Am Montag begann der Prozess gegen Wolfgang L. (65). Foto: Bishoff

Wolfgang L. streitet an diesem ersten Prozesstag die Mordvorwürfe, die die Staatsanwältin gegen ihn erhebt, mit einem Satz ab. „Ich will nur sagen, dass ich unschuldig bin, dass es Notwehr war“, erklärt er vor der 1. Großen Strafkammer des Potsdamer Landgerichts. Wolfgang L. ist im Januar 65 Jahre alt geworden. Den Saal im Potsdamer Landgericht betrat der Dachdeckermeister an diesem Montagmorgen auf zwei Gehhilfen gestützt. Erst am Vortag war er aus dem Haftkrankenhaus in die Untersuchungshaftanstalt verlegt worden.

Prozess in Potsdam: Die Anklage lautet auf Mord

Wolfgang L. soll im Mai des vergangenen Jahres seine 40 Jahre alte Ehefrau Dorota im Werderaner Ortsteil Glindow (Potsdam-Mittelmark) heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen getötet haben. Laut Anklage war das Paar seit 2005 verheiratet, aus der Ehe gingen zwei gemeinsame Kinder hervor. Ende Dezember 2019 soll Dorota L. ihrem Ehemann eröffnet haben, sich von ihm trennen zu wollen. Im April zog sie mit ihren Kindern aus dem gemeinsamen Reihenhaus in Potsdamer Stadtteil Marquardt aus und wohnte seitdem in einer Ferienwohnung in Werder.

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Am 11. Mai soll Wolfgang L. gegen 18 Uhr in der Ferienwohnung aufgetaucht sein. Er gab vor, etwas mit seiner Ehefrau besprechen zu wollen. In der Wohnung bedrohte der Angeklagte Dorota L. entweder mit einem Küchenmesser, das eine 17 Zentimeter lange Klinge hatte, oder mit einer Schreckschusspistole. Die Geschädigte wusste von der Gewaltbereitschaft ihres Ehemannes. Wolfgang L. soll sie schon früher mit dem Tode bedroht habe. Deswegen sei Dorota L. von einer unmittelbaren Lebensgefahr ausgegangen, sagt die Staatsanwältin.

Dorota L. floh durch die Terrassentür aus der Wohnung. Sie sprang auf der Flucht vor ihrem Mann über eine kleine Hecke. Auf dem dahinter liegenden Rasen rutschte sie aus und fiel in einen Teich. Der 14 Jahre alte Sohn des Paar habe seiner Mutter zu Hilfe eilen wollen, erklärt die Staatsanwältin in ihrer Anklage. Er sei ins Wasser gesprungen und habe versucht, seinen Vater von der Mutter fernzuhalten.

Vergebens. Laut Anklage schoss Wolfgang L. seinem Sohn mit der Schreckschusswaffe ins Gesicht. Wegen der Schmerzen im Gesicht und in der Lunge musste der Junge die Verteidigung seiner Mutter aufgeben und floh ins Haus. Wolfgang H. habe daraufhin in Tötungsabsicht mehrmals mit dem Messer auf seine Frau eingestochen, „weil er sie für sich verloren glaubte und sie auch kein anderer haben sollte“ sagt die Staatsanwältin.

Dorota L. verlor durch die Stichverletzungen viel Blut

Dorota L. verlor durch die Stichverletzungen enorm viel Blut, zudem erlitt sie eine Luftembolie in der rechten Herzkammer. Doch noch immer ließ ihr Ehemann nicht von ihr ab. Er drückte den Kopf der geschwächten und sich kaum noch wehrenden Frau unter Wasser, um sie zu ertränken. Erst nach drei bis fünf Minuten habe er von seiner Frau abgelassen, als er von ihrem Tod überzeugt gewesen sei, heißt es in der Anklage.

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Nach der Tat floh Wolfgang L. vom Tatort. In einem Gewerbegebiet in Plötzin raste er mit seinem Wagen frontal gegen eine Hauswand, um sich das Leben zu nehmen. Er überlebte schwer verletzt. Noch heute ist er auf Gehhilfen angewiesen.

Wolfgang L. ist ein redseliger Mann. Als er dem Gericht an diesem ersten Tag von seinem Lebensweg berichten soll, findet er kein Ende. Er schweift ab, erzählt wie ein Entertainer launige Episoden von seinem Werdegang, spricht von mehreren Ehen, die er hinter sich brachte, bevor er Dorota L. heiratete. Er erzählt ausführlich von seiner Zeit bei der Nationalen Volksarmee, bei der er als Zeitsoldat auch eine Nahkampfausbildung absolvierte. Er berichtet davon, dass er immer der Erste und immer der Beste gewesen sei.

Der Angeklägte will sich später äußern

Von seiner Zeit mit Dorota L. und wie es zu der Tat im Mai vergangenen Jahres kam, dazu sagt Wolfgang L. noch nichts. „Mein Mandant wird sich am nächsten Verhandlungstag zu den Tatvorwürfen äußern“, sagt Matthias Schöneburg, der Verteidiger des Angeklagten. Dann will Wolfgang L. auch erklären, warum die Messerstiche auf seine Ehefrau, das darauf folgende minutenlange Unterwasserdrücken ihres Kopfes in seinen Augen Notwehr war.

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Zu seinem mittlerweile 15 Jahre alten Sohn und der drei Jahre jüngeren Tochter hat Wolfgang L. seit seiner Inhaftierung am Tattag keinen Kontakt mehr. Sie sind in dem Prozess Nebenkläger, werden durch einen Anwalt vertreten. Der Sohn soll am nächsten Prozesstag als Zeuge gehört werden.