Annika Hirsekorn und der gebürtige Venezolaner Rolando Gonzalez auf dem Hof vor dem Haus. Ein renovierungsbedürftiges Haus und ein Grundeinkommen – so hat die Stadt Loitz zwei Berliner auf das platte Land gelockt.
Annika Hirsekorn und der gebürtige Venezolaner Rolando Gonzalez auf dem Hof vor dem Haus. Ein renovierungsbedürftiges Haus und ein Grundeinkommen – so hat die Stadt Loitz zwei Berliner auf das platte Land gelockt. dpa/Sauer

Dass es den gebürtigen Venezolaner Rolando González einmal aufs platte pommersche Land verschlagen würde - damit hätte er nicht gerechnet. Dennoch steht der 32-Jährige nun mit einer Kiste voll Brennholz auf einem Hinterhof in Loitz, der rund 4300-Seelen-Stadt an der Peene. „Ich dachte, die Heizung müssten wir sofort umbauen“, sagt seine Frau Annika Hirsekorn. Sie habe sich aber an die Holzöfen gewöhnt. Beide haben sich in Mexiko-Stadt kennengelernt, in Berlin gelebt und sind für ein Experiment nach Vorpommern gekommen.

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Sie sollen zur Belebung der Stadt beitragen. Den Großstädtern wurde für ein Jahr ein Haus sowie ein Grundeinkommen von jeweils 1000 Euro pro Monat zur Verfügung gestellt.

Ein Freund habe sie im Herbst 2020 auf das Projekt im Internet hingewiesen, erinnert sich Hirsekorn. „Und dann dachte ich mir, naja, wenn, dann würde ich mich mit Rolando bewerben“, sagt die 36-Jährige und lacht. Mit ihren Ideen setzten sich die beiden gegen etwa 100 andere Bewerbungen durch. „Im Dezember haben wir dann die Zusage bekommen.“ Seit April des vergangenen Jahres sind die beiden in Loitz, wobei sie zunächst anderweitig unterkamen, weil in dem Altbau vom Ende des 19. Jahrhunderts noch Renovierungen nötig waren.

 Annika Hirsekorn und Rolando Gonzalez sitzen in ihrer Comic-Bibliothek auf einem Sofa.
Annika Hirsekorn und Rolando Gonzalez sitzen in ihrer Comic-Bibliothek auf einem Sofa. dpa/Sauer

Trotz des Grundeinkommens gehen beide weiter ihren bisherigen Jobs nach. González als Video-Produzent und Hirsekorn unter anderem als Kuratorin von Ausstellungen. Allein ihre Krankenversicherungen kosteten schließlich Hunderte Euro. Auch ihre Wohnung in Berlin haben sie noch. „So sind wir auch nicht darauf angewiesen, dass das jetzt hier von null auf hundert sofort läuft.“

„Der Pommer ist einer, der sich das nicht von außen aufdrücken lässt.“

Seit 2016 ist das Amt Peenetal/Loitz eine Modellregion im Wettbewerb Zukunftsstadt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Dabei geht es um die Entwicklung und das Ausprobieren von Ideen, wie man vom Strukturverlust betroffene Regionen beleben kann. „Es steht ja nicht nur Loitz vor diesen Problemen“, sagt Bürgermeisterin Christin Witt (CDU). „Es ist ein Versuch.“ Der könne auch für andere Standorte Vorarbeit leisten. Zuletzt schaffte es Loitz als eine von acht Regionen in die dritte Phase des bundesweiten Wettbewerbs. Vom Bund stammt laut Witt auch das Basiseinkommen für Hirsekorn und González.

Das Projekt habe auf jeden Fall Aufmerksamkeit auf die Stadt Loitz gelenkt. „Auf alle Fälle bringen sie sich ein“, sagt Witt. Viele Dinge bräuchten noch ein bisschen Zeit. „Der Pommer ist einer, der sich das nicht, sag ich mal, von außen aufdrücken lässt.“ Neben den beiden Neu-Loitzern gehöre zur Zukunftsinitiative etwa auch der Bau eines Wohnkomplexes für verschiedene Lebensformen und Altersgruppen mit medizinischer Versorgung und Gemeinschaftsräumen im Zentrum.

 Ein Straßenzug in der Gemeinde Loitz
Ein Straßenzug in der Gemeinde Loitz dpa/Sauer

Hirsekorn und González haben im Haus eine Siebdruckwerkstatt, eine Comic-Bibliothek und einen Escape-Room eingerichtet. Sie haben schon einige Projekte mit Kindern und Jugendlichen aus der Region gemacht. „Das wird total gut angenommen“, sagt Hirsekorn. Nur mit der Bibliothek sei es noch ein bisschen schleppend. Wenn man frage, was die Kids lesen wollen, sagten viele, sie wollten Playstation spielen.

Die beiden wollen einen Verein mit Namen „De Loite“ gründen, bei dem sich noch mehr Menschen einbringen sollen.

Es gehe aber nicht bloß um das Haus und die Räumlichkeiten, sondern vielmehr auch um Vernetzung. Das Paar hat nach eigener Aussage schon viele Gleichgesinnte im Ort gefunden, die auch Projekte organisieren wollen. González habe etwa eine Telegram-Gruppe zur Nachbarschaftshilfe aufgesetzt. Zu Weihnachten hätten sie im Rahmen einer Wichtelaktion nicht benötigte Gegenstände von Loitzern eingesammelt und daraus thematische Adventskalender zusammengestellt, unter anderem für eine Beratungsstelle für Arbeitslose.

Die beiden wollen einen Verein mit Namen „De Loite“ gründen, bei dem sich noch mehr Menschen einbringen sollen. Zudem will Hirsekorn etwa das Thema Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs in Loitz im Rahmen eines Schulprojekts aufarbeiten.

Rolando Gonzalez kommt mit einer Feuerholzkiste aus dem Haus in Loitz.
Rolando Gonzalez kommt mit einer Feuerholzkiste aus dem Haus in Loitz. dpa/Sauer

„Man kann auf jeden Fall schon sagen, dass die Wahrnehmung in der Bevölkerung sehr unterschiedlich ist“, sagt Carmen Renninger von der Hochschule Neubrandenburg diplomatisch. Sie und eine Kollegin begleiten die Loitzer Zukunftsprojekte wissenschaftlich. Eine weitere Erkenntnis sei, dass die Verwaltung flexibler sein könnte bei der Umsetzung. Als Teil der Evaluation soll ein Handbuch entstehen, das anderen Gemeinden bei ähnlichen Projekten helfen könnte.

Gekommen, um zu bleiben: Die beiden wollen jetzt das Haus kaufen

Hirsekorn und González fühlen sich in Loitz gut aufgenommen. „Klar, wir wissen, dass es viele Leute gibt, die das Projekt nicht gut finden“, sagt Hirsekorn. Das habe auch mit unzureichender Kommunikation zu tun. Die Kritiker träten aber nur ganz selten an sie heran. Einige habe sie auch schon im direkten Austausch überzeugen können. Andere Menschen hätten Begrüßungsgeschenke vorbeigebracht. Sie hätten mittlerweile Bekannte, die sie jederzeit unterstützten. „Davon gibt es total viele.“

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Das Experiment scheint schon jetzt ein Teilerfolg zu sein. „Die beiden werden das Haus erwerben“, freut sich Witt. „Der Kaufvertrag steht kurz vorm Abschluss. Wir haben jetzt nur noch den Notar-Termin.“ Das sei somit wieder ein Haus, das belebt wurde. Und: Die beiden seien nicht die einzigen. Ein anderes Paar, dessen Bewerbung nicht erfolgreich war, sei mittlerweile trotzdem nach Loitz gezogen. Die beiden würden sich nun um die Galerie am alten Steintor kümmern, um sie wieder für Besucher zu öffnen.