2394 Mal wurden in diesem Jahr die Schulwünsche von Familien nicht erfüllt. Manche Kinder haben deswegen einen Schulweg von einer Stunde – und zwar morgens und nachmittags. Foto:  Imago Images/Ikon Images

Er ist gerade einmal elf Jahre alt. Ein Sechstklässler, der bisher noch mit dem Tretroller oder dem Rad zur Grundschule fahren konnte. Weniger als 20 Minuten hat das gedauert – egal, ob von der Wohnung der Mutter in Prenzlauer Berg oder von der des Vaters in Friedrichshain. Nach den Ferien wird sich das ändern: Denn der Junge wurde an keinem der drei Gymnasien in Friedrichshain-Kreuzberg oder Pankow angenommen, die seine Eltern als Wunschschulen angaben. Stattdessen wurde der Familie kurz vor Pfingsten mitgeteilt: Er erhält einen Platz an einem Gymnasium in Altglienicke, am äußersten Rand von Treptow-Köpenick.

Die Mutter ist verzweifelt, doch sie befürchtet, wenn sie die Schulauswahl offen kritisiert, wird das für den Elfjährigen Nachteile in der Schule bringen. Wir nennen die beiden also Susanne und Jonathan Schmidt. „Es ist mir grundunsympathisch, zu klagen“, sagt sie. „Aber ich habe das Gefühl: Ich muss es tun, für mein Kind.“

Für Jonathan bedeutet der Brief kurz vor Pfingsten: In Zukunft zwei Mal Umsteigen, 21 Kilometer Fahrtweg mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch die Stadt. Mindestens 50 Minuten Anfahrt bei der kürzesten Verbindung, viele andere liegen bei knapp über einer Stunde. „Das ist nicht so top“, sagt Jonathan. „Sehr schade“ findet er vor allem, dass er so weit entfernt von seinen Freunden zur Schule gehen soll.

Auch Susanne Schmidt macht das Sorgen. In Pankow leben, aber alle Freunde in Altglienicke haben? Das ließe sich managen, aber eben mit viel Mühe, mit viel Fahren, sagt sie. Wirklich verärgert aber ist sie über das Vergabesystem an sich, das ihrem Sohn trotz einer Gymnasialempfehlung und einem Notendurchschnitt von 2,1 schon in der sechsten Klasse klar signalisiere: Das reicht eben nicht. „Zu schlecht für Friedrichshain – das habe ich immer wieder gehört“, sagt die 52-jährige Therapeutin. „Dabei ist mein Sohn ein guter Schüler.“

Schulplätze in Berlin fehlen. Besonders wachsende Bezirke haben Probleme, den Bedarf an den weiterführenden Schulen zu decken. Eltern melden sich an einer Wunschschule an – und äußern auch einen Zweit- oder Drittwunsch. Jedes Jahr kommt es dabei zu Fällen wie bei Jonathan: Kinder, die an allen drei Wunschschulen keinen Platz erhalten – und in einem anderen Bezirk einen Platz zugewiesen bekommen.

Zehn Prozent der Plätze an einer Schule sind Härtefällen vorbehalten, 30 Prozent werden verlost, 60 Prozent werden nach den Kriterien der Schule vergeben. Die meisten Schulen legen sich auf die Noten als alleiniges Kriterium fest. Die Briefe sind noch nicht an alle Eltern verschickt, die Bildungsverwaltung hat aber schon ein Fazit gezogen: Mit 23.800 Schülern hätten 90,9 Prozent einen Platz gemäß Erst-, Zweit- oder Drittwunschangabe erhalten – 650 Schüler mehr als im Jahr zuvor. Doch vielen Kindern geht es immer noch so wie Jonathan: 2394 Mal wurden die Wünsche von Familien nicht erfüllt.

Susanne Schmidt will noch alles versuchen, um ihrem Sohn den weiten Weg zu ersparen. Das bedeutet für sie: Bei Schulen in der Nähe nachfragen, ob nicht doch noch Kinder abspringen. Und eine Klage vorbereiten, trotz allem Unbehagen.