Josef Braun (92) ist hier seit über 70 Jahren Kleingärtner. Sabine Gudath

Der Flieder blüht ja trotzdem und die Vögel schwirren um das Futterhaus. Die Tomaten müssen gegossen werden und irgendwie geht es schon weiter. Josef Braun hat schon sein halbes Leben in der Kleingartenkolonie Bleibtreu II verbracht. Seine erste Parzelle hat der 92-Jährige im Jahr 1951 bezogen. „Drüben“, sagt er und meint den Teil der Kleingartenanlage, der sich auf der anderen Seite der Brücke befindet.

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Die Rudolf-Wissell-Brücke mit ihren gigantischen Betonstreben, die so viel Schatten wirft, dass es im Sommer angenehm kühl im Grund ist, hat schon immer dazu gehört. Jetzt muss sie neu gebaut werden und 62 Kleingärtner aus den Kolonien Schlackeloch, Bleibtreu II und Schleusenland müssen ihre Lauben dauerhaft aufgeben.

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Josef Braun ist also Umzug gewohnt. Als die neue Charlottenburger Schleuse gebaut wurde, musste er das erste Mal runter von seiner Scholle. Dieser Garten aber wird sein letzter sein.

Bevor auf einer Versammlung am Dienstag die Planungen für die neue Brücke verkündet wurden, hat er noch Kartoffeln gesetzt und Tomaten gepflanzt. Wenn es gut geht, macht er im Herbst Pflaumenmus aus eigener Ernte. Alles wie immer. Viel Zeit zum Erinnern hat Josef Braun nicht. Aber schon damals, als er bei der Berliner Müllabfuhr anheuerte, haben sie immer einen Zahn zugelegt, damit er früher raus in den Garten konnte. „Es ist denn eben aus“, sagt er. Ein neuer Garten kommt für ihn nicht in Frage.

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Bei Josef Braun (92)  duften die Rosen als gäbe es kein Morgen. Sabine Gudath

Rudolf-Wissell-Brücke muss erneuert werden

Die Rudolf-Wissell-Brücke, auf der sich im Berufsverkehr Autos und Lkw hupend stauen, ist mit 930 Metern das längste Brückenbauwerk Berlins. Anfang der 1960er Jahre war sie für 20 000 Autos ausgelegt, heute rauschen täglich rund 180 000 Fahrzeuge über die Brücke. Das zehrt schon lange am drittmeisten befahrenen Autobahnabschnitt Deutschlands.

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Fahrzeuge über Fliederbüschen. Die Kleingärtner an der Rudolf-Wissellbrücke haben ihren Frieden mit dem Lärm der Maschinen gemacht. Sabine Gudath

„Dass da was gemacht werden muss, ist ja klar“, weiß auch Andreas. Auch er fährt regelmäßig über die Brücke, kennt Stau und Lärm.  Doch der Schmied hofft, dass man mit Fingerspitzengefühl an die Sache herangeht und nicht alle Gärten unter der Brücke vorsorglich platt macht. Acht Jahre lang hat der 55-Jährige auf sein Reich gewartet. Erst im letzten Frühling bekam er den Zuschlag.  Er ackerte, grub jeden Zentimeter um und darf nun gar nicht zu sehr daran denken, dass das hier schon bald wieder alles zu Ende sein könnte. Aber ja, alle haben gewusst, dass irgendwann an der Brücke gebaut werden würde.

Andreas (55) hofft, bleiben zu können, weil sein Garten am Rand der Baustelle liegt. Am Wochenende kommt er um von der Arbeit zu entspannen. Sabine Gudath

Bauarbeiten an der Rudolf-Wissell-Brücke ab 2025

Noch wissen die Laubenpieper in den betroffenen Anlagen nicht, welche Parzellen dem Neubau der Rudolf Wissell-Brücke genau weichen müssen. Es gibt vage Pläne, aber auch noch Hoffnung. „Wir sind in Berlin, wer weiß wie lange das alles dauert“, sagt Andreas. Schließlich sollen erst Ende 2024 die vorbereitenden Arbeiten für den Umbau starten. Der Bau soll sechs Jahre dauern, mindestens bis 2031. Ab 2025 wird der östliche Brückenstrang neben der jetzigen Brücke gebaut. Danach nimmt der neu gebaute Strang den ganzen Verkehr auf, damit die alte Brücke umgebaut werden kann.

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„Wenn die Bauarbeiter kommen, dann mache ich gern den Grill an und spendiere ihnen ein Bier. Der zusätzliche Baulärm stört mich nicht“, sagt er Schmied, der sich genauso liebevoll um seine Pflanzen kümmert.  Andere sind weniger optimistisch: Einige Parzellen in der Kolonie Schlackeloch sind schon verwaist. Die Kolonie ist am stärksten betroffen. Von 53 Parzellen müssen 45 weg.

Autobahn rauscht über der Idylle

An den Lauben im Rosenweg ranken sich knorrige Weinranken. Ein paar Hasen tummeln sich auf der Wiese, die Knospen der Pfingstrosen sind zum Bersten prall. Das Martinshorn auf der Brücke stört die Spatzen nicht und auch nicht die Biene, die in eine Rosenblüte krabbelt.

Luzie und Heinz Endrusch sind seit Jahrzehnten hier und haben es sich gemütlich gemacht. „Wir genießen jeden Tag“ sagen sie. Sabine Gudath

Einen Tag nach dem anderen angehen, wie Spatz und Biene, so machen es auch Luzie und Heinz Endrusch. „Wir genießen jeden Tag“, sagt Luzie Endrusch. Heute ist ein guter Tag. Schön warm, ein Lüftchen weht. Wenn der Wind günstig steht, kann man den Autolärm fast ausblenden. Bei Josef Braun im Garten dreht die gelbe Rose am Wegesrand noch einmal so richtig auf. Sie duftet als gäbe es kein Morgen.

Kleingarten-Heimat ist unbezahlbar

„Viele Alte sind nicht mehr hier“, sagt Wolfgang Steinke ein paar Gärten weiter. „Die, die neu gepachtet haben, sind oft Ausländer“. Nebenan haben die Neuen das Haus entkernt und hübsch neu gemacht. Auch einen großen neuen Grill haben die Nachbarn gebaut. „Vielleicht wissen sie gar nicht, dass wir hier irgendwann weg müssen“, sagt seine Frau. „Wir hoffen noch auf ein, zwei gute Jahre hier. Die werden wir genießen.“

Wolfgang Steinke (82) genießt die Zeit im Garten so lange es noch geht. Sabine Gudath

300 Millionen Euro soll der Bau der neuen Brücke kosten. Die Laubenpieper, die weichen müssen, sollen entschädigt werden. Aber sie wissen genau: Heimat ist unbezahlbar.