Faulkrank wegen Testpflicht am Arbeitsplatz? Die Zahlen der AOK liefern dafür keinen Beweis. Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Es herrschte ziemliche Aufregung: Mit Einführung der Regel am 24. November, dass Beschäftigte ihrem Arbeitgeber nachweisen müssen, ob sie geimpft, von Corona genesen oder negativ getestet sind, sollen sich Menschen massenhaft krankgemeldet haben. Das habe Folgen gehabt, bei der Berliner S-Bahn und bei der BVG beispielsweise Zugausfälle. Der ver.di-Gewerkschafter Jeremy Arndt erklärte damals, ungeimpfte Fahrer hätten sich lieber krankschreiben statt impfen lassen. Die AOK Nordost hat wegen derlei Meldungen eine Datenanalyse angestellt, bei der herauskam: Die Einführung der Testpflicht für Ungeimpfte hat nicht zu einem spürbaren Anstieg des Krankenstands in den Betrieben geführt. Vielmehr liege der Krankenstand schon seit Anfang Oktober rund ein Drittel höher als im Mittel der Vorjahre.  

980.000 Krankmeldungen wurden ausgewertet. Die AOK Nordost, die in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern etwa jeden vierten Einwohner krankenversichert und deshalb davon ausgeht, dass ihre Ergebnisse repräsentativ sind, meldet zur angeblichen Krankfeierei: „Sollte es solche Vorkommnisse gegeben haben, so waren es offenbar Einzelfälle.“  

Zwar hätten sich in der Woche vom 22. bis zum 28. November 40 Prozent mehr Menschen krankgemeldet als im Mittel der entsprechenden Vorjahreswochen. Aber  schon seit Anfang Oktober liegt der Krankenstand im Schnitt 39 Prozent höher als in den Vorjahren. Weder am Tag der Einführung der „3G“-Regel selbst noch in den Folgetagen machte der ohnehin schon hohe Krankenstand einen weiteren Sprung. In der Woche danach sei der Krankenstand mit 35 Prozent über dem Vorjahres-Mittel auf einem ähnlichen Niveau geblieben.

Erkältungskrankheiten werden unfreiwillig „nachgeholt“

Die hohen Krankmeldungszahlen seit Anfang Oktober führt die Kasse direkt oder mittelbar auf Corona zurück. Insbesondere im November meldeten sich mehr Versicherte wegen einer Corona-Infektion krank als im Vorjahreszeitraum. Zudem verzeichnen Kinderärzte und -kliniken bereits seit dem Herbst deutlich mehr Patienten als in den Vorjahren. Das liegt laut dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte daran, dass viele Kinder Infekte „nachholen“, mit deren Erregern sie 2020 wegen des Lockdowns kaum in Kontakt kamen. Die Kinder wiederum dürften häufig ihre Eltern anstecken, die sich dann bei der Arbeit krankmelden müssen.

Die Krankschreibungszahlen stiegen mit Einführung der 3G-Regel am Arbeitsplatz nicht. Grafik: AOK

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Und zum anderen hat die vierte Welle der Pandemie offenbar dazu geführt, dass sich Erwerbstätige insbesondere bei Erkältungskrankheiten vorsichtshalber schneller krankschreiben lassen, um eine mögliche Corona-Infektion nicht in den Kollegenkreis zu tragen. „Wir behandeln in den vergangenen Wochen auffällig viele Patienten, deren Beschwerden erst sehr kurz bestehen. Zu normalen Zeiten hätten sie auf Hausmittel zurückgegriffen. Nun wünschen sie eine Krankschreibung, weil Kollegen oder Vorgesetzte sie aufgefordert haben, zu Hause zu bleiben“ sagt der Allgemeinmediziner Dr. Frank Dörner aus der Hausarztpraxis im AOK-Ärztehaus „Centrum für Gesundheit“.

Höchster Krankenstand bereits Anfang Oktober

Den höchsten Ausschlag des Krankenstands gegenüber den Vorjahren verzeichnete die AOK Nordost bereits in der Woche vom 4. bis 10. Oktober 2021: Es gingen insgesamt rund 23.300 Krankschreibungen ein – 56 Prozent mehr als die rund 14.900 Krankschreibungen im Mittel der Jahre 2018 bis 2020. Seither lag der Krankenstand in jeder Woche zwischen 25 und 54 Prozent über dem Vorjahres-Mittel.

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Wegfall der Kontaktbeschränkungen deutlich spürbar

Von September bis Anfang Dezember 2020 lag der Krankenstand rund 12 Prozent niedriger als in den Vorjahren – der „Lockdown light“, der im Herbst und Winter 2020 galt, bremste die Ausbreitung von Infektionskrankheiten spürbar. Der überdurchschnittlich hohe Krankenstand 2021 zeuge davon, dass von dieser Schutzwirkung in der kalten Jahreszeit offenbar fast nichts mehr übrig war – die Maskenpflicht in Innenräumen allein reichte offenbar nicht aus, um Ansteckungen bei Infekten zu verhindern.