Bei den ersten Proben gingen die Tänzerinnen und Tänzer noch mit Mundschutz auf die Bühne. Foto: dpa/Jens Kalaene

Es ist ein Lichtblick in trüben Zeiten: Nach einer langen, unfreiwilligen Spielpause darf das Ensemble des Friedrichstadt-Palast wieder tanzen. Mehr als die Hälfte des sonst über 100-köpfigen Teams steht am kommenden Donnerstag im Finale der Model-Show „Germany’s next Topmodel“ auf der Bühne.

 „Alle sind im Moment so aufgekratzt, als würde eine Premiere bevorstehen“, sagt Berndt Schmidt, Intendant des Palastes, dem KURIER. „Wenn wir Rennpferde wären, würde ich sagen: Wir scharren mit den Hufen. Das Engagement ist für alle eine Befreiung. Wir leben dafür, Menschen zu unterhalten und unsere Kunst zu zeigen. Das Coronavirus hat alles zum Stillstand gebracht. Aber jetzt können wir wenigstens für einen Abend aufblühen.“ Auch wenn die Show in den Fernsehstudios Adlershof ohne Publikum stattfindet – und coronabedingt ohne Moderatorin Heidi Klum.

Das angesparte Geld, das eigentlich das Budget für unsere neue Showproduktion war, rettet uns jetzt über die schwierige Zeit. Außerdem bekommen wir als Bühne des Landes Berlin eine Zuwendung von rund 14 Millionen Euro jährlich, verteilt über das Jahr. Die Summe haben wir für dieses Jahr bereits komplett abgerufen.“

Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadt-Palast

Seit Beginn der Corona-Krise sind Bühne und Saal im Friedrichstadt-Palst nahezu verlassen, im Zuschauerraum brennt nur eine Lampe, das „Geisterlicht“. Eine alte Theatertradition: Das Leuchten soll die bösen Geister vertreiben, damit die guten irgendwann wieder auf der Bühne stehen können. Und das ist nötig, denn die Verluste für das Haus sind enorm: Pro spielfreiem Monat gehen dem Palast, der laut Schmidt 80 Prozent seines Etats selbst erwirtschaftet, rund zwei Millionen Euro verloren. „Das angesparte Geld, das eigentlich das Budget für unsere neue Showproduktion war, rettet uns jetzt über die schwierige Zeit“, sagt Schmidt. „Außerdem bekommen wir als Bühne des Landes Berlin eine Zuwendung von rund 14 Millionen Euro jährlich, verteilt über das Jahr. Die Summe haben wir für dieses Jahr bereits komplett abgerufen.“ Geht der Spielbetrieb – wie aktuell geplant – im September weiter, liege der Verlust bei rund zehn Millionen Euro. Jahre wird es dauern, bis das Geld wieder eingespielt ist. „Deshalb wird mit der Politik auch schon darüber gesprochen, dass Kredite aktuell nicht helfen, weil sie im Nachhinein niemand abbezahlen kann. Auch wir brauchen weitere Zuschüsse, um überleben zu können.“

Inzwischen – und auch das ist eine gute Nachricht – kehrt in den Räumen des Revue-Hauses wieder Leben ein: Die Tänzer kommen zurück und proben, wenn auch unter hohen Sicherheitsvorkehrungen. „Wir haben unsere 60-köpfige Ballett-Company in Gruppen à neun Personen eingeteilt, die zeitversetzt trainieren. Dazwischen liegen Zeitfenster, damit sich die einzelnen Teams nicht begegnen“, erklärt Schmidt. „Beim Betreten und Verlassen des Hauses tragen alle Masken und im Ballettsaal hat jeder einen abgeklebten Bereich, in dem er sich bewegen darf.“ Es gehe um Fitness und um die Fähigkeiten der Tänzer, nicht um große Choreographien. Die weltberühmte Girl-Reihe etwa ist derzeit nicht möglich – sie wäre bei 32 Tänzerinnen mit Sicherheitsabstand 70 Meter lang.

Im Zuschauerraum hängt derzeit das "Geisterlicht", eine einzelne Lampe, die die bösen Geister vertreiben soll.

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Auch für die Zeit nach Corona gibt es inzwischen Pläne – der Palast habe ein Papier an den Senat geschickt. Hier werden Ideen aufgelistet, wie Vorstellungen auch zu Zeiten des Social Distancing möglich werden können. „Wir denken darüber nach, eine strikte Trennung zwischen Publikum und Bühne einzuführen. Die erste Reihe bliebe dabei unbesetzt, Szenen im Saal und Zuschauer auf der Bühne würde es nicht mehr geben. Die Show könnte insgesamt verkürzt werden, um auf die Pause verzichten zu können, außerdem könnte die Gastronomie geschlossen bleiben. Man merkt aber an diesen Beispielen schon, dass das nicht unbedingt Dinge sind, die einen Theaterbesuch noch sexy machen. Daher hoffen wir, dass diese Beschränkungen 2021 nicht mehr gelten.“

Auf die Berliner Kulturlandschaft sieht Schmidt auch nach der Krise große Herausforderungen zukommen. Kein Schalter werde sich umlegen, wenn die Bühnen der Stadt wieder öffnen können. „Die öffentlichen Kassen werden leer sein, der Tourismus wird stottern, die Arbeitslosigkeit wird steigen.“ Vielleicht zieht der Palast selbst die Reißleine: 2022 steht eine große Sanierung der alten DDR-Lüftungsanlagen an, dann müsste der Spielbetrieb für vier Monate pausieren. „Wir sind im Gespräch mit dem Senat, diese Sanierung eventuell vorzuziehen und erst im Januar 2021 wieder zu öffnen“, sagt er.