Kinder spielen in einem Kindergarten. Foto: imago images/ITAR-TASS

Man nennt sie nicht umsonst liebevoll „Rotzgören“: Kleinkindern läuft gerne mal die Nase, auch Husten, Fieber und Durchfall sind in den meisten Familien gute Bekannte. Die Frage, wie angeschlagen der Dreikäsehoch noch in die Kita darf, kann schon in „normalen“ Zeiten für Spannungen zwischen Eltern und Kitaleitungen sorgen. Doch durch die Corona-Pandemie und die Wiederaufnahme des Regelbetriebs in Berliner Kitas hat sich die Situation zugespitzt: Ein leicht erkältetes, aber fieberfreies Kind sollte nach den Empfehlungen des Musterhygieneplans eigentlich zu Hause bleiben. Gleichzeitig haben viele Eltern wegen der Kitaschließungen freie und Kinderkrankentage aufgebraucht und sind dringend auf Betreuung angewiesen.

Bei Corinna Balkow von Landeselternausschuss Kita haben sich mehrere Eltern gemeldet, die ihre Kinder wegen leichter Krankheitssymptome wieder mit nach Hause nehmen mussten. Das Problem, so Balkow, sei jetzt noch kein riesiges: Wegen der Sommerferien gehen derzeit viele Kinder gar nicht in die Kita. „Aber alle sind sehr nervös, wie die Anordnungen im Herbst aussehen werden, wenn die Schnupfensaison beginnt“, sagte Balkow der Berliner Zeitung. „Wenn da weiterhin so streng vorgegangen wird, wird das für Eltern sehr schwierig.“

Kitas verlangen „Gesundschreibung“

Die Nervosität merken auch die Kinderärztinnen: Bei ihnen schlagen die Eltern auf und verlangen Atteste, dass ihre Rotznase kein Covid-19 hat. Viele Kitas verlangen eine solche „Gesundschreibung“, was bei den Kinderärzten wenig Begeisterung auslöst: „Atteste, welche einem Kindergartenkind bestätigen, ‚frei von ansteckenden Krankheiten‘ zu sein, sind medizinisch gesehen unsinnig“, heißt es in einem Schreiben des Berliner Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVJK). Der Grund: Kinder könnten auch vor Beginn oder nach Abklingen von Symptomen ansteckend sein, oder sich kurz nach dem Praxisbesuch anstecken. Oder währenddessen: „In der Infektzeit birgt jeder Aufenthalt in dem vollen Wartezimmer einer Kinderarztpraxis die Gefahr der Ansteckung bei anderen erkrankten Patienten“, so der BVJK. Ein Sprecher der Senatsverwaltung für Gesundheit sagte, man habe das Thema „auf dem Tisch“.

Die GEW Berlin sieht das Problem im Musterhygieneplan und fordert von der Senatsbildungsverwaltung, die Formulierungen zu ändern: „Aus Empfehlungen müssen feste Vorgaben werden, an denen man sich orientieren kann“, sagte Kitareferent Ronny Fehler am Donnerstag. Die Senatsbildungsverwaltung verlange von Erzieherinnen im Grunde, medizinische Einschätzungen vorzunehmen. „Das ist aber nicht ihre Aufgabe und führt zu Überforderung“, so Fehler.

Mit Augenmaß abwägen

Die Senatsverwaltung widerspricht: Eine Sprecherin sagte, es sei auch zu Nicht-Corona-Zeiten normal gewesen, dass Kita-Leitungen „im konkreten Einzelfall“ entscheiden müssten, ob das Kind in die Kita könne. „Und Kita-Leitungen wissen normalerweise sehr gut, ob eine Schnupfnase nur eine Schnupfnase ist oder Anlass für Besorgnis“, so die Sprecherin. Allerdings arbeite man gerade mit medizinischen Fachleuten an einem neuen Informationsschreiben für Kitas „mit dem Ziel, Infektionsschutz und den Anspruch der Familien auf Kinderbetreuung möglichst sorgsam und zugleich mit Augenmaß abzuwägen“.

Für etwas Beruhigung sorgt unter Erzieherinnen der Umstand, dass sie sich seit Beginn der Woche an einer von vier Stellen testen lassen können. Symptomlos, lediglich eine Voranmeldung online ist nötig. Der Landeselternausschuss fordert einen schnelleren Zugang zu Coronatests auch für Kitakinder und ihre Eltern. Laut Auskunft der Senatsgesundheitsverwaltung ist das derzeit allerdings nicht geplant.