Immer mehr Menschen fühlen sich durch die Pandemie psychisch belastet. Auf Therapieplätze muss man allerdings monatelang warten. Foto: Sina Schuldt/dpa

Nervosität, Schlafstörungen und Antriebslosigkeit: Die psychischen Belastungen nehmen laut einer aktuellen Mitteilung der Humboldt-Universität zu Berlin in der Corona-Krise immer weiter zu. Und auch die Nachfrage nach Therapieplätzen steige. Doch die sind knapp: Die Wartezeit beträgt derzeit meist mehrere Monate.

Helfen kann in solchen Fällen die Therapie-App Selfapy, davon sind die Gründerinnen Nora Blum, Kati Bermbach und Farina Schurzfeld überzeugt. Im Jahr 2016 haben die drei Berliner Psychologinnen die App ins Leben gerufen. Ab diesem Donnerstag wird sie als erste Therapie-App gegen Depressionen und Burn-out deutschlandweit von Krankenkassen übernommen – auf Rezept.

Das Verschreiben von Gesundheits-Apps ist ein neues Phänomen und erst durch das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) möglich geworden, welches Ende 2019 in Kraft getreten ist. Selfapy musste für eine Zulassung den Zertifizierungsprozess des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte bestehen. „Wir sind sehr glücklich, dass unsere App nun auf Rezept kostenlos zur Verfügung steht. Sie ist jetzt als erste Depressions-App Teil des Gesundheitssystems“, sagt Gründerin Nora Blum.

Große Erfolge bei leichteren Depressionen

„Viele Menschen trauen sich nicht zum Psychologen. Und die, die es wollen, müssen monatelang warten. Gerade in ländlichen Regionen ist es schwierig, psychologische Hilfe zu erhalten“, erläutert sie. Eine Therapie-App könne erste Hemmnisse abbauen und bei leichteren Depressionen bereits große Erfolge erzielen. In einer Validierungs-Studie mit der Charité und 400 Probanden konnte eine eindeutige Verbesserung der Krankheitsverläufe mithilfe von Selfapy nachgewiesen werden.

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Wie funktioniert die Psychotherapie per App? Nutzer erhalten nach der Anmeldung bei Selfapy einen dreimonatigen Fahrplan für eine Verhaltenstherapie, erklärt Blum. Es gebe regelmäßig Arbeitslektionen und Übungsaufgaben, die man in den Alltag integrieren könne. So sollen die Nutzer etwa regelmäßig aufschreiben, wie ihre Stimmung ist und wann sie sich besonders antriebslos fühlen. Wichtig seien auch Übungen zur Schaffung einer Tagesstruktur. „Wir haben über hundert Videos, zahlreiche Audioübungen und wöchentliche Trainingsmodule“, so Blum.

40 fest angestellte Psychologen arbeiten im Hintergrund und sind auch telefonisch für die Nutzer erreichbar. Momentan nutzen laut Blum rund 30.000 Menschen die App gegen Depressionen. Die Kurse kosten 150 bis 200 Euro im Monat. Durch die Übernahme der Kosten durch die Krankenkasse können jetzt entsprechende Rezepte vom Hausarzt oder Psychologen ausgestellt werden.

Apps können unterstützend eingesetzt werden

Kann eine App wie Selfapy den Gang zum Psychologen ersetzen? „Es kommt darauf an“, sagt Ulrike Lüken, Professorin der Psychologie an der Humboldt-Universität (HU). Oft fehle die therapeutische Beziehung, die direkte Interaktion. Dennoch steht die Psychotherapeutin Therapie-Apps auf Rezept positiv gegenüber. „Sie können unterstützend zur individuellen Therapie eingesetzt werden. Außerdem sind sie gut für Patienten geeignet, die nur schwer einen Therapieplatz erhalten oder eine lange Wartezeit überbrücken müssen.“ Sie befürworte die Apps auch im Hinblick auf die Prävention. Bei ersten Anzeichen für eine beginnende Depression – dazu gehören etwa vermehrte Grübeleien oder Schlaflosigkeit – könnten Apps unterstützend wirken.

Nora Blum, eine der Gründerinnen der Therapie-App Selfapy. Foto: Selfapy

Digitale psychologische Angebote seien gerade in der Corona-Krise essenziell, sagt Lüken. Auch die HU hat ein kostenfreies Online-Hilfsprogramm www.corona-stressfrei.de ins Leben gerufen. Dabei bieten Psychologen der HU Menschen, die sich durch die Pandemie belastet fühlen, online ihre Hilfe an. Eine virtuelle Beraterin unterstützt die Nutzer zunächst mit Informationen und praktischen Übungen. Im Anschluss kann außerdem ein persönliches Gruppenprogramm wahrgenommen werden, das derzeit nur digital stattfindet. Das alles sei Teil einer größeren Studie zur psychischen Gesundheit in der Corona-Krise, so Lüken.

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Dass sich die Pandemie negativ auf die Psyche auswirke, bemerken auch die Gründerinnen von Selfapy. „Die Zahl der Anrufe auf unserer kostenlosen Hotline hat sich in der Pandemie fast verdreifacht“, sagt Blum. „Im harten Lockdown verhalten sich viele Menschen so wie in ihren schlimmsten depressiven Phasen: Sie können keine Freunde treffen, ihnen fehlt eine Tagesstruktur. Es ist eine schwierige Zeit für viele Menschen, insbesondere für diejenigen, die bereits an Depressionen leiden.“

Die Psychotherapeutin Ulrike Lüken ist davon überzeugt, dass die Stresssituation durch Corona einen Nährboden für psychische Störungen darstellt, die die Menschen in den kommenden Jahren begleiten werden. „Noch können wir keinen Anstieg an Depressionsraten ausmachen. Dafür ist es zu früh, da die Inkubationszeit psychischer Störungen über Monate geht“, sagt Lüken. „Menschen, die wir zukünftig behandeln, werden dann aber sagen: Das ist damals losgegangen in der Corona-Zeit.“