Foto: Sammlung Wolf

Potsdam - Zum ersten Mal in der Geschichte der Kriegsführung kam im Ersten Weltkrieg die Luftfotografie zum Einsatz. Aus Fesselballonen, Luftschiffen und Flugapparaten wurden Kampfgebiete erkundet. Als Ende 1914 der Regierungsbaumeister und Gewerbeschullehrer Erich Ewald, gebürtiger Charlottenburger, zur Fotostelle der Marineflieger kam, fügten sich dessen Stadtplanerprofession und die neue Technik in eine Einheit, die weit über den Kriegseinsatz hinaus wirken sollte.

921 flog Ewald mit einem Flugzeug über das Potsdamer Stadtgebiet und machte Aufnahmen von der Natur- und Kulturlandschaft. Seine im selben Jahr vorgelegte Dissertation trägt den Titel „Das Luftbild im Dienste des Städtebaus und des Siedlungswesens“. Ewald machte die Nutzung und Popularisierung der Luftfotografie in diesem Bereich zu seinem Lebenswerk.

Das Stadtschloss Potsdam mit Paradeplatz und Lustgarten, dahinter die Nikolaikirche mit der markanten Kuppel. Rechts unten führt die Lange Brücke auf die „Bittschriftenlinde“ zu, rechts daneben das Palast-Hotel und der Palast Barberini. Foto: Sammlung Wolf

Seine frühen Aufnahmen erfuhren durch den Verlust des alten Potsdam im Zweiten Weltkrieg eine ungewollte Aufwertung: Sie zeigen, was in der preußischen Residenzstadt verloren ging. Nach Ewalds Tod 1947 gerieten die Fotos in Vergessenheit, doch seine Tochter Anneliese bewahrte sie auf – bis sie in die Sammlung des Heimatforschers Wolfgang Holtz und schließlich zum Elsengoldverlag kamen, der den Fund jetzt in einer schönen bibliophilen Ausgabe veröffentlicht.

Gezeigt werden erstmals 23 der Ewald’schen Luftaufnahmen, ergänzt durch seinen schwärmerischen Begleittext, der ebenfalls zum ersten Mal veröffentlicht wird. Eine von Dirk Palm verfasste Biografie fällt leider arg kurz aus. Ein als Nachwort angekündigter Text von Wolfgang Holtz liefert kundige Bilderläuterungen, aber nicht die sicherlich spannende Fundgeschichte.

Also gilt alle Aufmerksamkeit dem ohnehin Wichtigsten. Man vertieft sich in die Details der Luftbilder, bei der Orientierung unterstützt durch eine Karte der Umgebung Potsdams aus dem Handbuch für Reisende von Carl Baedeker von 1920, die doppelseitig abgedruckt ist, und man lernt dabei, das oft und gern besuchte Potsdam auf neue Weise zu entdecken. Das erste Überfliegen der Karte offenbart die Besonderheit der von gleichermaßen militärbegeisterten wie repräsentationsfreudigen Preußenkönigen geprägten Stadt. Man findet: Garde-du-Corps-Kaserne, Garde-Husaren-Kaserne, Ulanenkasernen, Garnison-Lazarett, Exerzierhaus und so fort. Vor dem Schloss dehnte sich der Paradeplatz, nebenan ragte die Garnisonkirche in die Höhe. Aber man findet auch: die Schlösser und Gärten von Sanssouci und Babelsberg.

Aus der Luft erschließt sich die ganze Attraktivität Potsdams. Eingelagert in die von der Havel durchflossene Wald- und Hügellandschaft formen Bauten des Barock, Klassizismus oder der Romantik eine einzigartige Harmonie. Erich Ewald endet gefühlvoll: „Gerade in der Vereinigung der landschaftlichen Schönheit mit diesen Werken der Architektur, in der Durchdringung der Landschaft mit den Bau- und Kunstschöpfungen liegt das, was uns in so starkem Maße nach Potsdam zieht.“

Das Buch

Erich Ewald, Rundflug über das alte Potsdam Elsengoldverlag Berlin, Oktober 2020, 60 Seiten, 30 Euro