Peter Herbert ist Käfer-Jäger. Jetzt ist er im Oderbruch wieder auf der Pirsch.
Peter Herbert ist Käfer-Jäger. Jetzt ist er im Oderbruch wieder auf der Pirsch. dpa/Patrick Pleul

Der eine fährt Käfer, der andere fährt auf Käfer ab. Peter Herbert ist auch einer von der Sorte. Er hat das europäische Kulturerbe Oderbruch auf ganz besondere Art erforscht. Seit Jahrzehnten sammelt und präpariert der studierte Landwirt Käfer, die dort heimisch sind. Und nein, es geht nicht um die Autos, es geht um solche Käfer, die krabbeln! 

Wenn Peter Herbert im Oderbruch (Märkisch-Oderland) unterwegs ist, dann meist mit gesenktem Kopf, Kescher und griffbereiter Lupe. Erst vor wenigen Tagen ist dem 65-Jährigen ein ganz besonderer Fund quasi ins Netz gegangen – ein Rüsselkäfer. Der etwa ein Zentimeter große, graue Krabbler wirkt auf den Laien recht unscheinbar.

Bei Sammler Herbert löst er hingegen einfach nur Begeisterung aus. „Der gehört zu den sogenannten Urwald-Reliktarten, die nach der Eiszeit ursprüngliche Wälder besiedelten. Rüsselkäfer brauchen extrem stabile Lebensräume mit absterbenden oder toten Bäumen“, erläutert der Käfer-Fan.

Im Oderbruch sei diese Käferart noch nie zuvor entdeckt worden – kein Wunder, es fehle ja eine ursprüngliche Waldstruktur. Deshalb sei der Fund schon eine kleine Sensation, meint Herbert. „Zu erforschen ist jetzt, warum der Rüsselkäfer hier lebt, obwohl der bevorzugte Lebensraum so nicht stimmt.“

6000 aufgespießte Käfer-Präparate hat der Käfer-Jäger

Diese Arbeit überlässt er aber Wissenschaftlern, zum Beispiel jenen im Deutschen Entomologischen Institut Müncheberg (Märkisch-Oderland). „Das Institut übernimmt meine Sammlung – immerhin rund 6000 säuberlich aufgespießte und beschriftete Käfer-Präparate von 1500 Arten aus dem Oderbruch“, berichtet Herbert, der seit mehr als zehn Jahren eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung für sein Hobby hat.

Das Institut habe einen besonderen Fokus auf regionale und lokale Sammlungen. Da gebe es in Brandenburg so einige, bestätigt der Müncheberger Entomologe Stephan Blank. „Wir erschließen und inventarisieren sie, führen sie mit unseren eigenen Beständen zusammen.“ Wichtig sei es, die Sammlungen so aufzubereiten, dass das enthaltene Material für wissenschaftliche Untersuchungen gefunden werden könne, betont er.

Käfer-Jäger Peter Herbert zeigt einen Kasten mit präparierten Käfern an seinem Arbeitsplatz in seinem Haus im Oderbruch.
Käfer-Jäger Peter Herbert zeigt einen Kasten mit präparierten Käfern an seinem Arbeitsplatz in seinem Haus im Oderbruch. dpa/Patrick Pleul

Die Entomologische Sammlung des Institutes diene mit Daten und Verbreitungsmuster beispielsweise für die Erstellung Roter Listen für vom Aussterben bedrohte Arten, erklärt Blank. Insgesamt elf Käfer-Reliktarten seien bisher im Oderbruch festgestellt worden, ergänzt Herbert – zehn davon hat er gefunden.

Käfer-Jäger Peter Herbert führt durch Käfer-Ausstellungen

„Der größte eingedeichte Flusspolder Deutschlands ist also ein Hotspot der Artenvielfalt“, meint er stolz. Diese Häufung der Reliktarten sei schon besonders, meint Wissenschaftler Blank. „Im Oderbruch muss es also relativ alte, ungestörte Lebensräume geben, die besonders schützenswert sind“, schlussfolgert er.

Eine Krabbler-Art, die seit 1983 nicht mehr im Oderbruch gesichtet wurde, ist der imposante, fünf Zentimeter große Hirschkäfer. Ein präpariertes, aber in mehrere Teile zerbrochenes Exemplar hat Herbert gerade wieder mit Pinzette und Leimpinsel unter dem Mikroskop zusammengefügt. Es stammt aus der Sammlung des Oderbruchmuseums Altranft (Märkisch-Oderland), für das der gebürtige Sachsen-Anhaltiner seit 2016 als Sammlungsbetreuer arbeitet.

„In fünf Jahren hat er eine sehr schwierige Museumssammlung des alten Freilichtmuseums Altranft in einen gut geordneten Bestand umgewandelt. Sein enzyklopädisches Wissen vom Landleben ist für uns immer inspirierend“, sagt Museumsleiter Kenneth Anders.

Eine Auswahl der Herbertschen Oderbruch-Käfersammlung ist in großen Schaukästen und kombiniert mit Makrofotografien noch bis zum Jahresende im Schloss Altranft zu sehen. An den Wochenenden lässt es sich der 65-Jährige nicht nehmen, Besucher persönlich durch die Ausstellung zu führen. „Das Tolle ist, dass die Leute kommen und selbst noch Käfer mitbringen, die ich noch nicht kenne. Damit wächst die Sammlung weiter und ich kann mit einigen stundenlang fachsimpeln“, freut er sich.

Im Alter von zehn Jahren begann beim Käfer-Jäger die Leidenschaft für Insekten

Herbert zeige nicht nur seine naturkundliche Sammlung, sagt Museumsleiter Anders. „Er hat auch eine wunderbare Art, von den Käfern als Teil unseres Lebens zu erzählen. Im Publikum sind nicht nur Besucher aus der Nachbarschaft. Sondern auch Fachleute aus ganz Deutschland.“

Im Alter von zehn Jahren begann Herberts Leidenschaft für Insekten – inspiriert durch den Vater, der Biologe war, wie der Sammler erzählt. „Angefangen habe ich mit Libellen, doch nachdem ich dafür dreimal in den Bach gefallen war, konzentrierte ich mich auf Käfer – an Land.“

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Riesige Käfer wie Sägebock oder Hirschkäfer fand der Junge faszinierend, später wurden für Herbert auch die kleinen, nur wenige Millimeter großen Exemplare interessant. „Da konnte ich noch wahre Entdeckungen machen, ein bis dato recht unerforschtes Gebiet“, erinnert sich Herbert, der zum Landwirtschaftsstudium nach Berlin ging, der Liebe wegen dort blieb und weiterhin Käfer sammelte.

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Mitte der 90er-Jahren verliebte sich der Käfersammler bei Ausflügen ins Oderbruch und zog schließlich auf ein verlassenes Bauerngehöft. „Angesichts der intensiven Felderbewirtschaftung hier wirst Du keine Käfer finden“, sagte sich Herbert, bis er schließlich in einer Baumhöhle auf einen „Eremiten“ stieß, einen auch unter der Bezeichnung Juchtenkäfer bekannten großer Krabbler-Vertreter, der Mitte der 2000er-Jahre noch als Reliktart galt.

„Ab da fing ich wieder an, gezielt zu suchen, und konnte nicht mehr aufhören.“ Herbert hat längst noch nicht das komplette Oderbruch „abgegrast“, wie er zugibt. „Solange ich die Pinzette noch festhalten und die Präparate in winzig kleiner Schrift benennen kann, mache ich weiter.“