Victoria Nitzsche (25) verkauft in Steglitz Lebkuchen und Süßigkeiten. Foto: Volkmar Otto

Weihnachten und Corona – auch in Berlin ist inzwischen klar: Beides verträgt sich nicht miteinander. Schon vor Wochen wurden die Weihnachtsmärkte abgesagt, hiesige Schausteller sind verzweifelt und auch Adventsshopping macht mit Maske und Zugangsbeschränkungen nur bedingt Spaß. Doch wie so oft stirbt die Hoffnung zuletzt: Überall im Stadtbild versuchen die Kämpfer der Weihnachtszeit, sich trotz der Lage über Wasser zu halten. Ohne zu wissen, wie lange es noch geht.

Erst am Donnerstag kündigte Berlins Regierender Michael Müller (SPD) einen vorgezogenen harten Lockdown für Berlin an – es könnte also sein, dass bald Geschäfte und Schulen schließen müssen. Doch momentan lässt sich der Weihnachtszauber der Hauptstadt an einigen Ecken trotz angespannter Corona-Lage noch spüren. Zum Beispiel in der Wilmersdorfer Straße: Hier steht Angelo Agtsch mit seinem Bratwurststand, wie in jedem Jahr, seit 15 Jahren schon. Das Corona-Jahr hat ihn hart getroffen. Der Familienvater sagt: „Im Dezember 2019 hatten wir die letzten Einnahmen. Für uns Schausteller ist die Krise tragisch.“ Die Weihnachtsmärke zählten zu ihren Haupteinnahmen. „Aber zumindest sind die Menschen, die überhaupt noch an meinen Stand kommen, spendabel und geben viel Trinkgeld.“ Eigentlich ist seine Bude Teil eines großen Weihnachtsmarktes, doch in dieser Saison sind auf dem Platz nur einige Marktbeschicker mit ihren Hütten anzutreffen. Im Corona-Jahr 2020 ist alles anders.

Für Weihnachtsmarkt-Schausteller ist die Krise tragisch

„Wir sind zwar sehr froh, dass wir hier stehen dürfen, aber der Umsatz ist im Vergleich zu früher wesentlich geringer“, sagt Agtsch. Das Problem: Die Gemütlichkeit, die Weihnachtsmärkte sonst ausstrahlen, geht verloren. „Wer sich einen Glühwein kauft, darf eigentlich nicht stehen bleiben, sondern muss sofort weitergehen“, sagt Angelo Agtsch. Er sei dafür verantwortlich, dass das auch umgesetzt wird. „Ich achte darauf, dass die Leute das, was sie kaufen, nicht hier essen“, sagt er. Der KURIER beobachtete: Die meisten der Menschen halten sich an seinem Stand an die Regeln, gehen nach dem Kauf sofort weiter. Anderswo, etwa an den Weihnachtsmarkthütten vor dem Steglitzer Einkaufszentrum „Das Schloß“, ist das für die Standbetreiber schwieriger zu kontrollieren. Dort bleiben viele Kunden einfach ein paar Meter weiter entfernt stehen und trinken in Ruhe ihren Glühwein aus.

Sabina Hagemeyer (59) verkauft in Mahlsdorf Weihnachtsschmuck aus ihrer Garage heraus. Foto: Volkmar Otto

Auch in Mahlsdorf hat man Wege in der Krise gefunden. Im Eichenhofweg 7 lebt Sabina Hagemeyer, 59 Jahre – seit 30 Jahren Weihnachtsmarkt-Händlerin. Ihr Geschäft ist der Christbaumschmuck. „Jedes Jahr stehe ich mit meinem Stand auf dem Dresdner Striezelmarkt oder am Roten Rathaus“, sagt sie. „Doch in diesem Jahr kam nichts zustande, die Märkte mussten ausfallen.“

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Hagemeyer, das Lager voller Ware, schaltete früh. „Wir schmückten alles, richteten es her – denn ich wollte bei den Mahlsdorfern für etwas Weihnachtsstimmung sorgen.“ Jeden Sonnabend von 11 bis 17.30 ist die Verkaufsstelle geöffnet. Im Sortiment: Christbaumschmuck aus Glas, traditionell im thüringischen Lauscha hergestellt, in allen Formen und Farben. Natürlich werde auch hier auf  Abstands- und Hygieneregeln geachtet – dennoch werde das Angebot gut angenommen. „Natürlich ist es schade, dass es keinen Weihnachtsmarkt gibt“, sagt Hagemeyer. „Man freut sich ja auch auf das besondere Flair. Aber es ist eben, wie es ist.“

Jennifer Weiß (35) verkauft Crêpes und Waffeln. Foto: Volkmar Otto

Auch in Steglitz ist man optimistisch, die Kasse wenigstens ein bisschen zu füllen. Victoria Nitzsche (25) verkauft am Walther-Schreiber-Platz Lebkuchenherzen, kandierte Früchte und Nüsse. Seit sechs Jahren steht die Schaustellerfamilie, die ihr Geschäft in dritter Generation betreibt, normalerweise hier auf dem Weihnachtsmarkt. „Wir sind froh und dankbar, dass wir hier überhaupt stehen dürfen. Allerdings sind die Umsätze wesentlich schlechter als sonst“, sagt Nitzsche. Das Problem sei, dass niemand zum Verweilen stehen bleiben dürfe.

Viele Gäste freuen sich, dass es noch Glühwein-Buden gibt

In der Nähe betreibt Jennifer Weiß (35) ihren Stand mit Crêpes, Waffeln und selbst gestrickten Mützen. Sie ist von den Verkaufszahlen ganz angetan. „Das Geschäft läuft auch in der Corona-Krise gut. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Leute weniger einkaufen. Die Verkaufsstände sind alle gut besucht. Ich glaube, dass die Menschen sich freuen, dass überhaupt etwas möglich ist.“

Angelo Agtsch (44) verkauft Bratwürste – allerdings nur zum Mitnehmen. Foto: Volkmar Otto

Die Frage ist: Wie lange noch? Kanzlerin Angela Merkel hat sich am Mittwoch gegen den Glühwein- und Leckereien-Verkauf auf der Straße ausgesprochen. Sie verstehe zwar die Menschen, die trotz Corona die Weihnachtszeit genießen wollen. „Es tut mir wirklich im Herzen leid, aber wenn wir dafür den Preis zahlen, dass wir Todeszahlen am Tag von 590 Menschen haben, dann ist das nicht akzeptabel aus meiner Sicht.“ Merkel rief dazu auf, schon vor Weihnachten entschiedener gegenzusteuern. „Wenn wir jetzt vor Weihnachten zu viele Kontakte haben und es anschließend das letzte Weihnachten mit den Großeltern war, dann werden wir etwas versäumt haben“, sagte sie. In Hamburg hat der Senat den Verkauf von „Glühwein to go“ wegen der hohen Infektionszahlen schon eingeschränkt.

Die klassischen Weihnachtsleckereien gibt es an einigen Ständen – aber nur to go. Foto: Volkmar Otto

An anderen Stellen wurden Weihnachtsmarkt-Ersatz-Veranstaltungen auch abgesagt. In den vergangenen Wochen boten mehrere Restaurants etwa in Kreuzberg  den „Glühwein-Spaziergang“ an – sie servierten Glühwein zum Mitnehmen inklusive Stempelkarte. Doch nun ist damit Schluss, teilte das Restaurant „tulus lotrek“ auf Facebook mit. „Es ist einfach zu riskant. Die Corona-Zahlen machen noch mehr Bauchweh als der Kontotand.“

Viele Weihnachtsveranstaltungen finden online statt

Bleibt die Frage: Was geht noch in der Weihnachtszeit? Solange es nicht verboten wird, bleiben die Buden offen – wer zum Glühwein greift, sollte auf Abstand und Hygiene achten. Ansonsten streamen Theater und Konzerthäuser auch online ihre Angebote. Zu sehen ist am 19. Dezember das Weihnachtsballett „Der Nußknacker“ (Beginn: 18 Uhr, Infos: www.berlin.de), außerdem werden an jedem Adventssonntag um 16 Uhr Weihnachtskonzerte aus der Nicolaikirche übertragen (Infos: www.stadtmuseum.de). Wer es komischer mag, ist im BKA-Theater richtig – hier wird es noch am Freitag bei der Show „Wenn Ediths Glocken läuten“ richtig festlich (20 Uhr, Infos: www.bka-theater.de).