Sie ist der Inbegriff der schlagfertigen Berlinerin: Helga Hahnemann. Foto: dpa-Zentralbild

Die Berliner sind bekannt für ihre Schnauze, für ihren außergewöhnlichen Witz. Humor gehörte in der schönsten Stadt der Welt immer zum guten Ton. Die Autorin Roswitha Schieb hat sich nun sogar wissenschaftlich damit auseinandergesetzt und ein Buch über den Berliner Humor und seine Geschichte geschrieben. Dem KURIER erzählte sie, warum die Schnauze so besonders ist – und über welche Witze sie selbst bei ihren Forschungen am meisten lachte.

Landauf, landab ist bekannt: Die Berliner sind spezielle Menschen, im positiven Sinne. Die „Berliner Schnauze“ gehört hier zum Leben. Doch wer frisch in die deutsche Hauptstadt kommt, hat damit oft so seine Probleme. So ging es auch Roswitha Schieb (58), geboren in Recklinghausen, als sie vor Jahren nach Berlin zog. „Es war Anfang der 80er-Jahre – und ich war völlig geschockt“, erzählt sie. „Ich bin mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig gefahren und wurde sofort angeschnauzt. Die Leute waren immer direkt unfreundlich, das schüchterte mich ein, ich konnte gar nicht reagieren.“

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Doch sie lernte dazu. „Irgendwann merkte ich, dass man einfach zurückschnauzen muss. Ich habe es ausprobiert – und plötzlich waren die Reaktionen netter. Wenn man von einem Berliner angepampt wird und beleidigt ist oder schweigt, hat man verloren. Der Berliner erwartet, dass etwas zurückkommt.“

Ein Berliner und ein Hamburger treffen sich. „Wat ham Se denn da für ’n eijenartijen Köter?“ – „Das ist eine Kreuzung zwischen einem Rindvieh und einem Berliner.“ – „Na, Mensch“, freut sich der Berliner, „denn sind wir ja beede verwandt mit det Tierchen!“

Heute ist Schieb verliebt in die Berliner Schnauze – so sehr, dass sie nun ein Buch darüber geschrieben hat. „Der Berliner Witz“ (Elsengold, 25 Euro) befasst sich mit den Eigenarten und der Geschichte des Hauptstadt-Humors. Denn der besteht nicht nur aus „icke“, „ditte“ und „kiek mal“ – und erst recht nicht nur aus stumpf erzählten Witzen. „Die Berliner sind vor allem bekannt für ihre Schnelligkeit, ihre Schlagfertigkeit“, sagt Schieb. Dafür gebe es historische Gründe.

Autorin Roswitha Schieb hat ein Buch über Berliner Humor geschrieben. Foto: Berliner KURIER/Gerd Engelsmann

Schon im 18. Jahrhundert habe sich das Volk etwa bei großen Prügeleien amüsiert, das bekannte Lied „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ erinnere daran. „Dieses echte Schlagen von damals hat sich im Laufe der Zeit gewandelt in eine verbale Schlagfertigkeit“, sagt Schieb. Während der französischen Besetzung lehnte sich das Volk außerdem mit Witzen gegen die Obrigkeit auf. „Man fühlte sich fremdbestimmt und fremdgeführt, das ließ auch den Humor sprießen.“

Ein Student mietet in einer Pension ein Zimmer. Am nächsten Tag beschwert er sich: „Das Zimmer ist voller Wanzen!“ Die Wirtin empört: „Wat ham Se denn erwartet für Ihre lumpijen Piepen? Kolibris?“

Auch die Berliner Sprache selbst habe immer etwas Ansteckendes gehabt, der Dialekt sei immer ein Quell des Humors gewesen. „Es gibt sehr schöne grammatikalische Verbeulungen. Bei einer geplatzten Hochzeit heißt es: Es hat sich ausjegräutigamt. Und dann gibt es das bekannte Problem mit den Wörtern ,mir‘ und ,mich‘.“ Ein Witz, der laut Schieb daran erinnert, geht so: Das Mädchen sagt zu ihrem Freund: „Küss’ mir, Kasimir!“ – Der Freund: „Mich, Liebes, mich!“ – „Dann küss’ mir, Kasimich!“

„Du, Mutta, jib mir mal ’n Jroschen. An der Ecke steht ’n janz armer Mann.“ Die Mutter gibt ihrem Kind gutherzig zehn Pfennig und fragt: „Was macht denn der Arme da?“ – „Er muss Eis verkoofen!“

Auch die Tatsache, dass die Berliner ihre Stadt als Nabel der Welt sehen, trage dazu bei. Und der Fakt, dass echte Ickes nicht gern Gefühle zeigen. „Der Berliner hat natürlich Gefühle, aber er versteckt sie sehr gern. Wenn er gerührt ist, sagt er lieber ,jerührt wie Appelmus‘. Bloß nicht gefühlsduselig werden, jede Sentimentalität wird unter der Schnoddrigkeit begraben.“

Ein kleiner Hanomag fährt gemütlich vor einer Straßenbahn her. Der Straßenbahnführer muss lange klingeln und klingeln, bis das Auto endlich gemächlich zur Seite fährt. „Kannste nich aus’n Jleisen fahren, du Rindvieh?“, ruft der Straßenbahnfahrer aus dem Fenster. „Ick schon, aba du nich!“

Das Buch reicht von der Kaiser- bis in die Neuzeit, behandelt Späße von Zille bis zu den Comedian Harmonists, von Claire Waldoff bis Cindy aus Marzahn – und auch die Unterschiede zwischen Ost und West. Das Berlinern etwa sei den Kindern im Westen früher ausgetrieben worden. „Es galt als unfein. Im Osten war es beliebter. Und hier hatte man zu DDR-Zeiten außerdem die beliebten Flüsterwitze, die sich gegen die politischen Verhältnisse richteten. Man hatte Spaß, obwohl es von außen nicht so wirkte.“ Nur auf öffentlichen Bühnen konnten Witze untersagt werden. In den Späßen, die hinter vorgehaltener Hand erzählt wurden, sei die Schärfe aber erhalten geblieben.

„Wat meinste wohl, wat passiert, wenn der Fernsehturm umfällt?“ – „Vielleicht, det dieses ein’ jroßen Knall jibt?“ – „Irrtum! Denn kannste mit’n Fahrstuhl nach Westberlin fahren!“

Vor etwa 15 Jahren behauptete ein anderes Buch zum Thema, der Berliner Witz sterbe aus. Der ständige Zuzug von Menschen aus anderen Gegenden könne dafür sorgen, dass eben jene Eigenarten mit der Zeit verloren gehen. Roswitha Schieb sieht das anders. „Ich glaube das nicht“, sagt sie. „Denn das Wesen der Berliner kommt immer wieder durch. Das merkt man schon an manchen Bemerkungen auf der Straße.“ Als Beispiel nennt sie jenen Berliner, der auf die U-Bahn-Durchsage „Bitte benutzen Sie alle Türen“ antwortete: „Ick bin froh, wenn ick eine schaffe!“ Und es gebe immer wieder Menschen, die davon angesteckt werden. „In den Kiezkneipen, die es noch gibt, wird der Berliner Witz beispielsweise auch noch gepflegt“, sagt Schieb.