Rainer Geike (67) hat in seinem Buch gesammelt, was der Osten im Alltag gekostet hat. Sabine Gudath

In „Teubers Parkidyll“ in der Schulstraße in Pankow kostete der Eisbecher „Krim“ – Halbgefrorenes mit in Rotwein eingelegten Erdbeeren 4 Mark fünfzig. Die angeblich chinesischen Eierkuchen „Mu Wu Lan“ mit Schokolade und Ingwer waren schon für 2 Mark fünfundfünfzig zu haben. Schweinemedaillons „Tauentzien“ hauten mit 7 Mark 30 ganz schön rein.

Man könnte stundenlang in der Speisekarte stöbern und staunen. Heute, wo steigende Preise durch Inflation in aller Munde sind und man sich fragt, was kriege ich noch für mein Geld, lohnt sich der Blick zurück in ein Land vor unserer Zeit.

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Rainer Geike betreibt diesen Blick professionell und gibt im Selbstverlag Bücher heraus, die auflisten und erzählen, was in der DDR wieviel kostete. Vom Ehekredit für junge Leute bis zum Bier im Konsum. Von Abziehbildern bis Zigaretten. Geike sammelt und dokumentiert alles, worauf sich ein EVP Wert befindet.

Sammlung und Buch Rainer Geike: „Geld und Preise in der DDR – was bekamen wir für unser Geld“. Repo Gudath

EVP, was war das noch mal? „So eindeutig kann man das gar nicht sagen“, so Rainer Geike. Die Abkürzung stehe mal für Einzelverkaufspreis oder Endverbraucherpreis, meint er. Auch Einzelhandelsverkaufspreis kann gemeint sein. In den Anfangsjahren der DDR wurden sogar Preislisten gedruckt, die die wichtigsten Preise für Waren und Dienstleistungen auflisteten. Erhöhte Preise sollten gemeldet werden.

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Rainer Geike ist, seit er 15 Jahre alt ist, in seiner Freizeit Numismatiker, das heißt, er beschäftigt sich gern mit Münzen und Zahlungsmitteln aus aller Welt. In seinem Büro in Panketal hat er eine beachtliche Sammlung an Münzen und Scheinen zusammengetragen. „Die meisten fragen irgendwann, was man damit kaufen konnte,  wenn sie die Ostscheine und Münzen sehen“, sagt Geike.

Die DDR-Schrippe kostete überall 5 Pfennig

Um diese Fragen beantworten zu können, startet er zunächst im Bekanntenkreis einen Aufruf. Auch fängt  Geike an, selber in alten Unterlagen nachzuforschen. Was kostete die Miete (81 Mark für eine Plattenbauwohnung in Halle), was die Versicherung in der DDR. Ein Nachbar bringt alte Zigarettenschachteln, Salem für 1,60 Mark, Juwel für 2,50 M. Der Einheitspreis für eine Semmel betrug in der DDR 5 Pfennig, weiß ein anderer. Ein riesiges Forschungs- und Sammelgebiet tut sich auf und Rainer Geike befällt das Preis-Fieber.

„Das erste Mal als ich einen Artikel darüber verfasst habe, was die Dinge in der DDR kosteten, haben auch die Frauen der Hobby-Numismatiker ihn interessiert gelesen“, sagt er. Das erste Buch, welches mit Fotobeweis auflistet, wie die Preise im DDR-Alltag waren ist fertig, das zweite derzeit in Arbeit.

Diesen Taschenrechner kaufte Rainer Geike für 600 Mark. Sabine Gudath

Der Alltag in der DDR war geprägt von einer gänzlich anderen Gewichtung in der Preisgestaltung und Subventionierung als heute. Von seinem ersten Gehalt als Ingenieur der Verfahrenstechnik (790 Mark brutto, 576 Mark netto) etwa, kaufte Rainer Geike sich einen gebrauchten Taschenrechner der Marke Sperry Remington. Dafür legte er einem Studenten 600 Mark  auf den Küchentisch. „1975 hatten von 200 Studenten vielleicht zwei einen Taschenrechner“, sagt Geike, der noch heute mit Tafelwerk und Rechenstab rechnen kann wie damals. Schon zwei Jahre später allerdings habe sich das Verhältnis umgekehrt, nur noch zwei von 200 hätten dann keinen Rechner besessen.

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Dass Geike mehr als ein Monatsgehalt für einen Taschenrechner ausgeben konnte, lag auch daran, dass der Alltag in der DDR ansonsten beim Grundbedarf kostengünstig war. Die Berliner Zeitung kostete 15 Pfennig, die BZA – der heutige Kurier nur 10 Pfennig. Die Eier hatten in der DDR einen (günstigeren) Sommer- und einen Winterpreis.  Die Tasse Kaffee in der HO Gaststätte Zentral in Halle kostete 85 Pfennig. Im Restaurant Wolga in Berlin bekam man schon für 35 Pfennig ein Ambassador Mineralwasser.

Bier war vergleichsweise teuer. Repro Sabine Gudath

Bier war im Laden vergleichsweise teuer. „Ein halber Liter normales Pils kostete in der Flasche 0,91 M. Das entsprach 18 einfachen Brötchen a 5 Pfennig. Oder man vergleicht den Bierpreis mit der Miete unserer ersten 2½-Zimmer-Wohnung (54,95 m²) in Halle-Neustadt, in der wir von 1977 bis 1985 gewohnt haben. Die Warmmiete für unsere Genossenschaftswohnung – also inkl. Warmwasser und Heizung – betrug 81,30 M. Davon hätte man 89 Halbliterflaschen Pils kaufen können. Verglichen mit heutigen Preisen war entweder das Bier sehr teuer oder die Miete sehr niedrig“, sagt Rainer Geike.

S-Bahnfahrt für 20 Pfennig

Für den Trabant allerdings legte man besser schon früh etwas zur Seite. Geikes Modell kostete mit Extras 12.323 Mark. Dafür war die Fahrt mit der S-Bahn für 20 Pfennig in Preisstufe 1 günstig. Die Monatskarte kommt mit 10 Mark an das  9-Euro-Ticket heute heran. Rainer Geike hat sogar einen Interflug-Plan ausgegraben. Demnach kostete ein Inlandsflug von Berlin nach Barth an der Ostsee 88 Mark. Kennen Sie jemanden, der in der DDR an die Ostsee flog?

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Leute aber, die im Betrieb in der Kantine aßen, kennt man zuhauf. Aber wissen Sie noch, wie günstig das Essen dort war? Eine Mark für Hackbraten mit Salat und Nudeln. Gebratene Jagdwurst mit Reis 75 Pfennig. So zeigt es ein Speiseplan eines Berliner Großbetriebs im April 1987.

Rainer Geike hat Tausende Preise aufgelistet, beim Lesen und Anschauen der Bilder versinkt man in vergangenen Zeiten und kramt immer neue Details hervor. Bürstenhaarschnitt eine Mark und achtzig, Kaltwelle mit Waschen 6,15 M.

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Repro Sabine Gudath
Ehekredit für junge Leute. Mit 5000 Mark konnte man schon einiges anfangen.

Der zweite Band „Geld und Preise in der DDR“ ist schon in Arbeit. Dafür sucht Rainer Geike noch Belege für Kosten im täglichen Leben: Wer also Kinokarten, Eintrittskarten für die Schwimmhalle, Monatskarten bzw. Schülermonatskarten der Berliner Verkehrsbetriebe, Belege zu den Preisen von FDGB-Reisen oder vielleicht eine Angebotsliste für diese Reisen noch zu Hause hat, der melde sich gern.

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