Vorzimmer des Büros von Erich Mielke im Stasimuseum in Berlin-Lichtenberg. Foto: imago images/Jürgen Ritter

Nach nunmehr 30 Jahren wage ich es, mich zum zweiten Mal nach dem Ende der DDR an einer öffentlichen Debatte zu beteiligen. Mit großem Interesse begleite ich Ihre Serie „Zeitenwende“. Ich lese fast jeden neuen Beitrag und jedes Interview in Ihrer Reihe.

Mir gefällt, dass Sie Personen und Zeitzeugen vorstellen, die nicht im Fokus der Geschichte standen, aber mit Alltagsgeschichten aus Ost und West zu Wort kommen dürfen. Auch deren Geschichten sind aufschlussreich, informativ und verdeutlichen die damals komplizierten Vorgänge. Ich zähle mich mit meiner Biografie dazu. Darf ich davon erzählen und hoffen, nicht kompromittiert zu werden?

Eine Möglichkeit, der Provinz zu entkommen

50 Berufsjahre liegen hinter mir. 1970 begann ich eine Lehre für den damals sehr begehrten Beruf eines Rundfunk- und Fernsehmechanikers in tiefster DDR-Provinz. 1974, kurz vor der Entlassung aus meinem 18-monatigen Grundwehrdienst, kam man unerwartet auf mich zu und fragte, ob ich mir vorstellen könne, in der Hauptstadt zu arbeiten, im Ministerium für Staatssicherheit, als Techniker. Das konnte ich mir 1974 sofort und sehr gut vorstellen.

Die Möglichkeit, der Provinz zu entkommen, nie wieder Reparaturberichte manipulieren zu müssen und mit nur 20 Jahren bei doppeltem Monatslohn von 850 Mark nach Berlin zu ziehen, um dort grundehrlich weiterarbeiten zu dürfen, konnte ich damals nicht ausschlagen. Wenig später habe ich eine Ein-Raum-Hinterhauswohnung in der Kastanienallee bezogen. Mit 17 Mark Monatsmiete, Außentoilette und natürlich Kohleheizung. Aber es war mein erstes Habitat. Hier habe ich Liebe, schweres Herz, Hinterhausglück und Jugend im besten Sinne gelebt.

Meine zweigeteilte Biografie endete nach 19-jähriger Berufstätigkeit in der DDR und nach weiteren 29 Jahren Arbeit in der geeinten Bundesrepublik. Darin war ich keinen einzigen Tag arbeitslos. 2018 habe ich meinen Rentenantrag gestellt und bin bis heute – zeitlich reduziert – im Unternehmen weiterbeschäftigt.

Ich arbeitete bis zur Wende 1989 im administrativen Bereich des MfS, installierte Videoanlagen und war mit deren Wartung, Instandsetzung, Dokumentation und mit der Reparatur von Rundfunk- und Fernsehgeräten beschäftigt. Der administrative Bereich des MfS wird bis heute selten oder nie erwähnt. Dieser umfasste aber eine große Anzahl von Mitarbeitern, die mit der eigentlichen Geheimdiensttätigkeit gar nichts zu tun hatten. Darunter fielen Personenschützer, Passkontrolleure, Militärausbilder, Küchenpersonal, Kfz-Mechaniker, Fahrer, Schlosser, Tischler, Ärzte, Krankenschwestern, Techniker und Hausmeister. Letztere taten nichts anderes, als Tag und Nacht Kohlen auf die Heizkessel zu schaufeln, damit das jeweilige Objekt mit Wärmeenergie versorgt wurde. Und in jeder Abteilung gab es Mitarbeiter, die allein mit Materialbestellung, Rechnungslegung oder der Erfassung und Statistik von Karteikarten oder Urlaubsanträgen zu tun hatten, ohne Einblick in die operative Arbeit am Menschen zu bekommen oder jemals einen IM gesehen, gekannt oder gar selbst geführt zu haben.

Regale mit Papiersäcken, die mit zerrissenen Stasi-Akten gefüllt sind. Foto: dpa/Bernd Wüstneck

Ein völlig überforderter Minister

Anders als heute, wo externe Unternehmen die administrativen Aufgaben übernehmen, war es beim MfS Gesetz, dass ausnahmslos jeder, der für die Staatssicherheit arbeitete, ein Hauptamtlicher Mitarbeiter werden und dazu eine militärische Verpflichtungserklärung unterschreiben musste, auch ein Hausmeister. Selbst schuld, kann man heute sagen, aber – in meinem Fall – man schrieb das Jahr 1974! Natürlich nagen in mir bis heute Zweifel und die „Wende“ hat auch bei mir viele Wunden geschlagen. Im Rückblick waren wir Leibeigene, Arbeitszeiten wurden befohlen, nicht verhandelt. Unverzeihbar und viel zu oft habe ich meine Ehefrau und meinen Sohn in falsch verstandener Pflichterfüllung allein gelassen. Mit Enttäuschung und Scham blicke ich auf die damalige Führungsriege der Staatssicherheit zurück, an deren Spitze ein völlig überforderter 82-jähriger Minister stand, der zusammen mit seinem Stellvertreter den elementaren Schutz der eigenen Quellen nicht gewährleisten konnte.

Es ist für mich befremdlich, dass bis heute Journalisten Unsinn und Vermutungen über das MfS behaupten und veröffentlichen dürfen. Der urplötzliche Hass auf die Staatssicherheit nach 1989 ist mir bis heute unerklärlich, denn ich selbst und alle mir bekannten Kollegen haben diesen Beruf nicht angetreten, um die DDR-Bevölkerung willentlich zu verärgern oder zu schikanieren. Ich wohne seit 1983 in einem Hochhaus mit 29 Nicht-MfS-Familien zusammen. Von keiner Familie trafen mich damals irgendwelche Vorwürfe, denn sie wussten, wo ich arbeitete und dass ich mich nicht für meine Arbeit schämen muss.

Hat der letzte DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel vielleicht recht, wenn er sagt: „Aber als die Westdeutschen dann die Gewissheit hatten, dass ihre Akten nicht mehr da sind, haben sie die Ostdeutschen gegeneinander aufgehetzt. Das ist nach meinem Dafürhalten bewusst so gemacht worden, um die Ostdeutschen führungslos zu machen. Jeder helle Kopf wurde mit Stasi-Vorwürfen plattgemacht. Völlig undifferenziert. An allem war die Stasi schuld … Der Dumme sucht die Erklärung für seine Dummheit und seine Misserfolge in der Stasiakte ...“

Für 14 Jahre MfS-Zugehörigkeit sind mir die Versorgungsbezüge für Rentenansprüche gekürzt worden, obwohl sie gezahlt und uns definitiv nicht geschenkt wurden. So hat man in der bundesdeutschen Vergangenheit weder einen hochrangigen Nazi noch dessen Witwe oder irgendeinen Schwerverbrecher bestraft. Darf ich darüber ein wenig verärgert sein? Ich wehre mich vehement gegen das vorherrschende Bild, dass wir damaligen Mitarbeiter des MfS ausnahmslos Karrieristen, Idioten und Kriminelle waren, die in einer „Diktatur“ in faschistoider Art und Weise völlig gesetzlos handeln durften.

Politisch entwurzelt

Das sind die Hauptgründe, warum ich mich nach der Wende nie mehr in gesellschaftliche, politische oder gar parteiinterne Vorgänge, Debatten und Ereignisse eingemischt habe. Wo sollte ich das auch tun, wenn gesellschaftlicher Konsens darin besteht, sich von einem ehemaligen Stasi-Mitarbeiter schnellstmöglich abzuwenden, aufzuschreien oder mindestens Entrüstung zu heucheln. Politisch wurde ich entwurzelt und bin bis heute jeder Partei gegenüber skeptisch geblieben.

Selbst nach 30 Jahren vermehren sich unaufhörlich die Heldenberichte vom Widerstand der DDR-Bürger und ermüden mich zugleich. Seit 30 Jahren höre ich die immer gleichen Reden von den immer gleichen Leuten. Welche Verdienste sie auch immer haben, die Genannten und deren Meinungen bilden doch bei weitem nicht die Mehrheit der ehemaligen DDR-Bevölkerung ab. So viel Leid und Opfermut ist konstruiert, die gab es nicht in der Breite des Volkes.

Nur zur Erinnerung, ohne Anklage und ohne hasserfüllten Rückblick:

- Vergessen, wie Handwerker zu DDR-Zeiten Baumaterialien aus ihren Betrieben stahlen, um diese am Wochenende für Westgeld in privaten Haushalten oder Datschen zu installieren? Oder wenn wir uns beim Friseur, in der Autowerkstatt, vor Gaststätten, eigentlich in allen Dienstleistungsbereichen hinten anstellen durften, weil Leute mit Westgeld jederzeit bevorzugt wurden?

- Vergessen, wenn eine schwangere Frau aufgebracht ihre Stimme erhob, weil sie kurz vor ihrer Niederkunft vom vertrauten Gynäkologen verlassen wurde, weil der über Nacht in den Westen floh? Wer zählte die enttäuschten Schüler, die von ihrer Lehrerin verlassen wurden? Waren Berufstätige aus der DDR niemals entmutigt, wenn ihre Chefs ihr Land verließen?

- War es in den 1950er- oder 60er-Jahren gerecht, wenn junge Facharbeiter oder Studenten, die ohne jede finanzielle Belastung Lehre oder Studium in der DDR absolvieren konnten, danach umgehend in den Westen Deutschlands gingen? Hat jemals ein „mutiger und selbstloser Fluchthelfer“ aus dem Westen ehrlich erklärt, wie viel Geld er an der Abwerbung von Fachkräften und deren Flucht aus der DDR verdient hat?

- Waren das nicht jene Widersprüche, Missverhältnisse und Ungerechtigkeiten, die über lange Zeit viel mehr DDR-Bürger wütend gemacht haben und verärgerten als Staatssicherheit und Polizei zusammen?

Heute gibt es „Reichsbürger“, „Querdenker“, QAnon-Anhänger, Corona-Leugner, Impfgegner sowie rechte und linke Idioten. Die stärkste Oppositionspartei heißt AfD. Allen gemeinsam ist, dass sie immer lauter, selbstbewusster und scheinbar immer zahlreicher werden. Rundfunk, Fernsehen und auch die Printmedien geben ihr Bestes dazu, weil sie nach Aufmerksamkeit und Absatz gieren.

Weder indoktriniert noch verblendet

Gab es seit 1945 jemals mehr Dummheit in unserem Land? Was lehrt und was macht das viel gerühmte föderale und freiheitlich-demokratische Bildungssystem aus unseren jungen Menschen? Kein Wort wird täglich mehr strapaziert als das der „Freiheit“. Dass diese Freiheit aber mindestens zwei Geschwister hat, nämlich Disziplin und Verantwortung, wird nicht weitervermittelt. Nährt sich daraus vielleicht so viel freches Selbstbewusstsein, tiefe Blindheit, Verbohrtheit und Desorientierung?

Ich habe nichts mit den genannten Menschen gemein und eine Wahl der AfD verbietet sich mir allein schon aus hygienischen Gründen. Politisches Denken, moralische Haltung und gesellschaftliche Orientierung wurden mir in der „DDR-Diktatur“ vermittelt. Widersprechen Sie mir, wenn ich denke, dass wir politisch weder vollkommen indoktriniert noch verblendet waren, sondern für ein aufrichtiges und anständiges Leben durchaus befähigt wurden.

Vielleicht sollte ich hinzufügen, dass ich mit meiner derzeitigen Lebenssituation durchaus zufrieden bin und keinesfalls ein alter, rückwärtsgewandter oder ewig nörgelnder Ignorant bin. Seit 41 Jahren bin ich mit meiner Ehefrau verheiratet. Seit 1983 bewohnen wir die gleiche Wohnung in Berlin-Pankow. Zu unserem gemeinsamen Sohn haben wir grundlegendes Vertrauen sowie ein gutes und aufrichtiges Verhältnis.

Ich stimme Herrn Lothar de Maizière zu, der zu Umbau und Entwicklung der Infrastruktur im Osten der letzten 30 Jahre meint: „Wer das nicht anerkennt …, ist entweder blind oder blöd oder böswillig.“

Und ja, die letzten 20 Berufsjahre waren für meine Frau und mich die erfolgreichsten unseres Arbeitslebens. Sie werden uns am stärksten in Erinnerung bleiben, weil jeder von uns in einem verlässlichen, verantwortungsbewussten Ost-West-Team arbeiten konnte. Achtung und Qualität waren Wesenszüge und wichtiger Inhalt unserer Arbeit, sie entsprachen unserem Naturell und waren uns stets Freude und Gewinn.

Anmerkung der Redaktion: Aus Furcht vor Anfeindungen hat der Autor darum gebeten, seinen richtigen Namen nicht zu veröffentlichen und er bat auch darum, nicht fotografiert zu werden. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.