Von den brennenden Autos in der Garage griff das Feuer auf das Wohnhaus über. Foto: Eric Richard

Fahed (Name geändert) trägt ein schwarzes T-Shirt und eine kurze schwarze Hose. Seit drei Tagen, sagt der 15-Jährige. „Mehr als das haben wir nicht mehr.“ Er deutet auf die Kleider an seinem Leib. Seine Mutter steht neben ihm. Während Fahed spricht, fängt sie leise an zu weinen.

In der Nacht zum vergangenen Montag hat es in ihrem Wohnhaus in der Neuköllner Jahnstraße gebrannt. Zuerst standen Autos im Carport und in der Garage im Erdgeschoss des Hauses in Flammen, dann griff das Feuer auf das Gebäude über. Die Polizei geht von Brandstiftung aus. Die 120 Bewohner informierten und evakuierten sich selbst. Die Feuerwehr löschte den Brand, die Bewohner wurden direkt im Anschluss zurück in ihre Wohnungen geschickt. Erst am Donnerstag – an Tag 4 nach dem Brand - erschien ein Statiker der Neuköllner Bauaufsicht, der das Haus prüfte und ihnen plötzlich mitteilte: Das Gebäude ist akut einsturzgefährdet, ihr müsst sofort raus.

Nur wenige Minuten, erzählen viele, hatten sie, um noch einmal hineinzurennen und ein paar Habseligkeiten zusammenzuklauben. Andere, wie Faheds Familie, waren zu dem Zeitpunkt nicht zuhause und durften gar nicht mehr rein. Wertgegenstände, Zeugnisse, Schulbücher, Kleidung – alles mussten sie zurücklassen, dürfen ihr Zuhause seither nicht mehr betreten. Auch das Neuköllner Bezirksamt bestätigt: Es gibt Bewohner, die nicht einmal eine EC-Karte bei sich tragen.

Kein Obdach, kein Geld – wie will man da überleben? Die Bewohner zählten auf Hilfe vom Bezirk. Der aber brachte sie nur in der Nacht von Donnerstag auf Freitag im Estrel Hotel unter. Freitagmittags teilte ihnen das Bezirksamt mit: Auch hier müsst ihr wieder raus. Und zwar jetzt. Ihr müsst euch selbst Alternativen suchen – und sie dürfen nicht mehr als 25 Euro pro Nacht kosten. Ein Problem für viele Bewohner, von denen ein Teil Sozialleistungen erhält: In Vorleistung zu gehen oder aus eigener Tasche mehr für eine Unterkunft zu zahlen sei ihnen unmöglich, protestierten sie.

Seither geht es drunter und drüber: Einige Bewohner sind bei Freunden untergekommen, viele andere in einem billigen Hostel in der Saalestraße, nahe ihres Zuhauses. Andere, wie Faheds Familie, sind komplett durch das Raster gefallen. „Die Unterkünfte sind zu teuer, wir haben kein Geld“, sagt Fahed. Seit Freitagmittag sind er und seine Mutter durch Berlin gelaufen, erzählt er, ziellos, die ganze Nacht hindurch. Jetzt versuchen sie es erneut beim Hostel an der Saalestraße. Die aber sagen: Alle Zimmer voll. „Wir sind seit mehr als 24 Stunden wach“, sagt Fahed am Samstagmittag. Er klingt nicht müde, sondern wütend.

Wütend, zumindest fassungslos, sind fast alle der Bewohner, die man in der Saalestraße vor dem Hostel trifft. „Wir hatten nur fünf Minuten, um zu packen“, sagt eine Mutter kopfschüttelnd. In ihrem Fall bedeutete das: Fünf Minuten, um für vier kleine Kinder zu packen – für unbestimmte Zeit. „Unmöglich“, sagt die Frau, deren Kopftuch farblich perfekt zum Mundschutz passt. In der Hand hält sie eine Tragetasche von Primark, 500 Euro habe sie heute zahlen müssen für Kleidung zum Wechseln.

Einer ihrer älteren Söhne, der Krankenpfleger ist, hat eine klare Meinung: „Das ist struktureller Rassismus“, sagt der 26-Jährige, der Vollbart und Dutt trägt. Fast alle Bewohner in dem Haus hätten Migrationshintergrund. Vier Tage lang hätte man sie in dem einsturzgefährdeten Haus wohnen lassen. Die Bewohner seien kaum informiert worden, würden jetzt vom Amt rücksichtslos von Unterkunft zu Unterkunft geschoben. „Wir spüren hier gerade sehr genau die Haltung des Amts: Wenn ihr Migrationshintergrund habt, seid ihr uns egal“, sagt er.

Das Bezirksamt widerspricht: Mit Rassismus habe die Behandlung nichts zu tun. Der Fall sei auf andere Weise „speziell“, so formuliert es Christopher Dathe vom Neuköllner Stadtentwicklungsamt. In anderen Fällen von Hausbränden in Neukölln seien bisher die Hausverwaltungen aktiv geworden und hätten den Bewohnern Alternativen angeboten. Universa aber, die Hausverwaltung in der Jahnstraße, habe sich erst nach Tagen beim Bezirk gemeldet. Bewohner erzählen, dass der Eigentümer auf ihre Anrufe seit einer Woche gar nicht reagiert.

Also ist jetzt der Bezirk am Zug – der auf einen solchen Fall offensichtlich nicht vorbereitet ist. Zurzeit recherchiere man noch, welche Ansprüche eigentlich Mieter und Bezirk gegenüber dem Eigentümer haben, so Dathe. So lange das nicht geklärt ist, haben die Bewohner der Jahnstraße für den Bezirk aber schon mal einen Status: obdachlos. Und Dathe erklärt: Um Obdachlose unterzubringen, stünden dem Bezirk laut Allgemeinem Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG) eben nur 25 Euro zu. „Das ist hier natürlich ein anderer Fall“, sagt Dathe. „Diese Leute sind durch eine extreme Notlage obdachlos geworden.“ Dem Bezirksamt sei bewusst, dass die ASOG-Regelung in diesem Fall ein „sehr unlängliches Rechtsinstrument“ sei. Doch: Man könne es nicht ändern, behauptet Dathe.

Die Bauaufsicht verlege nun Sonden, mit denen die Bewegung im Mauerwerk überprüft werde, so Dathe. Man hoffe, dass man schon Anfang der Woche erste Daten habe und zumindest die Begehbarkeit wieder herstellen könne. Möglich sei aber auch, dass das Haus unbewohnbar bleibt. „Dann sind diese Leute gefordert, sich neue Wohnungen zu suchen.“

Ungeklärt bleibt am Wochenende die Frage, warum die rund 20 Familien am Montag überhaupt in das Haus zurückgelassen wurden und der Statiker es erst vier Tage später als einsturzgefährdet einstufte. Die Feuerwehr verweist auf die Bauaufsicht des Bezirksamts: „Wir beurteilen weder die Standfestigkeit von Gebäuden noch die Brandursache, noch geben wir Brandstellen frei“, sagte Feuerwehr-Sprecher Rolf Erbe der Berliner Zeitung. Ob vor Donnerstag überhaupt ein Statiker des Bezirks da war, um die Lage zu prüfen? „Ich gehe davon aus“, sagt Dathe. Ein „Ja“ ist das nicht.