Der Schauspieler Frédéric Brossier spielt in Berlin den Rocksänger Rio Reiser. imago/Christoph Hardt

Wer bisher Zweifel hatte, ob Frédéric Brossier die richtige Besetzung für Rio Reiser ist, sollte sich das vielleicht noch mal überlegen. Der Schauspieler macht im KURIER-Interview deutlich, was ihn mit dem 1996 verstorbenen Sänger der Band Ton Steine Scherben verbindet. Und das ist auf jeden Fall schon mal die Musik. Brossier, der neben der deutschen auch die französische Staatsangehörigkeit besitzt, lebt in Potsdam und dürfte vielen aus der ARD-Dramedy-Serie „All You Need“ bekannt sein. Darin spielt er einen eher introvertierten Homosexuellen, der manchmal seine Gefühle nicht so ganz unter Kontrolle hat. Vom 19. Juni bis zum 27. Juli allerdings spielt Frédéric Brossier dann abwechselnd mit Philip Butz die Titelrolle in „Rio Reiser – Mein Name ist Mensch“ in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater.

Berliner KURIER: Die „Scherben“ lassen Sie nicht los. 2017 haben Sie R. P. S. Lanrue gespielt, ab Juni sehen wir Sie als Rio Reiser. Das müssen Sie uns jetzt bitte mal erklären, Herr Brossier ...

Frédéric Brossier: 2017 wurde ich aufgrund meiner Gitarrenfähigkeiten in dem Stück „Rio Reiser“ am Hans Otto Theater in Potsdam als Lanrue besetzt und habe ihn dort zwei Jahre gespielt. Dann ging das Stück nach Berlin. Die Rolle des Rio Reiser wurde frei und neu gecastet, ich blieb aber erst mal als Lanrue besetzt. Zwei Wochen vor der Premiere konnte einer der beiden besetzten Rios aufgrund von Stimmbandproblemen nicht mehr spielen. Daraufhin hat mich der Regisseur Frank Leo Schröder gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, Rio zu spielen.

Rios Texte haben immer eine Hoffnung in sich

Sie waren sofort Feuer und Flamme!

Ich habe erst mal abgelehnt und mir ein Wochenende Zeit genommen, bin mit dem Motorrad rausgefahren und durch Zufall an eine Weggabelung gekommen, wo ein Schild mit dem Spruch stand: „Wenn du ans Ziel getragen wurdest, darfst du nicht behaupten, es erreicht zu haben.“ Da dachte ich mir, ich könnte jetzt weiter den Lanrue spielen oder ich springe ins kalte Wasser und spiele Rio und verdiene mir das. Daraufhin habe ich den Regisseur angerufen und gesagt: Ich bin dabei. Und seitdem habe ich die Freude und die Ehre, Rio Reiser an der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater zu spielen.

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Frédéric Brossier als Rio Reiser am Mikrofon Komödie am Kurfürstendamm/Franziska Strauss

Rio ist eine Legende. Warum hält sein Ruhm bis heute an?

Ich glaube, dass das daran liegen könnte, dass seine Songtexte sehr kraftvoll und sehr entschieden sind, auch in seinen politischen Äußerungen. Rios Texte haben auch immer eine Hoffnung in sich, und dass da ein Künstler ist mit einer Vision, wo es gesellschaftlich hingehen soll, das fasziniert die Leute bis heute.

Rio war nicht nur ein Ausnahmemusiker, er war auch furchtlos politisch. Haben Sie das ebenfalls in den Genen oder stimmen Sie überwiegend musikalisch mit ihm überein?

Ich muss gestehen, ich bin nicht so politisch wie Rio und auch leiser in meinen politischen Äußerungen. Musikalisch ist das auch ein schwieriger Vergleich, ich schreibe ja keine eigenen Texte. Man kann also sagen: Rio war politischer als ich es bin und musikalisch anders orientiert.

Der echte Rio Reiser Komödie am Kurfürstendamm/Gert C. Möbius

Wie würde Rio heute zu uns sprechen – in dieser kriegerischen und zerfallenden Welt?

Das ist schwierig zu sagen, zumal er schon vor einer Weile gestorben ist und die Welt sich seitdem drastisch verändert hat und keiner weiß, wie sich seine politische Gesinnung mitverändert hätte. Ich glaube, was im Herzen geblieben wäre, ist auf jeden Fall der Pazifismus und der Wunsch, dass die Menschen sich verbrüdern.

Haben Sie in dem Zusammenhang einen Lieblingssong von ihm?

Ich habe auf jeden Fall einen Lieblingssong, das ist „Wir müssen hier raus“. Der Song ist ziemlich rund, und allein schon der Text „Wir sind geboren, um frei zu sein“ berührt mich textlich immer sehr.

Schon früh war Rio Reiser von der Politik enttäuscht

Er hat sich ja auch für die Grünen starkgemacht. Was glauben Sie, würde er die heutigen Grünen noch verstehen? 

Ich weiß nicht, wie er sich politisch angepasst hätte. Ich könnte mir aber vorstellen, dass er sich das etwas revolutionärer gewünscht hätte und jetzt eher in Richtung Fridays for Future gehen würde, aber das weiß ich nicht. Er war ja schon damals oft enttäuscht von der Politik, dass sie eben – wie ich ihn einschätzen würde – vieles zu lasch angehen würden.

Auch als bekennender Homosexueller war Rio Reiser ein Vorbild und Vorreiter. Das sind Sie irgendwie auch, oder? Zumindest im deutschen Fernsehen …

„Ohne Badewanne sing ich nicht“, sagte Rio Reiser immer

Ja, das kann man so sehen. Es ist natürlich geschichtlich ganz anders einzuordnen. Rio Reiser war zu einer Zeit Vorreiter für homosexuelles Leben in Deutschland, als es noch deutlich schwieriger war. Das zu äußern, erforderte natürlich auch eine Menge Mut. Heutzutage gibt es ja schon diesen queeren Diskurs, aber wenn man das miteinander vergleichen will, gibt es natürlich mit der Serie „All You Need“ – einer der ersten queeren Serien in Deutschland – eine gewisse Parallelität, aber in ganz anderem Kontext.

Jetzt, wo Sie Insider sind: Können Sie uns noch eine Anekdote zu Rio Reiser erzählen, die vermutlich kaum einer kennt?

Ich greife mal eine auf, die mich auch ein bisschen beeinflusst hat: Rio Reiser hat mit zunehmendem Erfolg immer darauf bestanden, dass es in seinem Hotelzimmer eine Badewanne gibt, denn er meinte: „Ohne Badewanne sing ich nicht.“ Und ich sag mal so: Mein Badesalzverbrauch steigt zu Zeiten, wo ich Rio Reiser spiele.

Tickets für „Rio Reiser – Mein Name ist Mensch“ in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater gibt es ab 24 Euro im Ticketshop des Berliner KURIER oder per Telefon unter der Nummer  030/88 59 11-88.

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