Eirin und ihre Töchter Lüci (11), Linni (7) und Linci (13, v. l.) genießen nach dem kühlen Frühling die Sonne.  Gerd Engelsmann

Eine sanfte Brise weht über den Tegeler See, die Sonne strahlt, 24 Grad. Herrlichstes Strandbad-Wetter. Dennoch verlieren sich die Gäste am Vormittag noch im „Strandbad Tegelsee“: Es hat sich noch nicht richtig herumgesprochen, dass es seit Donnerstag nach fünf Jahren wieder geöffnet ist. Zu kleinen Eintrittspreisen, mit denen die Besucher auch ein einzigartiges Sozialprojekt unterstützen. Vielleicht haben potenzielle Besucher sich auch wegen einer aktuellen Blaualgen-Warnung abschrecken lassen. Im klaren Wasser, 16 Grad kühl, ist kaum jemand.

Eirin (36) aus Reinickendorf mag das Bad – wegen der Rutsche im Wasser und des Trampolins für ihre drei Töchter, aber auch, weil der Sand so sauber ist, der sich in der Sonne schon aufheizt: „Eine meiner Töchter hat sich einmal in der Nähe des Strandbads an einer Scherbe verletzt.“ Als die Norwegerin hört, wem sie den Ort zu verdanken hat, ist sie noch mehr angetan: „Eine schöne Idee.“

Jungs spielen am Strand Volleyball. Gerd Engelsmann

Über Jahre hinweg hatte sich nämlich niemand gefunden, der das Bad pachten wollte, bis im Verein „Neue Nachbarschaft Moabit“ der Gedanke geboren wurde, Schönes und Gutes zu verbinden. Udo Bockemühl (52), nebenberuflich Bauleiter des Bads, fasst sie kurz zusammen: „Wir wollten Menschen, die es im Leben nicht so gut getroffen haben, eine regelmäßige, bezahlte Beschäftigung bieten, damit sie sich zum Beispiel um eine Wohnung bemühen können.“

Die Bezahlung liege über dem gesetzlichen Mindestlohn und richte sich nach der Qualifikation und Tätigkeit. Manche müssen erst einmal reinschnuppern, kommen nur einmal in der Woche, andere sind in Vollzeit beschäftigt.

Seeidyll mit Schwänen. Das Strandbad Tegelsee ist ein erholsamer Ort. Gerd Engelsmann

Nebenher schafft das Gelände auch noch die Möglichkeit, dass der Verein seine Veranstaltungen nicht nur in den beengten Räumen an der Beusselstraße anbieten kann.

Der Verein, der in Moabit neue und alte Bewohner zusammenbringt, um Einsamkeit zu verhindern und „soziale Teilhabe“ zu ermöglichen, wie Bockemühl sagt, bewarb sich bei einer Ausschreibung um das Bad, unterstützt vom Unternehmpaar Jil Bentley und Klaus Kögler als Mäzene, und bekam den Zuschlag.

Es begann harte Arbeit für die 400 Vereinsmitglieder und etliche Firmen: Seit Jahresbeginn wurden Dächer gedeckt und Toiletten saniert, wurde gemalert und Unkraut beseitigt, an jedem Wochenende waren bis zu 60 Mitglieder am Werk. 300 Bäume mussten gepflegt werden, was allein 30.000 Euro kostete. Den größten Anteil der Kosten, die sich nach Bockemühls Aussage auf eine Million Euro belaufen werden, machte eine neue Abwasserleitung aus.

Ute Singh hofft auf viele Menschen, die bei ihr eine Eintrittkarte kaufen. Gerd Engelsmann

Jetzt müssen nur noch die Besucher strömen, meint Ute Singh (54) im Kassenhäuschen. Die Empfangsdame, seit vergangenem Jahr arbeitslos, wohnt in der Nähe und hatte bei einem ihrer frühen Spaziergänge mit dem Hund ein Banner am Bad gesehen, dass Mitarbeiter gesucht würden.

„Auf dem ersten Arbeitsmarkt habe ich keine Chance mehr“, sagt sie, „und da habe ich mich beworben.“ Sie hofft auf eine ganzjährige Beschäftigung – im Winter plant der Verein temperaturabhängige Kulturveranstaltungen am Strand -, weil sie ohne Gehaltsnachweis keine Möglichkeit hätte, sich um eine kleinere, günstigere Wohnung zu bewerben. Sie lebt in Scheidung, die drei Töchter sind aus dem Haus.

Louay (l.) und Anas sind Schwimmlehrer und Rettungsschwimmer. Gerd Engelsmann

In einer ähnlichen Situation ist Louay Hasan (40), ein Lehrer aus Syrien, der in einer Ein-Zimmer-Wohnung lebt. Er will seine Verlobte Rim aus Syrien nachholen, die er seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hat. Das geht aber nur, wenn er genügend Wohnraum nachweisen kann. „Ich habe mich zum Rettungsschwimmer ausbilden lassen, und ich gebe Schwimmunterricht“, berichtet er, der mit seinem Kollegen Anas (42) bereits im Turnverein Waidmannslust Menschen das Schwimmen beibringt. Im Strandbad passen die beiden von einem Häuschen am Ende eines Stegs auf, dass niemand untergeht.

Roland Küster, mit Enkeltochter Isabell auf dem Arm, ist begeistert über die Wiedereröffnung des Strandbads. Gerd Engelsmann

Das Ehepaar Gerda (69) und Roland Küster (71) aus dem nahen Konradshöhe ist enthusiastisch über die private Initiative und das Engagement der rund 40 Mitarbeiter, die die Wiedereröffnung möglich machten . „Seit 32 Jahren wohnen wir hier, waren schon mit unseren vier Kindern im Strandbad“, sagt der Architekt, der mit Isabell auf dem Arm im kühlen Wasser steht: „Sie ist anderthalb Jahre alt und das jüngste unserer acht Enkelkinder – wir haben jetzt aber nur vier mit, sonst klappt das mit dem Aufpassen nicht.“

Noch ist nicht alles bis ins Letzte fertig: Am Imbissstand fehlt noch eine Preisliste (der Kaffee für 2 Euro ist hervorragend), und die Bude, die zur Leihbücherei für Badegäste werden soll, ist noch spärlich bestückt. Am Freitag soll das schon anders sein.

Ärgerlich ist nur, dass es immer noch nicht gelungen ist, eine Buslinie zu ermöglichen. Wer mit dem Bus 222 anreist, muss einen guten Kilometer von der Konradshöher Straße wandern. Der Parkplatz vor dem Eingang ist nicht besonders groß.

Das Strandbad, das auch mit einem vegetarischen Restaurant, Sport- und Yoga-Angebot aufwartet, ist täglich von 9 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 3 Euro, Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre zahlen nichts. Im Internet ist eine Selbstdarstellung des „Strandbad Tegelsee. Zentrum für Erholung und Kultur“ unter seeee.de zu finden.