Marko Hafeberg (41) nimmt in seiner Auffangstation in Brandenburg an der Havel Tiere auf, um die sich sonst niemand kümmert. Foto: Sabine Gudath

Erst vor Tagen berichtete KURIER über den illegalen Handel mit Reptilien – und die Tatsache, dass offenbar auch immer mehr Berliner dazu neigen, sich Schlangen, Echsen und Spinnen anzuschaffen. Was aber passiert mit Reptilien, die ausgesetzt oder aus illegalen Haltungen befreit werden? Sie landen unter anderem in Brandenburg an der Havel! Denn hier befindet sich eine von wenigen deutschen Auffangstationen für solche Tiere. Marko Hafenberg hat die Einrichtung vor Jahren aufgebaut – und kümmert sich hier liebevoll um Krokodile, Schlangen und Schildkröten.

Von außen sieht das Gebäude recht unscheinbar aus – doch wer drinnen den Blick durch die Gänge schweifen lässt, der staunt: An den Wänden Terrarien, große und kleine. Darin Schlangen, Spinnen, Frösche, Echsen, Schildkröten, sogar Gürteltiere. Doch auch wenn es auf den ersten Blick so wirkt: „Das hier ist kein Zoo“, sagt Marko Hafenberg. Sondern: Eine Auffangstation für Reptilien in Not. Jedes Tier, das hier lebt, hat eine eigene Geschichte. Kommt aus einer illegalen Zucht, wurde beschlagnahmt, ausgesetzt oder gefunden.

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Tiere, vor denen sich viele fürchten: Marko Hafenberg liebt sie schon seit seiner Kindheit, erzählt er. „Ich hatte schon Terrarien mit Geckos und Vogelspinnen, als ich fünf oder sechs Jahre alt war.“ Später half er auch verletzten Reptilien, nahm sie bei sich auf. Nach der Schulzeit arbeitete er für zwölf Jahre beim Militär, wurde durch seine Einsätze und durch Reisen auch in allerlei exotische Länder geführt. Dort erkundete er die Tierwelt. Und zwar hautnah. „Im Orinoco-Delta in Südamerika bin ich jeden Morgen mit den Kaimanen schwimmen gegangen“, sagt er.“ Sein Fachwissen brachte ihm später auch Spitznamen wie „Crocodile Hunter“ ein.

Dieser Breitbandkupferkopf ist hochgiftig, lebte zusammen mit mehr als 20 anderen Schlangen in einer Wohnung in Tempelhof. Foto: Sabine Gudath

Neben seinem eigenen Interesse an Reptilien ist vor allem die Not der Tiere der Grund für seinen Einsatz, erzählt er. „Hunde und Katzen haben eine große Lobby, da wird fleißig gespendet – aber bei den Exoten ist es anders. Und das, obwohl es die in Deutschland häufiger gibt als Hunde und Katzen.“ Es klingt unglaublich, aber Hafenberg rechnet vor. „Die meisten Menschen, die Hunde oder Katzen halten, haben ein Tier, vielleicht zwei“, sagt er. „Aber Schlangen- oder Spinnenhalter haben gern auch mal 10, 20, 100 Tiere.“

Mitten im Wohnblock lebten Klapperschlangen, Kobras und andere Gifttiere

Und deshalb kommt es immer wieder zu Probleme, auch und vor allem in einer Stadt wie Berlin.  Denn hier boomt der illegale Handel mit den Tieren, obwohl die Haltung oft verboten ist. Hafenberg kann die wildesten Geschichten erzählen – denn oft wird er als Experte hinzugezogen, wenn es Probleme mit Reptilien gibt. „Ich habe zum Beispiel mal einen Fall erlebt, da wollte eine Frau über eine Kleinanzeigenseite im Netz eine Lampe kaufen. Als sie das Stück abholte, sah sie in der Wohnung des Verkäufers Terrarien, alarmierte die Behörden.“ Es handelte sich um den Mitarbeiter eines Tierladens, der nicht nur eine Fünf-Meter-Python hielt, sondern auch Kobras, Klapperschlangen – mehr als 20 gefährliche Gifttiere mitten in Tempelhof!

Auch diese Bartagame lebt in einem der Terrarien in Hafenbergs Auffangstation. Foto: Sabine Gudath

Die Terrarien, die sich stapelten, seien nicht ausbruchsicher gewesen. „Es hat gedauert, bis wir die Wohnung geräumt hatten.“ Noch heute lebt eine der Schlangen hier im Terrarium: Ein Breitbandkupferkopf. Am Glas ein Aufkleber: „Vorsicht, giftig!“ In Brandenburg an der Havel habe es einen ähnlichen Fall gegeben: Hier beobachteten Bewohner eines Hauses immer wieder, dass einer ihrer Nachbarn eine Kiste mit Ratten spazieren führte. Als sie der Sache auf den Grund gingen, kam heraus, dass die Nager als Futter gedacht waren, denn er hielt 18 Klapperschlangen.

Hafenberg beobachtet seit ein paar Jahren einen regelrechten Reptilien-Hype. „Das liegt vor allem daran, dass Leute denken, sie können damit Geld verdienen.“ Doch viele bemerken schnell, dass die Reptilienhaltung aufwändig und teuer ist, weil etwa Wärme- und UV-Lampen viel Strom fressen. Das Geschäft brach deshalb zeitweise zunächst ein, doch Corona kurbelte das Interesse wieder an. „Weil die Leute viel Zeit haben.“ Gleichzeitig können Terraristik-Börsen nicht mehr stattfinden, weshalb sich der Handel ins Netz verlagert. „Und so kann man gar nicht mehr nachvollziehen, was da so umgesetzt wird.“

Von außen sieht das Gebäude unscheinbar aus, doch drinnen leben allerlei spannende Tiere. Foto: Sabine Gudath

Seine Reptilien-Station ist heute auch ein Ausbildungszentrum für Tierpfleger und Veterinärmediziner – und Hafenberg bietet Schulungen für Mitarbeiter von Ordnungsämtern, für Polizisten und Feuerwehrleute an. Sie lernen in Kursen den Umgang mit gefährlichen Tieren. Denn das wird vor allem in einer Stadt wie Berlin immer wichtiger. Für viele Leute sei es ein Hobby wie das Briefmarkensammeln. „Und man sieht es ihnen oft nicht an. Viele würden sich wundern, was in der Nachbarwohnung gehalten wird.“

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Kaum vorstellbar, was dabei passieren kann. „So eine Klapperschlange passt beispielsweise in jedes Lüftungsrohr. Und sie legt nicht einmal Eier, sondern bringt ihre Jungen lebend zur Welt. Plötzlich leben also im Kabelschacht eines Plattenbaus Klapperschlangenbabys – es ist ein riesiger Aufwand, so ein Haus wieder sicher zu machen.“ Es kann sich in Berlin also lohnen, vor dem Einschlafen nochmal unters Bett zu schauen.