Im Vorwende-Laden von Frank und Bärbel Arndt (beide 78) gibt es Original-DDR-Stücke zu kaufen. Vom Mosaik-Heft bis zum Lockenwickler alles Originale.  Sabine Gudath

Seit fast 20 Jahren führen Frank Arndt und seine Frau Bärbel den Vorwende-Laden an der Thaerstraße unweit des Bersarinplatzes. Noch keinen einzigen Monat in all den Jahren haben sie mit Gewinn abgeschlossen. „Wir nehmen die Rente und schließen die Tür auf“, sagt Frank Arndt. „Wir haben keine Kunden, sondern Besucher“, sagt seine Frau. Und: „Der Laden ist ein Stück von uns.“

Bei Interessierten in aller Welt hat sich herumgesprochen, dass es hier Originale aus der DDR zu kaufen gibt. Nichts nachgemacht, alles echt. Die Tassen, das Toilettenpapier die Pionierhalstücher, die Wimpel, der Zopfhalter, das Porzellan.

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Franzosen kaufen politische Plakate

Linke Franzosen kommen und wollen politische Wimpel und Plakate kaufen. Manch einer habe die blaue FDJ-Bluse gleich im Laden angezogen, sagt Frank Arndt. Die Schweizer kommen und suchen nach Schätzen von DDR-Design. Eine internationale Fangemeinde weiß die Ästhetik der DDR-Formgebung zu schätzen. Bei Frank Arndt bekommen sie Originale. Manch einer kam schon direkt vom Flughafen per Taxi, um ein Schnäppchen zu machen, erzählt er. Und die Japaner erst.

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Sabine Gudath
Plastiktüten, Geschirr, wer DDR sucht, wird hier fündig. 

Sie suchen stundenlang in dem viel zu kleinen Laden, der überquillt von Dingen, die es einmal in der DDR gab. Sie häufen Berge von Artikeln an und wählen doch bloß Kleinigkeiten zum Kauf. Papierne Einkaufstüten mit Kartoffeldruck und erbaulichem Spruch etwa, Seife, Haushaltswaren. Es gibt kaum einen Alltagsgegenstand, der in der DDR Verwendung fand, den die Arndts nicht auch in ihrer Sammlung auftreiben könnten. Und doch ist das hier mehr als nur ein DDR-Trödel.

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Der Laden ist auch ein Angebot, von einem Land zu erzählen, das es nicht mehr gibt, ein Angebot sich zu erinnern. Wenn es einen Moment gibt, der den Geist hier am besten beschreibt dann dieser: Frank Arndt räuspert sich unter der Maske, ihm rutscht die Stimme weg. „Es gibt Leute, die kaufen etwas für vier Euro, aber in zwei Monatsraten“, sagt er. Sie sind willkommen. „Keiner muss sich hier schämen, weil er kein Geld hat.“

In der DDR gab es keine Existenzangst

Jungen Leute aus dem Westen, die mit der DDR nur Stasi und „es gab nichts“ verbinden, und die nebenan in der Simon-Dach-Straße auf Partytour sind, erzählt Frank Arndt vom Alltag in der DDR. Von der Anmeldung für den Trabi, über die Preise für eine Mietwohnung und die für eine Jeans. „In der DDR hatten die Menschen mal Ärger, aber keine richtigen Sorgen“, sagt er ihnen. „Keine Existenzangst, so wie manche heute.“

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Vor seinem Schaufenster hat sich die Welt gehörig gewandelt. Frank Arndt sorgt sich um die Mischung in seinem Friedrichshainer Kiez. Doch seine Kunden sind ihm treu. Seit er ein Schild an der Tür angebracht hat, dass er Teile seines Bestandes gern postenweise verkaufen würde, mehren sich die besorgten Besucher. Ob er zumachen wolle, fragen sie. Frank Arndt will nicht schließen, nur ein bisschen Platz schaffen.

Kistenweise DDR: Schallplatten, Porzellan, Bücher, Spielzeug 

Arndt hat sein Nachwende-Lebenswerk in zwei Kellern, einer Laube und in einem Lager verstaut. Er sucht nun Interessierte, die ihm paketweise Gläser, Porzellan, Schallplatten, Bücher und Spiele abkaufen.

Sabine Gudath
Mosaik, Atze und Mischa. Zeitungen und Bücher aus der DDR gibt es im Vorwendeladen. 

Die Arndts gehen auf die 80 zu. Manchmal hängt der Hausfrieden im Laden schief, wenn sich ein Löffel aus den Interhotels in die Kiste mit Palast der Republik- Besteck verirrt hat. „Leg das mal weg“, sagt Frank Arndt zu seiner Frau und zieht einen Goldrand-Teller aus dem Palast der Republik aus dem Regal. Frank Arndt erzählt über den Teller und beginnt einen Satz mit „so wie meine Kenntnisnahme war“.

„Im Westen haben sie gesagt, der sei nur für Honecker und andere hohe Tiere gewesen. Alles Quatsch.“ Wie das mit Goldrandgeschirr so sei, habe man einfach schnell festgestellt, dass die Teller nicht spülmaschinenfest waren, die Goldrandteller landeten also im Keller und wurden nur zu besonderen Veranstaltungen hervorgeholt.

DDR-Laden als Ort der Begenung

Das hier ist keine Kulisse, keine Nostalgie, und kein Geschäft mit der DDR. Die Arndts sind es, die aus dem Laden einen Ort der Begegnung machen. Manchmal kommen die Leute nur zum Reden. „Fragt doch, Leute“, sagt Bärbel Arndt. Die DDR sei gelebtes Leben gewesen, nicht nur Stasi. „Guckt es euch an und fragt.“ All die Gegenstände geben Anlass genug für viele Gespräche über erste Leben.

Sabine Gudath
Mit Geschirr aus dem Palast der Republik nahm der Laden seinen Anfang. 

In seinem Vorwendeleben, war Frank Arndt Heizungsbauingenieur. Er hat die Anlage im Pionierpalast geplant und auch die im Palast der Republik. Dessen Eröffnung wohnte er im Keller bei, alle Gewerke musste damals parat stehen, damit auch ja alles glatt ging. Erst am zweiten Tag durften die Ingenieure und Handwerker oben feiern.

Ob Arndt bei dieser Gelegenheit schon von einem der Teller oder aus einer der Tassen mit der berühmten Aufschrift PdR – Palast der Republik – seinen Kaffee trank, ist nicht überliefert. Einige Jahre und eine Republik später aber, bildete dieses Geschirr den Grundstein für das zweite Leben der Arndts.

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Als der Palast der Republik 1990 abgewickelt wurde, startete der Bund eine schriftliche Auktion um das Inventar zu veräußern. Höchstgebote für die unterschiedlichen Posten durften eingereicht werden. Frank Arndt  erhielt den Zuschlag für das Braunbandgeschirr der drei Restaurants im ersten Stock. Tausende Teller, Tassen und Untertassen sollten den Anfang für ein „Café der Republik“ bilden, das am Ende doch nicht zustande kam. „Ich wollte etwas von dem bewahren, das ich mit gebaut hatte“, sagt Frank Arndt.