Ingrid Krebs (83) aus Prenzlauer Berg muss trotz Reiserücktrittsversicherung die Stornokosten einer Reise zahlen. Sabine Gudath

Knapp zweieinhalb Wochen, dann starten die Sommerferien in Berlin. Sonne, Strand, Meer – ab geht es in den Urlaub. Wer freut sich da nicht auf unbeschwerte Ferientage in der Ferne. Aber was ist, wenn etwas dazwischen kommt, man die Reise nicht antreten kann? Wie bei Ingrid Krebs (83) aus Prenzlauer Berg, die ihre Fahrt an die polnische Ostsee stornierte. Das kann teuer werden, trotz Reiserücktrittsversicherung. Doch ist das rechtens?

Die Rentnerin hatte sich so auf ihre Reise gefreut. Schon lange war sie wegen Krankheit und den vergangenen Pandemie-Einschränkungen nicht mehr weg. Nachdem sie nun selbst auch Corona überstanden hatte und sich trotz altersbedingter Gesundheitsprobleme wohl fühlte, buchte sie im Januar bei einem Berliner Reiseunternehmen eine Busreise für den Sommer ins polnische Ostseebad Misdroy nahe Usedom.

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Zwei Wochen Hotel, Strand und Meer: Etwa 800 Euro sollte die Reise nach Misdroy kosten. „Ich war begeistert, wollte endlich einmal wieder raus, hatte lange Geld für eine Reise gespart“, sagt Ingrid Krebs. „Und da las ich im Januar diese Anzeige eines Veranstalters, mit dem ich schon zwei wunderbare Ostseereisen unternahm“, sagt Ingrid Krebs. „Meine Freude war groß, ich hatte Lust, endlich wieder etwas zu unternehmen. Daher zögerte ich nicht lange und buchte im Januar die Sommerreise, zahlte 186,60 Euro an.“

Rentnerin stornierte drei Monate vor Urlaubsbeginn die Ostseereise

Doch es kam anders, als es sich die Rentnerin dachte. Hüfte, Bandscheibe: die körperlichen Beschwerden nahmen zu. „Ich weiß, dass ich nicht die Gesündeste bin und kam im März zu dem Schluss, dass so eine Reise nichts mehr für mich ist. Dazu bewegte mich die politische Situation, der Krieg in der Ukraine. Und soweit liegt Polen ja auch nicht von diesem Land entfernt. Also stornierte ich drei Monate vor Reisebeginn die Buchung aus privaten Gründen.“

Die Seebrücke am polnischen Ostsee-Badeort Misdroy: Dorthin wollte Ingrid Krebs reisen. imago-images/Schöning

Der Veranstalter stellte ihr daraufhin eine Stornogebühr von knapp 200 Euro in Rechnung. Mit Abzug der Anzahlung musste Ingrid Krebs noch 38,70 Euro zahlen. Die Rentnerin dagegen dachte, sie käme kostenfrei aus der Stornierung. „Ich hatte ja deshalb eine Reiserücktrittsversicherung auf Empfehlung der Mitarbeiterin des Veranstalters abgeschlossen. Sicher ist sicher, sagte sie. Doch nun muss ich doch zahlen, weil die Versicherung meine Gründe nicht akzeptiert. So etwas kann nicht sein. Schließlich habe ich für die Versicherung 32 Euro bezahlt“, sagte Krebs, die den KURIER um Hilfe bat.

Verbraucher-Expertin: „Man muss auf die Feinheiten im Reiserecht achten“

Wir fragten bei Experten nach, was nun rechtens ist. Denn die Rentnerin ist mit ihrem Reiseabbruch  kein Einzelfall. Wie Ingrid Krebs glauben viele, dass sie beim Stornieren einer Pauschalreise immer kostenfrei  herauskommen, weil sie zusätzlich eine Reiserücktrittversicherung abgeschlossen haben. Das muss so nicht sein, wie Josephine Frindte, Rechtsberaterin bei der Verbraucherzentrale Berlin, erklärt. „Das Reiserecht ist sehr komplex, da muss man schon auf die Feinheiten achten“, sagt sie.

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Im Fall der Rentnerin hätten, aufgrund der Schilderung der Frau, Veranstalter und Versicherung „erst einmal nichts falsch gemacht“, sagt die Expertin. „Eine kostenfreie Stornierung kommt nur beim Auftreten von außergewöhnlichen Umständen infrage, die zum Zeitpunkt der Buchung nicht vorhersehbar waren.“ Das wäre der Fall, wenn am Reiseziel plötzlich ein Vulkan ausbricht, eine Pandemie herrscht, es zu Terroranschlägen oder Krieg kommt.

Ein Unfall oder nicht vorhersehbare Krankheit: Hier kann eine Reiserücktrittversicherung die Kosten übernehmen, die nach der Stornierung anfallen. dpa

Gibt es aus diesen Gründen vom Auswärtigen Amt eine offizielle Reisewarnung für das gewählte Urlaubsgebiet, liegt ein Indiz für außergewöhnliche Umstände vor, entfallen ebenfalls die Stornierungskosten. Das gilt nicht, wenn die Gefahr schon bei Buchung bekannt war. Auch eine abstrakte Terror- und Kriegsgefahr oder die persönliche Angst davor sind keine Gründe für eine kostenfreie Stornierung.

Kostenfreie Reisestornierung: Außergewöhnliche Gründe müssen vorliegen

Ähnlich verhält es sich bei Krankheiten. „Verschlimmern sich Beschwerden, die schon bei der Buchung vorlagen, kann von der Reise nicht kostenfrei zurückgetreten werden“, sagt Expertin Josephine Frindte. Anders kann es sich verhalten, wenn man kurz vor Reisestart krank wird oder nach der Buchung schwer erkrankt, dessen Folgen eine Reise unmöglich machen. „Dafür muss ein ärztlicher Attest vorgelegt werden“, sagt die Expertin der Verbraucherzentrale.

In solchen Fällen greift die Reiserücktrittsversicherung ein, die spätestens 30 Tage vor der Fahrt oder dem Flug  abgeschlossen sein muss. Laut des Bundes der Versicherten  springt sie nicht nur bei Krankheiten ein, die unerwartet eine Reise unmöglich machen. Sie kann auch die Stornokosten ersetzen, wenn eine Reise aus anderen wichtigen (unvorhersehbaren) Gründen nicht angetreten werden kann. Diese können ein Unfall, ein Todesfall in der Familie oder der plötzliche Verlust des Arbeitsplatzes sein. Achtung, nicht jeder Anbieter von Reiserücktrittsversicherungen bietet diese Leistungen an. Man muss genau hinschauen, was wirklich versichert ist.

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Lohnt sich eine Reiserücktrittsversicherung?

„Jeder muss selbst entscheiden, ob er eine Reiserücktrittsversicherung abschließt“, sagt Expertin Josephine Frindte. „Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte es tun. Etwa, wenn man lange vor dem Urlaubsstart eine teure Pauschalreise bucht. Oder bei Familien mit Kindern, die eine Reise antreten wollen, die 6000 Euro kostet, ist so eine Versicherung zu empfehlen. Vor allem Kinder können schnell einmal krank werden.“

Denn die Reise-Stornogebühren können recht teuer werden. Die Staffelung ist nicht gesetzlich einheitlich geregelt. Die Höhe der Stornostaffelung hat sich durch die Rechtsprechung gefestigt. Die Veranstalter legen sie, in dem von der Rechtsprechung vorgegebenem Rahmen, selber fest, sie sollte in den AGB des Reisevertrags stehen.

„Wer drei Monate vor Start von der Reise zurücktritt, zahlt in der Regel eine Stornogebühr von 20 Prozent, bei teuren Kreuzfahrtreisen können bis zu 40 Prozent des Reisepreises anfallen“, sagt Josephine Frindte. „Wer die Reise erst zwei Tage vor dem Starttermin storniert, muss mit einer Gebühr in Höhe bis zu 95 Prozent des Reisepreises rechnen.“