Marvin Wildhage mit seiner ausgedachten Doktor-Urkunde und dem Personalausweis. Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

Sein Experiment sorgt im Internet für Furore – und zugleich bringt er das Bürgeramt Wedding mächtig in Bedrängnis: Der Berliner Youtube-Star Marvin Wildhage spielte den Behörden-Mitarbeitern in den vergangenen Wochen einen Streich. Der 24-Jährige bastelte sich eine falsche Doktor-Urkunde und versuchte, sich den Titel im Ausweis eintragen zu lassen. Es klappte. Dem KURIER verriet er, wie der Trick gelang.

Marvin Wildhage sitzt in einem Büro in der Nähe des Alexanderplatzes. Große Fenster, helle Räume, junge Menschen. Hier hat unter anderem die Firma „reachhero“ ihren Sitz, ein Unternehmen, das auf Influencer-Marketing spezialisiert ist. Wildhage – buntes Shirt, graue Jeans, weiße Turnschuhe – arbeitet hier. Auf dem Schreibtisch vor ihm liegt sein Personalausweis. „Dr. Marvin Wildhage“ steht darauf. Wildhage ist gerade 24 Jahre alt und sagt, er habe „nie eine Uni von innen gesehen.“ Trotzdem hat er einen Doktortitel. Wie kann das sein?

Der Titel ist eine Fälschung. Denn Wildhage ist vor allem: erfolgreicher YouTube-Star. Seit Jahren veröffentlicht er selbst gedrehte Filme auf dem Web-Portal, 125.000 Menschen folgen ihm. Sie sahen auch seinen neuesten Streich: Wildhage gestaltete eine Doktor-Urkunde einer fiktiven Universität, marschierte damit zum Bürgeramt und versuchte, sich den falschen Titel im Ausweis eintragen zu lassen. Er habe, sagt er, nicht der 24-Jährige Spaßvogel sein wollen, der das Amt verarscht. „Ich wollte mit dem Projekt zeigen, dass die Bürgerämter gar nicht sauber arbeiten können.“

Der Youtuber beim Unterzeichnen seiner Doktor-Urkunde. Foto: zVg/Marvin Wildhage

Die Idee zu dem schrägen Experiment kam „recht unromantisch“, sagt er. „Ein Kumpel schickte mir ein Video, in dem erklärt wurde, wie man sich einen Ehrendoktortitel kauft.“ Gegen Geld kann jeder solche Angebote im Netz finden. „Aber diese Titel kann man sich eigentlich nur an die Wand hängen. Mich interessierte, ob das auch anders geht.“ Wildhage entwarf mit einem befreundeten Grafiker eine falsche Doktorurkunde, besorgte sich einen Termin im Bürgeramt Wedding.

Im Bürgeramt fiel der Doktor-Schwindel nicht auf

Er sei nervös gewesen, gibt er zu. „Ich war extra einige Zeit vor dem Termin da, die Securitys schickten mich aber noch mal weg, weil ich zu früh dran war“, sagt er. „Das war gut.“ Denn wenn er dort gesessen, gewartet und gegrübelt hätte, hätte er womöglich einen Rückzieher gemacht. Die Details seiner Urkunde hatte er zuvor auswendig gelernt, um Fragen beantworten zu können. „Ich hätte ja auch nicht gedacht, dass es so leicht ist“, sagt er. 

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Was im Amt geschah, zeigt das Video, das er mit versteckter Kamera aufzeichnete. Wildhage legt die falsche Doktorurkunde vor, die Mitarbeiterin der Behörde fragt nach dem Geburtsdatum. Als er antwortet, sagt die Sachbearbeiterin: „Und schon einen Doktortitel. Mann, Mann!“ Trotz des jungen Alters fällt der Schwindel nicht auf. „Als ich das Bürgeramt verließ und nach Hause fuhr, dachte ich erst: Da kann was nicht stimmen. Sie hatten sich nicht mal die Urkunde eingescannt oder geprüft, ob es die Universität gibt. Das Amt hat keinerlei Belege für den Doktortitel.“ Eine Woche später konnte der YouTuber seinen Ausweis abholen – inklusive eingetragenem Titel.

Nach dem Termin im Amt: Wildhage ist stolz auf seinen neuen Ausweis. Foto: zVg/Marvin Wildhage

Es ist nicht das erste Video-Projekt des jungen Berliners. Seine Karriere auf YouTube begann Wildhage bereits im Alter von 15 Jahren, erzählt er. Er lebte in Peine in Niedersachsen, sammelte Autogramme von Promis – und zog irgendwann los, um Stars und Sternchen zu interviewen. Später schrieb er für Lokalzeitungen, absolvierte eine Ausbildung an der Journalistenschule, konzentrierte sich danach aber auf seine YouTube-Leidenschaft. Als Journalist sieht er sich nicht, sagt er – eher als Entertainer. „Ich versuche aber, den Videos, die ich mache, einen Sinn mitzugeben.“ So schickt Wildhage regelmäßig gefälschte Produkte an Influencer, um zu testen, „ob sie für Geld für jeden Quatsch Werbung machen“, sagt er. 

Eine hundertprozentige Erklärung für das Gelingen seines Streichs hat Wildhage selbst nicht. „Ich denke, dass die Leute, die dort sitzen, viel Arbeit haben, aber zu wenig Kapazitäten dafür. Vermutlich müssen sie zwischen sieben und 14 Uhr mehr als 100 Leute empfangen und ihre Probleme bearbeiten.“ Aus seiner Sicht könne hier Digitalisierung der Schlüssel sein. „Wenn die Bürger solche Dinge über das Internet erledigen könnten, hätten die Mitarbeiter vielleicht auch Zeit, mal auf Google zu schauen, ob es die Universität von der Doktorurkunde wirklich gibt.“

Das Amt prüft eine Strafanzeige wegen Urkundenfälschung

Ob dem jungen Berliner Konsequenzen drohen, ist bisher unklar. Im Bürgeramt von Schöneberg gab er den falschen Ausweis bereits am Mittwoch zurück, beantragte einen neuen. „Der Mitarbeiter hat nicht schlecht gestaunt, als ich ihm von meiner Aktion berichtet habe.“ Der Ausweis wurde eingezogen, in drei Wochen kommt ein neuer – ohne Doktortitel. „Ich hoffe vor allem, dass es keine Konsequenzen für die Mitarbeiter gibt“, sagt er. „Und dass die Ämter den Spaß verstehen.“

Der Doktorausweis. Einige Stellen wurden vom KURIER unkenntlich gemacht. Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

Auf KURIER-Nachfrage beim Bezirksamt Mitte, zuständig für das Bürgeramt Wedding, heißt es, man habe nach Kenntnisnahme des Vorfalls den Einzug des falschen Ausweises verfügt. „Es wird gegenwärtig geprüft, ob der YouTuber mit einer Strafanzeige wegen Urkundenfälschung belegt werden kann.“ Wildhage hat sich vorher allerdings kundig gemacht – um keine Urkundenfälschung zu begehen, dachte er sich Uni, Studiengang und Unterzeichner selbst aus. Sein Zeugnis stammt von der „K. T. Gutenberg Universität Mainz“ – in Anspielung auf den Minister Karl-Theodor zu Guttenberg, der wegen Plagiaten in seiner Doktorarbeit zurücktreten musste.