Aus Aix-en-Provence zurück nach Berlin: Der inzwischen ausgemusterte Panzer AMX 30B „Reinickendorf“.
Aus Aix-en-Provence zurück nach Berlin: Der inzwischen ausgemusterte Panzer AMX 30B „Reinickendorf“. Benjamin Pritzkuleit

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Wobei das Geschenk, das Frankreich dem Landeskommando Berlin der Bundeswehr gemacht hat, schlanke 36 Tonnen wiegt: Es ist ein historischer Panzer AMX 30B, der einstmals in Berlin stationiert war und jetzt aus Südfrankreich in die Julius-Leber-Kaserne geschafft wurde. Bis 1994 hieß sie Quartier Napoléon und war das Hauptquartier der französischen Armee in Berlin. Logisch, dass der Panzer nach französischer Tradition einen Ortsnamen trägt: Reinickendorf.

Lesen Sie auch: Volksbegehren für Berliner Klimaneutralität  >>

Mit großem Zeremoniell samt Marseillaise, Marschmusik und Flaggenparade wurde am Donnerstag, dem französischen Nationalfeiertag, eine kleine militärhistorische Sammlung des Landeskommandos am neuen „Platz der deutsch-französischen Freundschaft“ inmitten der Kaserne eröffnet. Es war fast ein Staatsakt, Frankreichs Botschafterin Anne Marie Descôtes erschien und hielt eine Ansprache, in der sie angesichts des Ukraine-Kriegs darauf hinwies, wie wichtig die deutsch-französische Kooperation sei.

Ein Platz für die deutsch-französische Freundschaft

Der Panzer steht jetzt auf dem Platz hinter einem Gedenkstein für die Franzosen, die während ihres Dienstes zwischen 1945 und 1994 in Berlin ums Leben kamen. Im Gebäude dahinter sind in der neuen Sammlung Stücke von der Uniform bis zur Speisekarte des Casinos zu sehen. Vielfach von Franzosen zur Verfügung gestellt, die einstmals ihren Wehrdienst in Berlin abgeleistet hatten – und nicht mehr heimkehrten. Meistens, weil die Liebe dazwischenkam.

Thierry Speldooren ist nach dem Wehrdienst  in Berlin nicht nach Paris zurückgekehrt, sondern hat hier eine Familie gegründet.
Thierry Speldooren ist nach dem Wehrdienst in Berlin nicht nach Paris zurückgekehrt, sondern hat hier eine Familie gegründet. Benjamin Pritzkuleit

So wie bei Thierry Speldooren (51), der 1990 bis 1992 im 46. Infanterieregiment Dienst tat, und bei Bernard Leraille (62), 1979 bis 1981 in der gleichen Einheit. Sie ist inzwischen ebenso aufgelöst wie das 11. Jägerregiment der  Franzosen in Berlin, eine Panzereinheit.

Leraille aus dem Norden Frankreichs (und ja, er ist ein Sch'ti ...)  war zunächst gar nicht begeistert,  als es hieß: Du gehst nach Berlin. „Katastrophe“, sagt er heute mit einem Augenzwinkern. Eigentlich hatte er gehofft, bei dem Regiment einrücken zu können, das 300 Meter vom Elternhaus entfernt lag.

Bernard Leraille lehnt an einem Mauer-Segment in der Julius-Leber-Kaserne. Die Mauer hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt, als er in Berlin seinen Militärdienst ableistete und hier blieb.
Bernard Leraille lehnt an einem Mauer-Segment in der Julius-Leber-Kaserne. Die Mauer hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt, als er in Berlin seinen Militärdienst ableistete und hier blieb. Benjamin Pritzkuleit

Warum Bernard in Deutschland blieb, das ihn kalt empfing

Dass im April in Berlin noch Schnee lag, als er aus dem französischen Frühling hier ankam, machte es nicht besser, und die drei Jahre Schul-Deutsch waren nicht sehr hilfreich. Aber mit Händen und Füßen und allmählich verbessertem Deutsch war Kommunikation möglich, speziell im Big Eden am Kudamm und mit jungen Berlinerinnen. Wegen einer blieb er dann auch da, heiratete später eine andere und wurde Vater von vier Kindern.

Ein bisschen Wind hätte gut getan, als die Fahnen Deutschlands, Frankreichs, Europas und (nicht im Bild) Berlins aufgezogen wurden.
Ein bisschen Wind hätte gut getan, als die Fahnen Deutschlands, Frankreichs, Europas und (nicht im Bild) Berlins aufgezogen wurden. Benjamin Pritzkuleit

Der Elektriker und Amateurfunker feixt über seine deutschen Freunde: „Die bringen immer Wein mit, weil ich doch Franzose bin. Dabei bin ich Biertrinker.“ Am Anfang musste er dafür durch eine harte Schule. „Wir haben mit der Bundeswehr auf dem US-Truppenübungsplatz Grafenwöhr in Bayern geübt, und abends ging es in die Kneipe. Da haben sie mir eine Maß hingestellt, in Frankreich trinkt man Bier aber aus kleinen Gläsern. Und kaum hatte ich das Glas ausgetrunken, stand das nächste da ...“

Was ihn ernsthaft bis heute beeindruckt: „Die Mauer.“ Man habe damals das Gefühl gehabt, dass „es jederzeit losgehen“  könne, dass die Russen angreifen, die „der Feind“ gewesen seien.

Auf nach Berlin: Der junge Thierry nahm es auf die leichte Schulter

Thierry Speldooren aus einem Pariser Vorort nahm es einfacher mit der Einberufung nach Berlin, auch, weil die politische Lage nach dem Fall der Mauer viel entspannter war: „Mein Vater war Berufssoldat, und ich habe mich überraschen lassen.“ Er habe die Stadt, die schnell  geschlossenen Kontakte zu den anderen Soldaten und den Deutschen schnell schätzen gelernt. Die Disko Flashpoint am Kudamm und der Irish Pub im Europacenter waren seine bevorzugten Lokalitäten.

Er verlängerte wie Leraille seine Dienstzeit um weitere zwölf Monate, um dann ganz in Berlin zu bleiben. Warum? Natürlich: „Wir sind jetzt 30 Jahre verheiratet und haben eine Tochter.“

in der kleinen militärhistorischen Ausstellung hängt auch ein Plakat für einen der letzten Tage der offenen Tür im Quartier Napoléon, 1992. Darunter das Motto der französischen Truppen in Berlin: „Die Freiheit Berlins ist auch die unsere.“
in der kleinen militärhistorischen Ausstellung hängt auch ein Plakat für einen der letzten Tage der offenen Tür im Quartier Napoléon, 1992. Darunter das Motto der französischen Truppen in Berlin: „Die Freiheit Berlins ist auch die unsere.“ Benjamin Pritzkuleit

Dem Militär ist der heutige Hausmann auf eine Art treu geblieben, ist Vize-Vorsitzender der „Reservistenkameradschaft 05 France“, die dem Reservistenverband der Bundeswehr angehört und die Trikolore und Schwarz-Rot-Gold im Wappen führt. Deutsch-französische Freundschaft, wie man sie sich einstmals nie hätte vorstellen können.

Vielleicht  wahr, aber sicher komisch

Den Flugplatz Tegel neben dem Quartier Napoléon hatten die Franzosen während der Berlin-Blockade für die Luftbrücken-Flieger neu gebaut, und darum dreht sich eine vielleicht wahre Anekdote. Ein Sendemast des sowjetisch kontrollierten Berliner Rundfunks stand im Weg, der französische Stadtkommandant Jean Ganeval vermochte den sowjetischen Kollegen Alexander G. Kotikow nicht zu überzeugen, ihn aufzugeben. Dann war er eines Tages weg.  Kotikow soll Ganeval daraufhin aufgesucht und gefragt haben: „Wie konnten Sie das bloß tun?“ Ganeval: „Ganz einfach, mon général, mit Dynamit.“

Das Quartier Napoléon war eine kleine französische Militärstadt

Bis zu 2600 Franzosen waren bis zum Abzug 1994 in Berlin stationiert, in der Masse Wehrpflichtige. Zunächst Besatzungsmacht im französischen Sektor (Reinickendorf und Wedding), wurde Frankreich zusehends neben Amerikanern und Briten zur Schutzmacht West-Berlins.

Die ehemalige Wehrmachtskaserne, in der Schlacht um Berlin schwer beschädigt, hatten sie zu ihrem Hauptquartier gleich neben dem späteren Flughafen Tegel gemacht. Kirche, Kino, Krankenhaus, Schwimmbad - das Quartier Napoléon war eine französische Militärstadt, die seit 1971 regelmäßig bei Tagen der offenen Tür von jedermann besucht werden konnte.

Das neue Straßenschild in der Julius-Leber-Kaserne
Das neue Straßenschild in der Julius-Leber-Kaserne Benjamin Pritzkuleit

Heute dient sie als Julius-Leber-Kaserne 36 Dienststellen der Bundeswehr, beherbergt unter anderem die Standortkommandantur mit ihrem Chef, Brigadegeneral Jürgen Uchtmann.