Sie bleibt unvergessen: Silly-Frontfrau Tamara Danz, die jetzt 70 Jahre alt geworden wäre. 
Sie bleibt unvergessen: Silly-Frontfrau Tamara Danz, die jetzt 70 Jahre alt geworden wäre.  Imago/Gueffroy

Die CD „Mont Klamott“ läuft. Eine  kraftvolle Frauenstimme erfüllt mein Zimmer. Die von Tamara Danz, die am 14. Dezember 70 Jahre alt geworden wäre. Viel zu früh ist 1996 diese großartige Sängerin von uns gegangen. Doch es ist, als wäre sie noch immer da – mit ihrer wilden Frisur und dem unbeschreiblich aufregenden Outfit.

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Ich frage mich, wie Tamara heute wohl aussehen würde. Eines bin ich mir aber sicher: Die einstige Diplomatentochter, die zur unsterblichen DDR-Rock-Queen wurde, würde garantiert noch heute mit 70 auf der Bühne stehen und uns mit ihrer Stimme Mut machen. Denn das konnte sie.

Hoffnung geben, Mut machen – es war auch so, als ich Tamara Danz das erste Mal begegnete. 1987 in Salzwedel, als ich noch kein Journalist war, sondern in dieser Stadt mit damals 20 Jahren als DDR-Soldat nicht gerade die schönste Zeit meines Lebens erlebte. Das einzige Gute: Ich bekam den Befehl,  ein paar Karten für ein Silly-Konzert für die Kompanie besorgen.

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Auf der Suche nach dem Schalter stand sie im Kulturhaus Salzwedel plötzlich vor mir. Die Band machte gerade auf der Bühne den Soundcheck, als die Frontfrau mit ihrer markanten wilden Frisur auf mich mit einem Glas Rotkäppchen-Sekt zukam. Ich erinnere mich noch genau, wie ihre Augen meine Uniform musterten und sie merkte, dass ich mich in diesem Aufzug nicht gerade sehr wohl fühlte.

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Tamara Danz bei einem Silly-Konzert im Palast der Republik: Das Foto entstand zu jener Zeit, als unser Autor seine erste Begegnung mit der Sängerin hatte.
Tamara Danz bei einem Silly-Konzert im Palast der Republik: Das Foto entstand zu jener Zeit, als unser Autor seine erste Begegnung mit der Sängerin hatte. dpa/DB ZB

Tamara besorgte noch ein zweites Glas Sekt und reichte es mir und sagte, in dem sie auf meine Uniform deutete: „Auch diese Zeit geht vorbei. Du wirst sehen – eines Tages bist du wieder frei. Alles wird  gut!“ Ich war sprachlos, ich hatte verstanden. Tamara Danz, die DDR-Rock-Queen, sprach auf einmal so offen etwas aus, das nun überhaupt nicht im Sinne des Staates sein konnte, in dem wir damals lebten. Vor allem einem Menschen gegenüber, den sie gar nicht kannte.

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Tamara Danz zum 70.: Sie hatte einfach den Mut, offen zu sagen, was sie dachte

An dem folgenden Abend erlebte ich dann mein erstes Silly-Konzert. Ich sah Tamara, wie sie als „Wilde Mathilde“ den Saal zum Kochen brachte. Und immer wieder hörte ich die Worte, die sie mir Stunden zuvor sagte und die mir dann am Ende auch Mut machten, den Rest meiner 18-monatigen Soldatenzeit zu überstehen. Tamara Danz hatte meine Seele getroffen.

Tamara Danz auf der legendären Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November  89, rechts Silly-Musiker Ritchie Barton
Tamara Danz auf der legendären Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November 89, rechts Silly-Musiker Ritchie Barton Imago/Rolf Zöllner

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Heute weiß ich: Tamara hatte einfach den Mut das zu sagen, was sie gerade dachte und für richtig hielt, egal, wer da vor ihr stand. Auch in ihren Liedern war das so. Sie gehörte zu den Künstlern in der DDR, die offen die Zustände im Land kritisierten.

Auch später, im wiedervereinten Land, erhob die Sängerin ihre Stimme, wenn es um die Benachteiligung der Ostdeutschen ging und uns daran erinnerte, dass sich keiner für seine Herkunft schämen müsse. Sie verstand, die Gefühle der Menschen zu treffen, mit dem, was sie sagte. Ich denke, auch in der heutigen Krisenzeit würde sie die richtigen Worte finden, die Mut machen und Hoffnung geben.

In diesem Sinne erhebe ich mein Glas Sekt, erinnere mich mit Dankbarkeit an meine erste Begegnung mit dieser wunderbaren Frau. Happy Birthday Tamara – wo immer du auch sein magst! Wir haben dich nicht vergessen!

Norbert Koch-Klaucke schreibt jeden Freitag im KURIER über Geschichten aus dem Osten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com