Der Verkehr fließt wieder. Seit Sonnabend sind die Grenzen zwischen Deutschland und Polen wieder offen. Foto: imago/Florian Gaertner

In der Nacht von Freitag auf Sonnabend sind ab 0 Uhr die Grenzen zwischen Deutschland und Polen wieder offen. Seit die Nachricht raus ist, jubeln Menschen in den Leserbriefspalten. „Endlich wieder Kippen kaufen“, so der einhellige Tenor. Die goldenen Zeiten für Brandenburger Tabakhändler in der Nähe der Grenze gehen aber damit zu Ende. Sie haben während der Corona-Krise und mit den damit verbundenen Grenzschließungen mehr Umsatz als gewöhnlich gemacht.

Ein Anruf in einem Lottogeschäft in Bad Freienwalde: Mehr als doppelt so viele Kunden, die Zigaretten kauften als sonst, hat Frau Stein in den vergangenen Wochen bedient. „Irgendwann haben wir aufgehört zu zählen“, sagt sie. Jetzt sei sie froh, dass sie demnächst wieder etwas durchatmen könne.

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Auch in Forst hat Gisela Heidelmann mit dem gleichnamigen Tabak-Geschäft die selben Erfahrungen gemacht. Viele ihrer neuen Kunden, die sonst in Polen kaufen, sind während der Krise auf selbst gestopfte Zigaretten ausgewichen, haben bei ihr den Feinschnitt-Tabak gekauft. „Vielleicht bleiben ja einige von ihnen dabei“, hofft sie.

Besondere Erleichterung in Grenzregionen

Ob in Guben, Forst, Schwedt oder Frankfurt (Oder), jeder, der in Berlin und östlich davon beim Rauchen Geld sparen will, kennt die Übergänge und die Preise:

„Zigaretten sehr günstig!“ oder „Original deutsche Zigaretten“ –  Werbeschilder auf den polnischen  Märkten in der Nähe der Grenze weisen den Weg für den Vorratskauf. Kostet eine Packung Zigaretten in Deutschland mittlerweile durchschnittlich 5,64 Euro, ist sie beim Nachbarn über zwei Euro billiger. Für viele ein guter Grund für den kleinen Grenzverkehr.

„Das spielt natürlich in der grenznahen Regionen eine Rolle. Dass es daher in den vergangenen Monaten hier etwas mehr Steuereinnahmen gegeben hat, sagt einem ja schon der gesunde Menschenverstand. Aber ob sich das beziffern lässt?“, Ingo Decker, Pressesprecher im Potsdamer Finanzministerium, ist skeptisch. Im Land könne man die Vermutung nicht mit Zahlen untersetzen, für die Tabaksteuer sei der Bund zuständig. 

Hohe Nachfrage nach selbst gedrehten Zigaretten

Anhand der Produktionszahlen von Tabak lässt sich jedenfalls regional eine Steigerung ablesen. Die Angestellten in den deutschen Werken von British American Tobacco und Phillip Morris mussten Extraschichten einlegen, heißt es im „Handelsblatt“. Philip Morris sieht besonders eine erhöhte Nachfrage nach Feinschnitt, also Tabak für selbst gedrehte Zigaretten. Die Kunden suchten in der Krise preisgünstigere Alternativen, sagt Vertriebschef André Sorge.  Die 300 Mitarbeiter im Werk Dresden hätten daher die Produktion erhöhen müssen.

Ganz so rosig sind die Wochen, auf die Jan Mücke zurückblickt, nicht. Der Geschäftsführer des Deutschen Zigarettenverbandes verweist auf viele kleine Familienunternehmen, die in der Krise hätten schließen müssen. Der Verband hat daher einen Hilfsfonds aufgelegt, 150.000 Euro verteilt. Unbestritten hätten in Grenznähe einzelne Geschäfte oder Tankstellen größere Umsätze gemacht, ein durchgängiger Vorteil für den Tabakhandel sei aber nicht erkennbar.

Ein weiteres Problem bekam auch die Grenzschließung für Bürger nicht in den Griff: Auch bei geschlossenen Grenzen war der Schmuggel von Zigaretten möglich, Lkw durften schließlich weiter passieren. Für Berlin etwa geht der Verband von einem anhaltend hohen Anteil an illegalen Zigaretten von 46 bis 49 Prozent aus.

Hälfte der Berliner Zigaretten nicht in Deutschland versteuert

Fast die Hälfte aller in Berlin gerauchten Zigaretten seien demnach nicht in Deutschland versteuert, ein Drittel davon geschmuggelt oder gefälscht, so Mücke.  Insgesamt machten die regionalen Effekte keinen Unterschied: Bis Jahresende rechnet Mücke mit einem normalen Verlauf, bei dem es jährlich einen Umsatzrückgang bei Tabakwaren von ein bis zwei Prozent gibt.

Wie sehr sich die Kunden in Grenznähe nun nach dem Einkauf in Polen sehnen, zeigt eine Umfrage aus Mecklenburg-Vorpommern, Leser des „Nordkurier“ wurden gefragt, worauf sie sich bei der Grenzöffnung besonders freuen. Mit Abstand die meisten Teilnehmer der Umfrage, 1535 Menschen, gaben an, Zigaretten kaufen zu wollen. Das sind etwa 42 Prozent.