Ankunft ukrainischer Flüchtlinge am Hauptbahnhof. Sandra, 32, mit Baby Mark aus Kiew. Sabine Gudath

Wer morgens um sechs einen Platz in Eurocity von Warschau nach Berlin ergattert hat, ist mittags in Berlin. Viele Menschen aus der Ukraine, Frauen, Alte und Kinder, machen sich auf den Weg.  Am Dienstagabend sind etwa 1300 ukrainische Geflüchtete mit mehreren Zügen in Berlin angekommen. Die Zahlen steigen sprunghaft, sagt Berlins Sozialsenatorin Katja Kipping. 

Mit jedem Zug, der aus Richtung Frankfurt (Oder) kommend in der deutschen Hauptstadt einrollt, mit Bussen, mit Autos, die die Grenze  überqueren, kommt die Verzweiflung über den Verlust der Heimat und die Erleichterung in Sicherheit zu sein in Berlin an. Endstation Zuflucht.

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Dienstag kamen 1400 Menschen, Mittwoch fünf neue Direktzüge aus Polen

Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke) spricht am Mittwoch von „dramatischen Veränderungen“ und „sprunghaft“ gestiegenen Zahlen. Am Montag seien 350 Menschen vom Senat untergebracht worden, am Dienstag seien es bereits 1400 gewesen. Am Mittwoch würden erneut fünf Direktzüge aus Warschau am Hauptbahnhof erwartet, weitere Flüchtlinge kämen mit Bussen und Autos.

Zu ihnen gehören Sofia (16), Kolja (15) und Alina (21). Sie sind ohne ihre Eltern auf der Flucht. Aus Kiew sind sie über Uschgorod, Polen und die Slowakei nach Berlin gelangt. Fünf Tage sind sie schon unterwegs, todmüde und stumm vor Erschöpfung. Für die nächste Zeit kommen sie bei Bekannten in Köln unter. Noch einmal eine Reise mit dem Zug  und dann ankommen in der Ungewissheit. Einmal am Tag telefoniert Sofia mit der Familie in Kiew. Ihr Vater ist Offizier bei der ukrainischen Armee.

Sabine Gudath
Ankunft ukrainischer Flüchtlinge am Berliner Hauptbahnhof. Sofia, 14, aus Kiew ist ohne ihren Vater unterwegs nach Köln.

Wie viele Menschen aus der Ukraine derzeit insgesamt nach Berlin kämen, könne nicht erfasst werden, weil viele nicht registriert würden und über private Kontakte unterkämen, sagt Katja Kipping. Berlin und Deutschland müssten sich aber auf einen weiteren deutlichen Anstieg der Zahlen einstellen. Der Senat hatte am Dienstag angekündigt, zunächst Unterbringungen für 20.000 Flüchtlinge zu schaffen.

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Auf dem Bahnsteig, an dem die Züge aus Polen ankommen, hat der Senat einen Aufsteller mit Hinweisen platziert. Auf Englisch steht dort: „Ankommende Flüchtlinge, die nicht bei Verwandten oder Bekannten unterkommen können, sollen sich im Ankunftszentrum Oranienburger Straße 285, 13437 Berlin-Reinickendorf melden.“ Von dort aus wird die Verteilung auf Berliner Flüchtlingsunterkünfte organisiert. Helfer in Warnwesten, die Ukrainisch sprechen kümmern sich um die Ankommenden.

Auch im Untergeschoss des Hauptbahnhofs haben sich freiwillige Helfer postiert, damit der Bahnsteig oben nicht verstopft. Hier gibt es erste Hilfe bei der Vermittlung von Schlafplätzen oder Mitfahrgelegenheiten. Auch warme Getränke, Decken und etwas zu Essen werden ausgeteilt. Auch Marcus aus Karlshorst  hat sich auf den Weg gemacht, verteilt stabile Taschen an die, die keine geeigneten Tragetaschen für das Wenige haben, was sie auf die Flucht mitnehmen konnten. „Was wäre, wenn ich irgendwo ankäme und Hilfe bräuchte, alles was wir tun,  kommt zu uns zurück“, sagt der 47-Jährige.

Marcus, 47, aus Karlshorst, spendet Taschen. Sabine Gudath

Viele, die hier landen, wollen weiter zu Freunden in Deutschland. So wie Sandra aus Kiew. Die 32-Jährige hat ihren Sohn Mark auf dem Arm und einen kleinen Rollkoffer mit einem bunten Kuscheltier bei sich, als sie am Mittwochnachmittag  aus dem Zug aus Warschau steigt. „Kiew ist das Herz unseres Landes“ sagt sie über ihre Heimat, die sie nun verlassen musste. Die letzten Tage hat die junge Mutter in Lwiw verbracht. Bis Helfer ihnen rieten, jetzt die Grenze zu Polen zu überqueren. „In Kiew haben wir  Sirenen gehört, Feuerschein am Himmel gesehen. In Charkiw, welches unter schwerem Beschuss litt, mussten Verwandte sich in Kellern verstecken. Sie können die Stadt nicht verlassen. Meine Mutter und Freunde sind noch in Kiew. Ich habe große Sorgen um sie“, sagt die IT-Projektmanagerin.

Sabine Gudath
Sandra, 32, mit Baby Mark aus Kiew will weiter nach München.

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Während mit jedem Zug 50 bis 80 Geflüchtete ankommen, steuert Berlin auf einen Engpass an Schlafplätzen zu. Allein in den vergangenen 24 Stunden mussten rund 500 Menschen untergebracht werden. Der Zustrom nimmt weiter zu. Von den am Wochenende zur Verfügung stehenden 1300 Plätzen dürfte bereits jetzt ein großer Teil belegt sein. Für den Mittwoch waren fünf weitere Züge angesagt.

Geflüchtete aus der Ukraine kommen am Berliner Hauptbahnhof an. Der Zug aus der polnischen Stadt Przemysl an der polnisch ukrainischen Grenze brachte Hunderte von Flüchtlingen nach Deutschland. Imago/Jochen Eckel

Wo sollen die Geflüchteten aus der Ukraine untergebracht werden

Daher müssen jetzt schnell weitere Kapazitäten erschlossen werden. Auf die Frage, ob auch das ICC und die Messe Berlin für die Unterbringung von Flüchtlingen in Frage kommen, sagte Sozialsenatorin Katja Kipping, dies wäre vorweggegriffen. „Natürlich spielen wir all diese Varianten durch.“ Noch wäre es überdimensioniert, es könne aber sehr schnell eine Situation geben, in der man es brauche.

Noch in dieser Woche sollen neue Unterbringungsmöglichkeiten entstehen, etwa in einem reaktivierten Container-Dorf oder in einem sanierten Haus, das für die Unterbringung von Saison-Arbeitskräften gedacht war. Es gebe auch viele Angebote aus der Bevölkerung.

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Willkommensklassen für ukrainische Kinder

Für die Kinder, die ankommen, soll es kurzfristig die Möglichkeit geben, Schulen in Berlin zu besuchen. Nach dem Vorbild der Willkommensklassen nach 2015. Der Senat rechnet derzeit mit 20.000 Geflüchteten aus der Ukraine. Das sei aber nur ein „Zunächst“, sagte Berlins Bürgermeisterin Franziska Giffey. „Wir werden viele Kinder, Jugendliche, Frauen haben, die wir aufnehmen.“ Am Donnerstag soll es erste Schulungen für den Umgang mit Geflüchteten an Berliner Schulen geben.

Am Berliner Hauptbahnhof werden die Menschen gebeten, ins Ankunftszentrum in Reinickendorf zu kommen. Von dort werden sie weiter verteilt. Imago/Jochen Eckel

„Wir haben die Verpflichtung, die Kinder sehr zeitnah in Schule zu bringen“, sagte die SPD-Politikerin. Das solle zunächst in den vorhandenen Klassen passieren. „Wenn in jeder Klasse ein zusätzlicher Stuhl steht für ein Kind mit entsprechender Ausstattung, ist das zu verkraften“, sagte Giffey. „Das machen wir, das bereiten wir vor.“ Die Willkommensklassen seien eine Perspektive für die Zeit danach.