Armin Woy hat eine Leidenschaft für gruselige Geschichten - und erzählt sie als Stadtführer den Berlin-Besuchern. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Am Sonnabend ist Halloween, die gruseligste Nacht des Jahres – aufgrund der Corona-Pandemie müssen sich die Geister und Monster der Stadt allerdings zurückhalten: Keine Partys, keine Umzüge, kein Straßen-Spuk. Wie wäre es stattdessen mit einer düsteren Geschichte? Der Stadtführer und Autor Armin A. Woy liefert dafür die perfekte Vorlage: Er hat ein Buch über die Spuk-Legenden der Stadt geschrieben. KURIER traf den Mann, der Berlin das Fürchten lehrt.

Früher, sagt Armin Woy, ging es in Berlin „etwas handfester zu“. Eines der besten Beispiele dafür ist ein Mann namens Lippold. Heute dürften nur wenige diesen Namen kennen, doch damals, zur Zeit des Kurfürsten Joachim II., war er Stadtgespräch. Lippold war der Leibarzt und Kammerdiener des Fürsten – und als Joachim im Jahr 1571 plötzlich starb, wurde sein eigentlich treuer Diener schnell des Mordes bezichtigt. Lippold wurde gefoltert. Er gestand, angesichts der Qualen nicht verwunderlich.

Heute steht hier der Neptunbrunnen - doch am gleichen Ort wurde zur Zeit des Kurfürsten Joachim II. ein Mann gevierteilt, die Körperteile danach an Berlins Stadttoren aufgehängt. Foto: imago stock & people

Was folgte, ist dunkle Berliner Geschichte: Auf dem ehemaligen Neuen Markt – ungefähr dort, wo heute der Neptunbrunnen steht – wurde Lippold gerädert, gevierteilt, seine Eingeweide wurden verbrannt. „Und seine Körperteile wurden anschließend an den Stadttoren aufgehängt“, erzählt Woy. „Das ist definitiv eine der brutalsten Berliner Gruselgeschichten. Spannend ist aber: Zu der Zeit gab es kein Fernsehen, keine Zeitungen, die so etwas verbreiteten – die Menschen sind deshalb begeistert zu solchen Hinrichtungen gefahren und haben zugeschaut.“

Die dunkle Geschichte Berlins hat ihre Spuren hinterlassen

Vierteilungen als Happening – die Zeiten sind zum Glück vorbei. Aber: Auch heute steckt in vielen Menschen eine tiefe Faszination für solche Geschichten. Keiner weiß das besser als Woy: Seit 1998 führt der 47-Jährige als Stadtführer Berliner und Gäste durch die Hauptstadt. Seit Jahren auch zu jenen Plätzen, an denen die düstere Vergangenheit ihre Schatten hinterließ. Nun hat er ein Buch geschrieben: In „Grusel in Berlin“ (Elsengold, 5 Euro) sind die  dunkelsten Berliner Legenden versammelt.

Woy wuchs in Steglitz auf, interessierte sich schon früh für die Geschichte der Stadt – ein Besuch im Heimatmuseum weckte die Leidenschaft. „Danach führte ich schon in meiner Schulzeit regelmäßig Freunde auf dem Fahrrad durch meinen Bezirk“, sagt er. Später studierte er Soziologie und Geschichte, legte seinen Schwerpunkt auf die historische Landeskunde. „Unsere Stadt bietet so viele spannende Themen. Aber Zahlen und Fakten gehen zu einem Ohr rein und zum anderen wieder raus. Wenn man sie aber mit Geschichten verbindet, werden sie im Kopf verankert.“

Wo heute Ausflugsschiffe über die Spree schippern, wurden der Legende nach früher Frauen in mit Steinen beschwerten Säcken im Wasser versenkt. Foto: imago images / Rolf Zöllner

Auf die Idee, sich mit Gruselgeschichten zu beschäftigen, kam er während einer Reise auf die Insel Tasmanien - dort besichtigte Woy ein historisches Gefängnis, in dem am Abend Spuk-Touren angeboten wurden. „Ich war davon so begeistert, dass ich dachte, so etwas könne man in Berlin auch machen“, sagt Woy. Er begab sich auf die Suche nach den gruseligsten Geschichten der Stadt – und machte eine Entdeckung: „Gespenstergeschichten gibt es hier kaum, abgesehen von der Weißen Frau, die die Hohenzollern im Stadtschloss heimsuchte“, sagt er. „Denn Geister werden oft mit Schlössern oder Burgen in Zusammenhang gebracht – und die gibt es in Berlin und Brandenburg einfach nicht so häufig wie etwa in Frankreich oder Großbritannien.“

Lange suchte der Geist der Weißen Frau die Hohenzollern heim

Dafür gibt es Legenden, Sagen und überlieferte historische Begebenheiten. Sie spielen sogar an Orten, an denen man sie kaum erwarten würde. Wir sitzen in einer kleinen Grünanlage in Mitte, gelegen zwischen Litten- und Klosterstraße. Es ist Abend, langsam ergreift die Dunkelheit Besitz von Häusern, Büschen, Straßen. „Dort fliegen die ersten Fledermäuse“, sagt Armin Woy und zeigt Richtung Himmel. Wie passend. Eine Querstraße weiter befindet sich die Parochialkirche, in deren Turm sich einst ein Glockenspiel befand, umgeben von vier Löwen, die zu jeder vollen Stunde brüllten.

Im alten Stadtschloss suchte die „Weiße Frau“ für lange Zeit die Hohenzollern heim. Foto: imago stock & people

Um zu verhindern, dass der Uhrmacher, der dieses Kunstwerk geschaffen hatte, ein zweites Kunstwerk dieser Art baut, ließen die Berliner Ratsherren ihm die Augen ausstechen. Der Blinde hatte jedoch einen letzten Wunsch: Er wollte sein Glockenspiel noch einmal aus nächster Nähe hören. Einer seiner Gesellen führte ihn die steile Treppe empor, das Glockenspiel schlug zur vollen Stunde, die Löwen brüllten –zum letzten Mal. Denn mit einem Griff hatte der Uhrmacher das Räderwerk verändert. Der Rat rief die besten Uhrmacher, doch niemand konnten den Schaden reparieren. Die Löwen blieben stumm. Im zweiten Weltkrieg zerstörten Brandbomben den Turm.

Inzwischen sind die Kirche und das Glockenspiel restauriert, 2016 war es zum ersten Mal wieder zu hören. Die grausame Geschichte des Uhrmachers mit den ausgestochenen Augen ist Geschichte. Genau wie jene Dinge, die sich an der Spree entlang des nahegelegenen Montbijouparks ereigneten. Wer weiß heute schon, wie zur Zeit des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. mit Frauen umgegangen wurde, die aus Verzweiflung ihre Kinder töteten? „Am Fluss fanden damals Sackungen statt“, sagt Woy. „Das heißt: Die Frauen wurden in Säcke eingenäht, die mit Steinen beschwert und im Wasser versenkt wurden. Die Säcke mussten sie selbst nähen.“

Lesen Sie dazu auch: So feiern Sie Halloween in Corona-Zeiten >>

Wenn Woy erzählt, hört jeder gebannt zu. Warum? „Ich sage immer: Wo es Licht gibt, gibt es auch Schatten“, sagt er. „Die hellen Seiten des Lebens sind glänzend und schön – aber wir alle wissen, dass jeder Mensch auch eine dunkle Seite hat.“ Dieser Blick in die Abgründe der Seele sei ein Urbedürfnis aller Menschen – und er wird durch solche Geschichten ermöglicht. Für ihn selbst sei eine Erzählung vor allem dann faszinierend, wenn sie auch ein Fünkchen Wahrheit beinhaltet. „Eine Gruselgeschichte ist für mich interessant, wenn sie eine Legende und einen historischen Hintergrund vereint“, sagt er. „Es kann ausgeschmückt sein, aber darin steckt ein wahrer Kern.“ Niemand weiß so genau, was wahr ist und was nicht – was bleibt, ist ein wohliger Schauer.

Führungen mit Armin Woy gibt es wieder am 7. November 2020 (19 Uhr, Treff: Alexanderplatz) und am 13. November (19 Uhr, Treff: S-Bf. Hackescher Markt). Kosten: 20 Euro. Anmeldung: mail@minoy-services.com)