Die Polizeiwache am Alexanderplatz: Polizei und Rettungskräfte waren unmittelbar vor Ort. Doch nun wird das Opfer im Netz verhöhnt. imago/Gudath

Ein Vorfall auf dem Berliner Alexanderplatz am Dienstagmittag hat für einen Moment das öffentliche Leben in der belebten Einkaufsmeile zum Stehen gebracht: Vor dem Eingang der Galeria-Kaufhof-Filiale steht eine Person in Flammen. Laut Polizei hatte die Frau versucht, sich selbst zu verbrennen, wortlos und ohne Ankündigung. Knapp drei Stunden darauf stellt die Polizei klar, es habe sich um eine „Transperson“ gehandelt, 40 Jahre alt. Aus Ermittlerkreisen weiß der Berliner KURIER inzwischen, dass sie wohl aus dem Iran stammt. Am Mittwochnachmittag bestätigte die Polizei, die Frau sei bereits am Dienstagnachmittag ihren schweren Verletzungen erlegen. Am Tag zuvor hatte es fälschlicherweise noch geheißen, die Verletzungen seien nicht lebensbedrohlich gewesen.

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Mann, Frau, Person, Mensch: Kurz nach dem Vorfall kursieren vier verschiedene Versionen im Netz

Bereits unmittelbar nach dem Vorfall kursierten in den sozialen Netzwerken Bilder und Gerüchte, und mehrere Medien berichteten unmittelbar, aber offenbar ohne jede Sachkenntnis von dem Vorfall. Quellen waren dabei zunächst Twitter-Nachrichten von vermeintlichen Augenzeugen. So berichtete ein User namens Ahmed auf Englisch, „ein Mann“ hätte sich direkt vor seinen Augen in Brand gesetzt. Ahmed hoffe, „ihm“ gehe es gut.

Die Polizei stellte später klar, „die Frau“ habe keine lebensgefährlichen Verletzungen davongetragen, auch weil ein Kaufhaus-Mitarbeiter die Flammen sofort gelöscht und ein Rettungshubschrauber rasch vor Ort war.

Eine Frau, ein Mann? Was denn nun? In der allgemeinen Konfusion schrieben Medien dann mal lieber Mensch oder Person, auch in der sonderbaren Koppelung „Transperson“. „Transmensch“ hieß es allen Ernstes bei der Nachrichtenagentur AFP.

Und so kursierten in etwa zur gleichen Zeit am Dienstagnachmittag vier verschiedene Versionen vom Brandopfer, als ob gleich vier Personen sich am Alexanderplatz angesteckt hätten.

AfD-Unterstützer macht sich über das Brandopfer lustig

Als wenn der Vorfall an sich noch nicht schlimm genug gewesen wäre, fühlten sich einige User veranlasst, sich geradezu diabolisch über das Brandopfer lustig zu machen. Auf einem AfD-Unterstützer-Account mutmaßt ein Chris über dessen Motivation: „Ihm war kalt“.

Zur Stunde ist noch unklar, was die 40-Jährige zu ihrer Tat bewogen hat. Die Polizei schließt sowohl Fremdverschulden als auch ein politisches Motiv aus und vermutet persönliche Gründe. Mindestens 20 Fälle von vollzogener Selbstverbrennung hat es im Nachkriegsdeutschland gegeben. Die Motivation bestand entweder in persönlicher Verzweiflung um die Lebensumstände der Person, oder es handelte sich um eine politische Protestaktion. Oft waren beide Motive miteinander verknüpft.

Warum viele Transpersonen verzweifelt sind

Über Transidentität wird oft in den Medien gesprochen, transidente Models oder Menschen, die ihre Lebensgeschichte selbstbewusst erzählen, bestimmen das Bild. Doch die meisten transidenten Menschen sind, jedenfalls in einer Phase ihres Lebens, verzweifelt. Selbstmordversuche sind nicht selten die Folge, dass Trans Personen die Gewissheit spüren, eine falsche Identität zu leben. Oft ist die Transition für diese Menschen ein Weg aus Depressionen und Verzweiflung.

In einigen Fällen verzweifeln Menschen aber auch während der Transition – etwa daran, was ihnen zugemutet wird, um ihren Geschlechtseintrag zu ändern und ihren Vornamen zu ändern: etwa demütigende Gutachten von Psychologen, die unterstellen, es handle sich um Kinderschänder oder sonst wie gestörte Menschen. Solche Fälle gibt es zuhauf. Jeder transidente Mensch muss sich vor einer sogenannten Personenstandsänderung bescheinigen lassen, einem „Zwang“ zu unterliegen.

Einige Leute lachen über die absurde Gesetzeslage, viele halten das sogenannte Transsexuellengesetz für unzumutbar – das sagen übrigens auch Verfassungsrichter. Und es gibt Transidente wie die bayerische Politikerin Tessa Ganserer, die sich eine derartige Demütigung nicht antun wollen. Nun kandidiert sie unter ihrem „Deadname“ für den Bundestag: Ein männlicher Vorname, den sie längst abgelegt hat.

Jede Transperson hat ein Anrecht auf ein glückliches Leben

Natürlich muss sich das ändern, und vielleicht war es dies, worum sich der drastische Protest am Alexanderplatz am Dienstagnachmittag drehte. Vielleicht war sie verzweifelt an ihrer Situation. Oder beides. Zunächst hatte es so ausgesehen, als habe ein geistesgegenwärtiger Kaufhaus-Mitarbeiter die Selbstverbrennung verhindert, als er das Feuer mit einem Feuerlöscher erstickte. Doch die Frau starb dennoch später im Krankenhaus. Eine Tragödie, die bewusst machen sollte, dass auch jede Transperson ein glückliches Leben verdient, als Mann, als Frau oder wenn sie es eben so wollen, ohne einen definierten Geschlechtseintrag.

Zu guter Letzt: Eine Transfrau ist eine Frau, ein Transmann ein Mann. Und sollten Sie unsicher sein, ob jemand als Herr oder Dame angesprochen werden will, seien Sie nett und sagen einfach: „Guten Tag!“ So macht es auch die Lufthansa.

HILFE BEI SUIZID-GEDANKEN

Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote: Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Samstag nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise erwähnt, die dpa habe über den Vorfall berichtet. Es war vielmehr die Nachrichtenagentur AFP. Wir bedauern diesen Fehler, der nunmehr im Text korrigiert wurde.