechtigte“ müssen mit 1700 Gramm Brot, 250 Gramm Fleisch und 125 Gramm Fett eine Woche lang auskommen. Ein Erlass vom 5. April empfiehlt zur Vitaminversorgung das Aufbrühen von Fichtennadel-Jungtrieben und zur Verbesserung der Eiweißgrundlage Frösche.

Goebbels lässt enthaupten, Hitler verfällt

Das Tagebuch von Goebbels wird indessen immer dicker. Am 8. April berichtet er, zweihundert Männer und Frauen hätten in Rahnsdorf zwei Bäckerläden gestürmt und sich Brote genommen. Es sei „ganz unmöglich, solche Vorgänge stillschweigend hinzunehmen“; die Rädelsführer, ein Mann und eine Frau, „lasse ich noch in der Nacht enthaupten“.

Es gibt niemanden im „Führerbunker“, der Anfang April noch an eine Kriegswende glaubt. An der Westfront, im Ruhrgebiet, ist die Heeresgruppe B eingeschlossen, an der Ostfront, an der Oder, bereitet sich die Rote Armee auf die Offensive gegen Berlin vor.

Hitler verfällt zusehends, körperlich, geistig. Bei einem Besuch an der Oderfront äußert sich ein Offizier hinter vorgehaltener Hand, der „Führer“ sehe aus wie jemand, der dem Grabe entstiegen sei.

Angehörige des Volkssturms üben sich in der Handhabung von Gewehr und Panzerfaust. Foto: dpa picture-alliance / akg-images

Plötzlich aber kehrt der Glaube an eine Wende zurück. Am 13. April, einem Freitag, wird bekannt, dass US-Präsident Roosevelt tags zuvor gestorben sei. Sollte es doch noch möglich sein, dass die Koalition der Gegner zerbricht, wie es im Siebenjährigen Krieg Friedrich dem Großen nach dem Tod von Zarin Elisabeth vergönnt war?

Einige Stunden lang sind die Bewohner des „Führerbunkers“ euphorisch. „Erschöpft, wie befreit und zugleich benommen“ wirkt Hitler, wie Speer sich erinnert. Und schließlich doch wieder „hoffnungslos“.

Ebenfalls am 13. April erobern sowjetische Truppen Wien. Und in der Nacht zum 14. verheert ein Luftangriff Potsdam.

Am 14. April erlässt Hitler einen auf den 16. April datierten Tagesbefehl an die Soldaten der Ostfront: Der „jüdisch-bolschewistische Todfeind“ versuche, „Deutschland zu zertrümmern und unser Volk auszurotten. (...) er muß und wird vor der Hauptstadt des Deutschen Reiches verbluten. (...) Berlin bleibt deutsch, Wien wird wieder deutsch und Europa niemals russisch.“

„... dann lebt kein Deutscher mehr“

Die Berliner müssen das Schlimmste befürchten. Dieter Borkowski, ein damals 16-jähriger Flakhelfer, berichtet von einer Fahrt in einer völlig überfüllten S-Bahn am 15. April. „Zorn und Verzweiflung erfüllte die Menschen.“ Nie zuvor habe er solch ein Schimpfen gehört.

„Ruhe!“, brüllt plötzlich jemand. Die Stimme gehört einem „kleinen verdreckten Soldaten, an der Uniform beide Eisernen Kreuze und das Deutsche Kreuz in Gold“. Und der Soldat sagt: „Hört endlich auf zu jammern! Wir müssen diesen Krieg gewinnen, wir dürfen nicht schlappmachen. Denn wenn die anderen siegen und die Russen, Polen, Franzosen und Tschechen nur zu einem kleinen Prozent das mit unserem Volk machen, war wir sechs Jahre lang mit ihnen gemacht haben, dann lebt in wenigen Wochen kein einziger Deutscher mehr.“

Einen Tag später beginnt der sowjetische Angriff auf die Seelower Höhen, die letzte deutsche Verteidigungslinie vor Berlin.