Familie B. während ihres Urlaubs an der türkischen Riviera. Bastian B. (li.) musste allein am Urlaubsort zurück bleiben, da er sich mit Covid-19 infizierte.



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Bastian B. (42) sitzt auf einer Terrasse im türkischen Urlaubsort Colakli, nippt an seinem Kaffee und beißt ein Stück von seinem Marmeladenbrot ab. Doch so richtig schmecken, will es ihm nicht. Der Familienvater aus Beelitz (Brandenburg) sitzt seit zehn Tagen unfreiwillig in seinem Hotelzimmer in der Türkei fest, weil er positiv auf Corona getestet wurde. Tragisch: Seine Ehefrau, die beiden Kinder und seine Schwiegereltern mussten ihn dort allein zurück lassen und ohne ihn zurück nach Deutschland fliegen. 

Die Mutter Jenny B. und ihre beiden Söhne Finnlay (8) und Anekin (15) vermissen Bastian B. zu Hause in Beelitz sehr.
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23 Grad misst das Thermometer heute Mittag an der türkischen Riviera. Es ist bewölkt, nur ab und zu lugt die Sonne hervor. Vor kurzem hat Familie B. hier im Vonresort Golden Coast in der Provinz von Antalya noch gemeinsam ihren neuntägigen Urlaub verbracht, doch jetzt erleben sie ein Drama, das sie sich zuvor wohl niemals ausgemalt hätten. Auslöser war ein Corona-Test, den die Familie wie derzeit in der Türkei vorgeschrieben, 48 Stunden vor Abflug machen musste.

Während Jenny B. (39),  die beiden Kinder (8) und (15) und ihre Großeltern ein negatives Testergebnis erhielten, wurde der Vater positiv getestet. Er habe einen Anruf von der Rezeption erhalten, dass er als Einziger aus der Familie positiv sei und sofort in ein separates Zimmer umziehen müsse. Außerdem dürfe er am anderen Tag nicht gemeinsam mit der ganzen Familie nach Hause fliegen. „Das war erst einmal ein riesengroßer Schock für uns“, sagt Bastian B. 

Seit jenem Tag sitzt der Familienvater ganz allein auf seinem 24 Quadratmeter großen Hotelzimmer im Urlaubsresort fest und grübelt unentwegt, wo er sich bloß mit Covid-19 infiziert haben könne. Zum Glück zeige er keine Symptome. „Es gab nur einen Tag im Urlaub, als ich mich sehr schlapp und unwohl gefühlt  habe“, erinnert sich Bastian B. Trotzdem darf er sein Zimmer seit zehn Tagen nicht verlassen. Frühstück, Mittagessen, Abendessen und Getränke werden ihm an die Tür gebracht.

„Es ist ein beklemmendes Gefühl hier eingesperrt zu sein. Wenn ein Mitarbeiter vorbei kommt, erscheint er in voller Schutzmontur mit Ganzkörperanzug, Handschuhen und Brille“, sagt er dem KURIER am Telefon. Am Eingang des Hotels stünde Sicherheitspersonal. Zum Glück kümmere sich das Personal sehr um ihn und die anderen deutschen Gäste auf dem Flur, die wie er, ebenfalls in Quarantäne seien. Ab und zu unterhalte er sich auf seiner Terrasse mit einem anderen Ehepaar aus Bremen. Das ist derzeit sein einziger persönlicher Kontakt. Mit seiner Frau und seinen Kindern kommuniziere er überwiegend per Whatsapp. Die meiste Zeit vertreibe er sich mit lesen, fernsehen und surfen im Internet.

Das Zimmer von Bastian B., in dem er ausharren muss.
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Am Abend sei es besonders schlimm, so sagt er. „Dann überkommen mich die schlimmsten Gedanken.“ In diesen Momenten stellt er sich immer wieder die Frage, mit der seine Familie in diesen Tagen schon mehrfach konfrontiert worden sei: Warum sie sich entschieden haben, überhaupt zu fliegen? Natürlich sei ihnen dieser Entschluss nicht leicht gefallen und sie hätten Wochen lang hin und her überlegt, zumal der Vater seiner Frau auch Risikopatient sei. Doch als sie bei ihrem Reiseveranstalter LMX Reiseservice GmbH nach einem kostenfreien Rücktritt fragten, sei das nicht möglich gewesen, da die Türkei zwar zum Zeitpunkt ihrer Reise als Risikogebiet eingestuft wurde, aber keine Reisewarnung bestand. „Man sagte uns, dass wir uns sicher aufgehoben fühlen können und uns keine Sorgen machen müssen“, erklärt Jenny B. Schließlich seien sie trotz Unbehagen am 12. Oktober in Leipzig in den Flieger gestiegen.

Nun muss Familie B. die Konsequenzen ihrer Entscheidung tragen und fühlt sich gleich von mehreren Stellen ganz allein gelassen. In einer E-Mail von LMX, die dem KURIER vorliegt, heißt es: „Sobald Sie uns die neuen Flugdaten mitteilen, informieren wir die Transferagentur. Da der Transfer bereits am 21.10. statt gefunden hat, ist es so, dass der für den neuen Flug noch einmal gezahlt werden muss.“ Sie fühlten sich komplett im Stich gelassen, so die Ehefrau. In Hinzu käme, dass der Arbeitgeber ihres Mannes bereits signalisiert habe, seinen Lohn während der Quarantäne nicht weiter zu zahlen.

Im Entgeltfortzahlungsgesetz ist zwar nach KURIER-Recherche geregelt, dass Arbeitnehmer, wenn sie sich im Urlaub mit Covid-19 infiziert haben, grundsätzlich Anspruch auf Entgeltfortzahlung haben, doch dieser Anspruch ist juristische Auslegungssache und kann durch eine  Reise in ein Risikogebiet, dazu zählt auch die Türkei seit Mitte Juni, entfallen. Wie lange Bastian B. noch in der Fremde ausharren muss, kann ihm niemand sagen. Er hat bereits drei Corona-Tests hinter sich. Alle drei waren positiv. Bis er kein negatives Testergebnis vorlegen könne, dürfe er nicht nach Deutschland ausreisen, so erläutert Bastian B.

Der KURIER hat direkt beim Reiseveranstalter angefragt und erfahren: „Unsere Reiseleitung ist mit unserem Kunden in Kontakt“, sagt ein Sprecher von LMX Touristik GmbH. Die Kosten für die Quarantäne würden gemeinsam von Veranstalter und Hotel getragen. Ebenso kümmere man sich um den späten Rückflug und Transfer nach der Quarantäne. Das Auswärtige Amt wollte sich auf KURIER-Anfrage zum Einzelfall nicht öffentlich äußern.

Bastian B. hofft, dass der Spuk bald ein Ende hat. Am Freitag soll er erneut einen Corona-Test ablegen und wird dann wieder weitere Stunden bangen, bis er das neue Ergebnis hat. Er sagt: „Ich habe nur den einen Wunsch, ich möchte endlich wieder nach Hause.“ Zurück zu seiner Familie nach Beelitz.