Die Reparatur solcher Unfallschäden an einem Feuerwehrauto dauert natürlich, aber 32 Tage Ausfall pro Jahr und Rettungswagen sind inzwischen „normal“.
Die Reparatur solcher Unfallschäden an einem Feuerwehrauto dauert natürlich, aber 32 Tage Ausfall pro Jahr und Rettungswagen sind inzwischen „normal“. Eric Richard

Bremsbeläge wechseln, Wasserpumpe austauschen, Zündkerzen erneuern – wenn der KfZ-Meister einem beim Abgeben erzählt, dass man sein Auto in einem Monat wieder abholen kann, sucht man sich schnellstens eine neue Werkstatt. Bei der Berliner Feuerwehr sind derlei Ausfallzeiten aber alltäglich. Im Schnitt waren seit 2017 die Rettungswagen (RTW) und die Kleinbusse der Notärzte (NEF) 32 Tage außer Betrieb, Drehleitern 42 und die „Lösch- und  Hilfsleistungsfahrzeuge“  (LHF) 46 Tage. Alle wünschen sich eine neue Werkstatt, aber wann die kommt, steht in den Sternen.

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Knapp 1050 Fahrzeuge hat die Berliner Feuerwehr, in der Zahl enthalten sind aber auch rund 100 Boote, zwei Aktenwagen und ein Lastenfahrrad. Für  die meisten ist die zentrale Werkstatt am Nikolaus-Groß-Weg zuständig, zusätzlich für Katastrophenschutz-Fahrzeuge von Hilfsorganisationen. Nach KURIER-Informationen sind es insgesamt rund 1400 Fahrzeuge, um die sich der Standort in Charlottenburg-Nord kümmern muss.

„TÜV“ bei der Feuerwehr geht nicht von jetzt auf gleich

Einer der Gründe für die langen Stehzeiten ist die jährliche (!) Hauptuntersuchung, gemeinhin TÜV genannt. Es muss nicht nur das Auto selbst gecheckt und gegebenenfalls repariert werden, sondern in der Regel noch ein halbes Dutzend verschiedener technischer und medizinischer Apparaturen von der Feuerlösch-Kreiselpumpe bis zum Defibrillator.

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Vor allem aber herrscht „Land unter“, weil bereits für einen normalen Ein-Schicht-Betrieb mit gegenwärtig 58 Handwerkern aller Art sieben fehlen, wie die Feuerwehr auf Anfrage mitteilte. Dem Vernehmen nach ist eine Stellenausschreibung für sie„angeschoben“.

Wollte man die Werkstatt länger und damit ihre Kapazität von sechs Gruben und einer Hebebühne  besser nutzen, fehlten bei Betrieb von 6 bis 19 Uhr weitere sieben Leute, erklärte die Feuerwehr-Pressestelle und verweist auf „Planungen in Vorbereitung“, Früh-,  Mittel- und Spätschicht einzuführen.

Gruben, Maschinen und Prüfgeräte könnten dann besser genutzt, Fahrzeuge schneller an die Wachen zurückgegeben werden. Dort wird immer gebarmt, wann denn die fehlenden Autos endlich wieder da sind. Die vorhandene Software kann das nicht melden.

„Harry,  hol schon mal den Wagen“ – das ist an der Feuerwehr-Werkstatt mühselig

Insider sagen, sieben Leute mehr wären das absolute Minimum. Insgesamt würden Schlosser, Medizingerätetechniker, Gerätewarte und Kraftfahrer fehlen. Kraftfahrer wären deshalb gut, weil die Abstellflächen viel zu klein sind und wild rangiert werden muss, um reparierte Wagen aus der Werkstatt raus- und defekte reinzubringen.

Beschäftigte fragen sich, wie das erst werden soll, wenn am gleichen Standort noch für eine gemeinsame Leitstelle mit der Polizei gebaut wird.

„Wir arbeiten am Anschlag, in Wahrheit weit darüber“, sagt jemand aus der Werkstatt. Das spiegelt sich auch in anderen Zahlen wider. Eigentlich ist das Ziel, dass die zentrale Werkstatt 70 Prozent der Reparaturen und Wartungen vornimmt. Private Firmen sollen den Rest übernehmen, um beispielsweise kleinere Arbeiten wie den Ersatz abgefahrener Außenspiegel zu leisten. Tatsächlich ist das Verhältnis umgekehrt, 70 Prozent der Tätigkeiten landen bei externen Werkstätten.

16 Feuerwehrautos können am Nikolaus-Groß-Weg gleichzeitig gewartet oder repariert werden.
16 Feuerwehrautos können am Nikolaus-Groß-Weg gleichzeitig gewartet oder repariert werden. Berliner Feuerwehr

Bei der zuständigen Senatsinnenverwaltung ist man sich der Probleme bewusst. Das 1965 fertiggestellte Gebäude sei insgesamt veraltet, habe zu geringe Lager-, Stell- und Werkstattflächen und eine Stromversorgung am Anschlag. Außerdem gibt es in Buchholz, Spandau und Marzahn weitere Standorte, was lange Wege erfordert, um Material zu beschaffen. So ist es offenbar nur mit Mühe und in Ausnahmefällen möglich, dringend benötigtes Material außerhalb der Bürozeiten zu bekommen.

Abhilfe ist allerdings angesichts Berliner Planungs- und Bauzeiten nicht in Sicht. „Es ist angedacht, einen zentralen Standort  für den gesamten Bereich der Technik und Logistik der Berliner Feuerwehr zu schaffen“, erklärte die Pressestelle von Innensenatorin Iris Spranger (SPD). Die Feuerwehr spricht von einer Liegenschaft für einen solchen „Komplexstandort“ an der Grünauer Straße, dessen Herrichtung vom Land bezahlt werden müsste.

Gewerkschaft: Stellen für Mehrschicht-Betrieb wurden beantragt, aber nicht bewilligt

Die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft (DFeuG) ist über die Lage nicht erfreut. Manuel Barth, Sprecher des Landesverbands Berlin-Brandenburg: „Der  Werkstatt- und Logistikbereich ist über die Jahre nicht entsprechend der Menge der Fahrzeuge mitgewachsen. Das führt zu langen Ausfallzeiten dringend benötigter Einsatzfahrzeuge. Wenn man schon keine neuen Standorte errichtet, sollte man wenigstens die bestehenden Werkstattressourcen optimal ausschöpfen. Durch den hohen Anteil der Fremdvergabe beraubt man sich selber des Einflusses auf die Priorisierung der notwendigen Arbeiten.“

Die Berliner Feuerwehr brauche neue Flächen und eine für den Bedarf angepasste Software, mindestens aber einen Mehrschicht-Betrieb bei Fahrzeug-Reparatur und -Instandhaltung. Die dafür erforderlichen Stellen seien beantragt, aber abgelehnt worden.